Aufsteigen zum wahren Schauen Gottes

Photo by Julia Volk on Pexels.com

Hesychia ist Stillesein des Geistes und der Welt, Vergessen des Niedrigen, geheimnisvolles Erkennen des Höheren, das Hingeben der Gedanken für etwas Besseres als sie selber sind. Das ist auch das wahre Tun, das Aufsteigen zum wahren Sehen und Schauen Gottes  …

…so schauen die, die ihr Herz durch solches heilige Schweigen gereinigt und sich auf unaussprechliche Weise mit dem alles Denken und Erkennen übersteigenden Lichte vereinigt haben, Gott in sich wie in einem Spiegel.

Mönch Wassilij (1900 – 1985) Kloster St. Pantaleimon / Athos in: Die asketische und theologische Lehre des hl. Gregorius Palamas (1296 – 1359), Würzburg 1939, S. 33

Meisterung der Gedankenwelt

Photo by cottonbro on Pexels.com

„Innesein“ ist „Einsicht“ im wahrsten Sinne des Wortes. Einsicht ist eine Askese; sie führt zur Meisterung der Gedankenwelt, also zur richtigen Denkweise, die jeder Handlung ihren Sinn verleiht. Um richtig zu denken, ist es notwendig, seine Rechte, seine Pflichten, seine Verdienste, seine Wünsche, wie auch seine Absichten vorerst zu vergessen, um urteilslos zu verstehen. Kunst kann ein solches Verständnis vermitteln.

Frédéric Lionel (1908 – 1999) in: Abendland. Hüter der Flamme. Remagen, o.J., S. 104

Selbst Wirklichkeit sein

Fotographik (c) wak

Auf jeden Fall
wollen wir nicht vergessen,
dass Zen immer danach strebt,
uns die Wirklichkeit
unmittelbar erkennen zu lassen.
Das bedeutet,
die Wirklichkeit selbst zu sein,
so daß wir
mit Meister Eckhart sagen können:
„Christus wird jede Minute
in meiner Seele geboren“ oder
„Gottes Istheit ist meine Istheit“.
Wir wollen dies
in unserem Bewusstsein behalten,
wenn wir uns bemühen,
Zen zu verstehen…

Einführung von Daisetsu Teitaro Suzuki (1870 – 1966) zu dem Buch seines Freundes Shibayama Zenkei (1894-1974), A Flower Does not Talk. / Zen in Gleichnis und Bild, München 1974. Suzuki schrieb dies einen Tag vor seinem Tod.

Buddha finden im eigenen Geist

Keramik: Vincenzo Kavod Altepost

Es ist ganz unmöglich,
Buddha woanders zu finden
als im eigenen Geist.

Jemand, der das nicht weiß,
mag zwar im Außen suchen,
aber wie ist es möglich,
sich selbst zu finden,
wenn man woanders sucht als in sich selbst?

Wer sein eigenes Wesen außen sucht,
gleicht einem Narren,
der, bei einem Auftritt vor einer Menschenmenge,
vergisst, wer er ist,
und überall herumsucht, um sich zu finden.

Padmasambhava (8. Jh.)

Die Wand der Vorstellungen durchbrechen

Kirchenfenster von Josef Albers / Foto: (c) wak

Betrachten wir einen Augenblick den konkreten mystischen Weg. Die Wand der Vorstellungen, Begriffe, Bilder und Affekte wird beim Mystiker durchbrochen: Gott schenkt ihm, und er selbst erfährt, eine evidente Anwesenheit. Er hat das Gefühl, dass er sich selbst dabei vergisst, dass nunmehr die andere Anwesenheit alles ist. Er ist glücklich – denn besitzt er nicht den Unvergleichlichen? Dann aber, früher oder später, aber mit einer Art von Unvermeidlichkeit, geschieht ihm das überhaupt Unbegreiflichste (es geschieht ihm, wir verlassen also keineswegs das Gebiet der Erfahrung). Die Anwesenheit verschwindet, unheilbar, offenbar unwiderruflich; mit derselben Freiheit, mit der sie gekommen war. Das All wird von neuem Nichts.

Paul Mommaers: Was ist Mystik? Frankfurt/M. 1996, S. 63

Gott kann geliebt aber nicht gedacht werden

Foto: (c) wak

Jetzt wirst du mich fragen: „Wie soll ich an Ihn denken, und was ist Er?“ Darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es auch nicht. Denn du hast mich mit deiner Frage in die gleiche Dunkelheit und in die gleiche Wolke des Nichtwissens versetzt, in der ich dich selbst gern sähe. Denn alle anderen Geschöpfe und ihre Werke ja sogar die Werke Gottes selbst kann man durch Gnade zur Gänze erkennen, und es ist gut möglich, sich mit ihnen in Gedanken zu beschäftigen. Aber Gott selbst kann kein Mensch gedanklich erfassen. Und daher will ich alles, was ich denken kann, hinter mir lassen und zum Gegenstand meiner Liebe das erwählen, das nicht gedacht werden kann. Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe läßt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht. Und wenn es darum auch zuweilen gut ist, an die Güte und Erhabenheit Gottes im besonderen zu denken und wenn das auch den Geist erleuchtet und einen Teil der mystischen Kontemplation bildet, müssen doch solche Gedanken bei diesem Werk abgeworfen und mit einer Wolke des Vergessens bedeckt werden.

Wolke des Nichtwissens, 14. Jahrhundert, Kapitel 6

In Wahrheit das Selbst

Ramana Maharshi | Bild: Archiv

Das persönliche Selbst ist nichts anderes als das Gemüt: als solches hat es seine Einheit mit dem wahren Selbst verloren und hat sich im eigenen Netz verstrickt. Daher ist sein Suchen nach dem Selbst als einem eigenen ewigen und ursprünglichen Wesen, wie wenn ein Schäfer ein Lamm sucht, das er verloren wähnt, und er trägt es dabei auf seinen Schultern.

Aber das Ich, das so sein Selbst vergessen hat, gelangt nicht gleich zur Befreiung, nämlich zum wirklichen Erlebnis des Selbst, wenn es das Selbst einmal gewahr wird; da stehen lang angesammelte Neigungen und Gewohnheiten des Gemütes hemmend im Wege, und häufig bringt es den Leib und das Selbst durcheinander und vergisst, dass es in Wahrheit das Selbst ist.

Ramana Maharshi (1879 – 1950) in: Heinrich Zimmer, Der Weg zum Selbst. Lehre und Leben des Shri Ramana Maharshi. Kreuzlingen/München 1975, S. 171

Weg des Erwachens

Foto: (c) wak

Den Weg des Erwachens ergründen heißt
sein eigenes Selbst ergründen.
Sein eigenes Selbst ergründen heißt
sein eigenes Selbst vergessen.
Sein eigenes Selbst vergessen heißt
mit allen Bedingungen im Einklang zu sein.
Mit allen Bedingungen im Einklang zu sein
ist die Aufhebung von Geist/Körper
des Selbst und des Anderen.
Dann bleibt keine Spur von Verwirklichung.
Und diese spurlose Verwirklichung
setzt sich fort ohne Ende.

Eihei Zenji Dogen (1200 – 1253)

Einfache tiefe Sehnsucht nach Gott

Willst du also beten, vergiss alles, was du getan hast oder vorhast zu tun. Weise alle Gedanken ab, gleich ob gute oder böse. Gebrauche beim Beten keine Worte, es sei denn, du fühlst dich innerlich dazu gedrängt. Betest du aber doch mit Worten, so kümmere dich nicht darum, ob es viele oder wenige sind. Beachte sie nicht, denke nicht daran, was sie bedeuten. Mache dir auch keine Gedanken um die Art des Gebetes. Es ist völlig gleich, ob es offizielle liturgische Gebete sind wie Psalmen, Hymnen, Wechselgesänge oder Fürbitten, und auch, ob du nur in Gedanken betest oder vernehmlich.
Nur eines habe im Sinn: in deinem Herzen eine einfache, tiefe Sehnsucht nach Gott zu hegen. Denke nicht darüber nach, wer oder was er ist oder wie er sich in seinen Werken offenbart. Ruhe in dem einfachen Bewusstsein, dass er „ist”. Ich bitte dich, laß ihn so, wie er ist. Versuche nicht, ihn genauer zu erfassen und tiefer einzudringen, sondern bleibe in schlichtem Vertrauen verwurzelt in Gottes Sein wie in festem Grund.
Diese von allen Gedanken freie Aufmerksamkeit, die im Vertrauen wurzelt und gründet, wird dich von allem Denken und Wahrnehmen frei machen und dir nur das reine Bewusstsein und das dunkle Innesein deines eigenen Daseins lassen. Dein ganzes Empfinden aber ist erfüllt mit lauterer Sehnsucht nach Gott, die spricht:

„Mein Sein bringe ich dir, Herr,
ohne nach einer deiner Eigenschaften zu fragen.
Ich schaue nur darauf: Du bist.
Nur das habe ich im Sinn, sonst nichts.