Weil Du in mir die Mitte bist

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Ich finde Dich, wo ich, o Höchster, hin mich wende,
am Anfang find ich Dich und finde Dich am Ende.

Dem Anfang geb ich nach, in Dir verliert er sich,
dem Abschluss späh ich nach, aus Dir gebiert er sich.

Du bist der Anfang, der sich aus sich selbst vollendet,
das Ende, das zurück sich in den Anfang wendet.

Und in der Mitte bist Du selber das, was ist:
Und ich bin ich, weil Du in mir die Mitte bist.

Friedrich Rückert (1788- 1866)

Licht des Himmels und der Erde

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Gott ist das Licht des Himmels und der Erde,
Das Gleichnis seines Lichtes ist
Wie eine Nisch’, in welcher eine Leuchte,
Die Leuchte ist in einem Glas,
Das Glas ist wie ein funkelnder Stern,
Die angezündet ist vom Segensbaume,
Dem Oelbaum nicht aus Osten noch aus Westen;
Das Oel fast selber leuchtet, wenns
Auch nicht berührt die Flamme;
Licht über Licht – Gott leitet
Zu seinem Lichte, wen er will:
Gott aber prägt die Gleichnisse den Menschen,
Und Gott ist jedes Dings bewusst.

Übertragung der Lichtvers genannten Koran-Sure 24,35 durch Friedrich Rückert (1788 – 1866)

Überall ist Mittelpunkt und Wende und im Nu die Ewigkeit

Weder Anfang hat die Welt noch Ende,
Nicht im Raum noch in der Zeit;
Überall ist Mittelpunkt und Wende,
Und im Nu die Ewigkeit.

Wie du lebst von einem Nu zum andern,
Ewig eines lebest du;
Laß die Welt vorüber ruhlos wandern,
Und sieh‘ aus der Ruh‘ ihr zu.

Nicht mit unzulänglichen Gedanken
Machst du das Geheimnis klar,
Doch in schwanken Schranken, Wortes Ranken,
Stellt es dir sich bildlich dar.

Friedrich Rückert (1788-1866) in: Gesammelte poetische Werke, Band VII, 1868, S. 468-469

Das Knarren der Pforten des Paradieses

Einstmals sprach unser Herr Dschelaladdin dieses:
Die Musik ist das Knarren der Pforten des Paradieses.

Darauf sprach einer von den dumm-dreisten Narren:
Nicht gefällt mir von Pforten das Knarren!

Sprach unser Herr Dschelaladdin drauf:
Ich höre die Pforten, sie tun sich auf –
aber wie die Türen sich tun zu,
das hörest du!

Dschelaluddin Rumi (1207-1273) in der Übersetzung von Friedrich Rückert

Weder Anfang hat die Welt noch Ende

Weder Anfang hat die Welt noch Ende,
Nicht im Raum noch in der Zeit;
Überall ist Mittelpunkt und Wende,
Und im Nu die Ewigkeit.

Wie du lebst von einem Nu zum andern,
Ewig eines lebest du;
Laß die Welt vorüber ruhlos wandern,
Und sieh‘ aus der Ruh‘ ihr zu.

Nicht mit unzulänglichen Gedanken
Machst du das Geheimnis klar,
Doch in schwanken Schranken, Wortes Ranken,
Stellt es dir sich bildlich dar.

Friedrich Rückert (1788-1866) in: Gesammelte poetische Werke, Band VII : Pantheon , Sauerlaender, 1868, S. 468-469

Herr, deine Welt ist schön

Herr, deine Welt ist schön,
Herr, deine Welt ist gut.
Gib mir nur hellen Sinn,
gib mir nur frohen Mut !

Ich fühle, dass ich bin,
ich fühle, dass Du bist,
und dass mein Sein von Dir
ein sel’ger Abglanz ist.

Die Welt beseeligst du,
beseeligst Dich in ihr,
sollt ich nicht selig sein,
Allseliger in Dir ?

Friedrich Rückert  (1788  –  1866) in: „Die Weisheit des Brahmanen“

Klage nicht

Klage nicht, daß du in Fesseln seist geschlagen.
Klage nicht, daß du der Erde Joch mußt tragen.
Klage nicht, die weite Welt sei ein Gefängnis;
zum Gefängnis machen sie nur deine Klagen.
Frage nicht, wie sich dies Rätsel wird entfalten;
schön entfalten wird sich’s ohne deine Fragen.
Sage nicht, die Liebe habe dich verlassen,
wen hat Liebe je verlassen? Kannst du’s sagen?
Zage nicht, wenn dich der grimme Tod will schrecken;
er erliegt dem, der ihn antritt ohne Zagen.
Jage nicht das flücht’ge Reh des Weltgenusses!
Denn es wird ein Leu und wird den Jäger jagen.
Schlage nicht dich selbst in Fesseln, Herz, so wirst du
klagen nicht, daß du in Fesseln seist geschlagen.

Jelal-ad-Din Rumi (1207-1273) in einer Übersetzung von Friedrich Rückert (1788 – 1866)

Quelle: http://12koerbe.de/