Fühlen, wie sich die Sinne sammeln

Teresa von Avila / Foto: © wak

Lernt Selbstüberwindung, bleibt eine Zeitlang beharrlich dabei, und ihr werdet sehr klar sehen, welchen Nutzen ihr davon habt. Wenn ihr euch dem Gebet widmet, werdet ihr sogleich fühlen, wie eure Sinne sich sammeln: Sie sind wie Bienen, die in den Stock zurückkehren und sich dort einschließen zur Bereitung des Honigs… Und immer schneller werden sie dann beim ersten Ruf des Willens zurückkehren. Und endlich, nach unzähligen Übungen dieser Art, macht Gott sie für einen Zustand vollkommener Ruhe und Kontemplation bereit.

Teresa von Avila (1515 – 1582)

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Innere Freiheit und äußere Perspektive

Foto: © wak

Mystik bringt innere Freiheit und äußere Perspektive. Mystiker hören den Ruf, der sie auffordert, auf ihrem Weg nicht stehen zu bleiben. Es genügt ihnen nicht, sich häuslich niederzulassen, sie müssen immer weitergehen, immer mehr und mehr entdecken… Mystiker sind die Boten des interspirituellen Zeitalters, in welchem die gesamte Weisheit der Menschheit gesammelt und miteinander geteilt wird wie eine gemeinsame Tradition.

Wayne Teasdale (1945 – 2004) in: Das mystische Herz. Spirituelle Brücken bauen. o. O. 2004, S. 324

Wenn ein Gott dich berührt, wirst du zu flammender Glut

Wurzelnd ruhet der Berg, tief mit der Erde verwachsen,
Aber sein Scheitel ragt zu den Gestirnen empor.

Du bist beiden verwandt, mein Geist, dem Zeus wie dem Hades,
Und doch von beiden getrennt. Mahnend ertönt dir der Ruf:
Wahre dein Recht auf des Weltalls Höhn! Nicht haftend am Niedern
Sinke vom Staube beschwert dumpf in des Acheron Flut!
Nein, vielmehr zum Himmel empor! Dort suche die Heimat!
Denn wenn ein Gott dich berührt, wirst du zu flammender Glut.

Giordano Bruno (1548 – 1600)

Des Mysterium des Hierseins gewahr werden

Mögest du des Mysterium des Hierseins gewahr werden und eintreten in die stille Unermesslichkeit deiner eigenen Gegenwart.

Mögest du Glück und Freude finden im Tempel deiner Sinne.

Möge es dir, wenn neue Grenzen locken, nie an Ermutigung fehlen.

Mögest du dem Ruf deiner Gabe Gehör schenken und den Mut finden, ihrem Weg zu folgen.

Möge die Flamme des Zorns dich von jeglicher Falschheit befreien.

Möge Wärme des Herzens deine Gegenwart hell auflodern lassen, und möge dich die Angst niemals belangen.

Möge deine äußere Würde ein Spiegel sein der inneren Würde deiner Seele.

Mögest du dir die Zeit nehmen, die stillen Wunder zu feiern, die keine Aufmerksamkeit heischen.

Mögest du Trost finden in der geheimen Symmetrie deiner Seele.

Mögest du jeden neuen Tag als ein heiliges Geschenk erleben, gewoben um das Herz des Wunders.

 

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit. München 1999, S.133

Auf dem Grunde unserer Seele

Gott ist in unserem Innersten auf eine unvergleichliche Art gegenwärtig.
Eine verborgene Quelle murmelt in jedem von uns. In einer Welt, in der
das Nützliche und Effiziente über alles andere gesetzt werden, stellt das
Gebet die Zweckfreiheit wieder her. Auf dem Grunde unserer Seele
wartet eine enge Türe auf ihre Entdeckung, damit wir den Ruf hören, den
der Heilige Geist in uns aufsteigen lässt.

Jacques Gaillot (*1935)

Zwischen Erde und Himmel

Als guter Chinese glaube ich an den Atem – den Atem inbegriffen, der die Bewegungen der Erde beseelt. Und ich bin dem Atem der Erdbewegungen dafür dankbar, dass er den guten Einfall hatte, die Oberfläche der Erde nicht glatt und platt wie ein Brett zu lassen. Das wäre entsetzlich monoton und langweilig gewesen, entsetzlich ‚platt‘, wie man so treffend sagt. Ich bin ihm also dafür dankbar, dass er das wunderbare Ding ‚Berg‘ hervorgerufen hat – den Berg, der das Leben zur Höhe bringt und auf dem sich der Atem der Erde und der Atem des Himmels besser vermischen können. Aus dem Inneren des Berges entspringt die Quelle, sie fließt hinab, wird breiter und bildet einen Fluss. Berg und Fluss verkörpern dann besser als alles andere die beiden Lebensprinzipien yang und yin. Der Fluss fließt, macht die Ebenen fruchtbar; er symbolisiert auch das Fließen der Zeit, das scheinbar in gerader Linie und ohne Wiederkehr verläuft. Aber nein, die Zeit ist zirkulär und nicht linear: Das Wasser des Flusses verdunstet nach und nach beim Fließen; der Dunst steigt auf, wird zu Wolken und fällt als Regen auf den Berg nieder, um wiederum den Fluss an seiner Quelle zu nähren. Über dem ‚erdnah-nüchternen‘ Fließen in einer Richtung wirkt also eine kreisförmige Bewegung zwischen Erde und Himmel. Der Berg schickt seinen Ruf hinaus zum Meer, das Meer antwortet dem Berg – in diesem Lebensgesetz liegt Schönheit…

Francois Cheng, Fünf Meditationen über die Schönheit, München 2013, S. 52/53