Mein einzig wirkliches Erbe

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1. Es ist der natürliche Verlauf, daß ich alt werde.
Es gibt keinen Weg, dem Altern zu entgehen.

2. Es ist der natürliche Verlauf, daß ich Krankheiten bekomme werde.
Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entgehen.

3. Es ist der natürliche Verlauf, daß ich sterben werde.
Es gibt keinen Weg, dem Tod zu entgehen.

4. Es ist der natürliche Verlauf, daß alles woran ich hänge,
und alle, die mir lieb sind, sich verändern.
Es gibt keinen Weg, dem Getrenntwerden von ihnen zu entgehen.

5. Meine Taten sind mein einzig wirkliches Erbe.
Den Folgen meiner Taten kann ich nicht entgehen.
Meine Taten sind der Boden, auf dem ich stehe.

Thich Nhat Hanh (*1926) in: Der Klang des Bodhibaums

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Es wird weder Kommen noch Gehen geben

Fotographik © wak

 

Der erhabene Weg ist in seinem Wesen großmütig.
Er ist weder schwierig noch leicht.
Aber jene mit begrenztem Blick
sind furchtsam und unentschlossen.
Je schneller sie eilen, desto langsamer kommen sie voran.
Und das Anhaften und Greifen
ist nicht auf bestimmte Bereiche begrenzt.
Selbst das Anhaften an die Idee der Erleuchtung
lässt in die Irre gehen.
Lass einfach die Dinge ihren eigenen Weg gehen,
und es wird weder Kommen noch Gehen geben.

Sosan (um 600) in: Shinjinmei – Verse über das Vertrauen in den einen Geist

Die Bilder der Dinge fahren lassen

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest Du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was Du auch tust.
Und so hättest Du den Frieden Deines Herzens und Freude.
Und dich störte nichts mehr von dem, was Dich jetzt ständig stört,
Dich bedrückt und leiden lässt.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Abenteuer Labyrinth

Seit rund 5000 Jahren sind Menschen von Labyrinthen fasziniert. Kein Verirren scheint hier möglich zu sein, da es nur einen Weg gibt: der in sie hinein und aus ihnen herausführt. Labyrinthe sind  nicht spirituelle Dekoration oder esoterische Spielerei, sondern ein Weg, den Menschen beschreiten, um sich immer wieder neu gewahr zu werden und sich mit ihrer gewonnen Innenwelt in der Außenwelt frei bewegen zu lernen.

labyrinth

 

Seit dem Palast von Knossos auf Kreta wissen Menschen von Labyrinthen. Sie finden sich im kretischen Tanz ebenso wie in skandinavischen Troja-Burgen, in der Geburtsmagie Indiens ebenso wie bei den Hopi-Indianern im Südwesten der USA. Zwar ist das griechische Wort labyrinthos von seiner griechischen Herkunft her bekannt, seine Bedeutung ist jedoch nicht ganz eindeutig. Es beschreibt – und das ist wohl eine gesicherte Gemeinsamkeit – ein Haus mit zahlreichen Irrgängen und damit eine scheinbar ausweglos scheinende Anlage.

Bei Meyers Lexikon heißt es zum Labyrinth: “Gebäude mit vielfach sich kreuzenden Gängen, auch ein Irrgarten oder eine grafische Figur mit verschachteltem Linienbild, aber nur einem Zugang ins Zentrum; genannt nach dem Labyrinth, das im griechischen Mythos Daidalos für den Minotaurus auf Kreta baute. Labyrinthdarstellungen finden sich häufig auf kretischen Münzen, 5./4. Jahrhundert, und römischen Mosaiken. Die Mitte des Labyrinths bedeutete im Mittelalter die Ecclesia (Kirche) oder sogar den Himmel, es konnte auch der Bußweg des Gläubigen nach Jerusalem gemeint sein; bekannt sind die Labyrinthe auf Fußböden christlicher Kirchen (Kathedralen in Chartres und Amiens).” Und schon ist damit der Bogen von dem Ursprung über das Mittelalter bis hin zur Gegenwart gespannt. Doch beginnen wir bei den Ursprüngen.

Der Mythos vom Minotaurus

Eng verbunden ist das Labyrinth mit dem Palast von Knossos auf Kreta. Und die Geschichte dieses speziellen Labyrinthes hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich: Die Mythologie erinnert an den Minotaurus. Halb Mensch, halb Stier, war nach Menschenopfern gierig. Der junge Theseus stellte sich dieser bedrohlichen Herausforderung mit Hilfe Ariadnes, die ihm ein Garnknäuel mitgab. Theseus besiegte dann nicht nur das magische Zwitterwesen, sondern fand mit Hilfe des gelegten Fadens auch wieder zurück. Bei Plutarch ist folgendes zu lesen: “Nachdem Theseus in Kreta angekommen war, bekam er, wie die meisten schreiben und singen, von Ariadne, die sich in ihn verliebte, den Faden und die Belehrung, wie er sich durch die Windungen des Labyrinthes hindurchfinden könnte, tötete den Minotaurus und fuhr mit Ariadne und den athenischen Kindern davon.” Zusammengefasst hat Hermann Kern den alten Mythos in dem weit über eine knappe Beschreibung hinausgehenden Vierzeiler:

Im Labyrinth verliert man sich nicht,

im Labyrinth findet man sich.

Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus,

im Labyrinth begegnet man sich selbst.

Die Geschichte des Labyrinthes und viele seiner nachfolgenden Deutungen nahm so ihren Anfang.

 

labyrinth

Was bedeutet ein Labyrinth?

Der Pädagoge Theo Tröndle beschreibt das Labyrinth als “einen Weg, welcher mit einem maximalen Umweg, mit vielen Wendepunkten zur Mitte führt. In seiner Unübersichtlichkeit und Komplexität führt das Labyrinth zum Ziel.” Doch er schränkt auch ein: “zum Ziel gelangt nur, wer selbst geht, immer wieder weitergeht, den Weg sucht, Wendepunkte akzeptiert und nicht verzagt. Zunächst scheint es einfach, die Mitte scheint nah, sie wird mehrfach umrundet, die Entfernung zur Mitte wird vermeintlich größer und droht aus dem Blick zu geraten. Dies lässt Zweifel aufkommen, wirklich auf dem richtigen Weg zu sein, wirklich jemals am Ziel anzugelangen. Der Weg, die Ziele, letztlich der einzelne selbst wird in Frage gestellt.” Denn schon mit dem ersten Schritt in den Weg des Labyrinths beginnt der innerdynamische Prozess der Selbsterkenntnis. Der Weg des Labyrinthes ist schon von seiner Anlage her ein Weg, der nach innen führt. Der Weg des Labyrinthes ist ein Weg zum eigenen Selbst, zur tiefsten eigenen Wahrheit. Sig Lonegren, der britische Autor und Praktiker der Radiästhesie, drückt es so aus: Das Labyrinth “ist in dem Sinne magisch, dass durch den bewussten Gebrauch Antworten auf Fragen gefunden werden können, spirituelle Bewusstheit verstärkt werden kann. In der Verwirrung der aufgewickelten Pfade des Labyrinths kann der Weg, der vor uns liegt, plötzlich deutlich erkennbar werden. Es ist Ihre Entscheidung, das Labyrinth zu betreten, aber wenn Sie es betreten haben, gibt es nur noch einen Weg: hin und her, hin und her, bis Sie letztendlich Ihr Ziel erreicht haben – den Schatz im Zentrum.” Und das Labyrinth ist für den, der sich ihm öffnet, keine Einbahnstraße: “Ist die Mitte erreicht, muss das Labyrinth auf demselben Weg verlassen werden, der Weg beginnt von neuem. In der Mitte wurde etwas aufgenommen oder zurückgelassen. Loslassen, Abschied nehmen, aber auch Neuorientierung…”

Genau diesen Fragen, die sich auf dem Weg hinein wie dem hinaus stellen, gilt es, sich immer wieder neu gewahr zu werden.

Wenn der Weg des Menschen auch wieder zurückführt, nach außen, in die Welt, zeigt dies überdeutlich, dass sich der Mensch im Labyrinth untrennbar mit der “Außen”-Welt verbunden fühlt, weil er mit ihr untrennbar verbunden ist. Das verhindert vor allem, sich in oberflächlichen Selbst-Bespiegelungen und einengender Egozentrik zu verstricken.

Hermann Kern beschreibt den Weg des Labyrinths als einen Weg, der Körper und Seele fordert und beide ganz in Anspruch nimmt. “Die Bewegung verläuft nicht linear-gradlinig, sondern im Wechsel von Systole und Diastole (Zusammenziehen und Sich-Weiten). So wie der Brustkorb sich beim Einatmen weitet, so wird derjenige, der das Labyrinth betritt, zunächst durch einen weiten Atemzug nach außen getragen; nach dem Ausatmen ist er wieder dem Zentrum nahe, vor einer neuen expansiven Bewegung des Einatmens, und nach erneutem Ausatmen ist er im Zentrum. Diese Pendelbewegung findet sich nicht nur auf dieser mittleren Ebene der Umgangs-Gruppen, sondern auch in großem Maßstab (Weg hinein / Weg heraus) wie auch auf niedrigster Ebene als Richtungswechsel, der nötig ist beim Übergang von einem Umgang zum nächsten.” Und noch etwas anderes ist beim Labyrinth zu beachten: Seine ihm eigene Systematik.

Von der Öffnung, dem Eingang des Labyrinths führt der Weg über den sogenannten Pfad, der von Wänden begrenzt wird. Vom äußeren zum inneren Pfad werden die Pfade aufsteigend durchnummeriert, so dass der äußerste die Nummer 1, hat, der nächste die 2, der nächste die 3 usw. Dem innerste Punkt, das Ziel also, entspricht bei einem siebenpfadigen Labyrinth die 8.

Das kretische Labyrinth

Der Labyrinth-Experte Hermann Kern führt die Beschreibung der Konstruktion des Kretischen Labyrinths in mathematischer Exaktheit weiter, indem er es wie folgt beschreibt: “Zwischen die Arme eines zentralen Kreuzes werden vier Ecken (oder Halbkreise) und in diese wiederum vier Punkte eingefügt. Anschließend verbindet man das obere Kreuzende mit dem senkrechten Arm der linken oberen Ecke, fährt mit der Bewegung (ohne zu zeichnen) weiter bis zum Punkt in dieser Ecke und zieht von dort – in Gegenbewegung – einen Verbindungsbogen zum senkrechten Arm der rechten oberen Ecke. Dann setzt man wieder am Punkt in dieser Ecke an und zieht einen Bogen zum Ende des waagerechten Armes in der linken oberen Ecke. Wenn so – in stetiger Pendelbewegung – die jeweils freien Ansatzstellen restlos miteinander verbunden werden, entsteht das Kretische Labyrinth mit sieben Umgängen.” Was sich hier sehr technisch liest, ist die exakte Beschreibung eines klassischen Labyrinths, dessen Form nachgezeichnet werden kann. Es ist die Beschreibung eines Labyrinths, das seit Tausenden von Jahren die Menschen angeregt hat, sich auf den Weg zu sich selbst zu begeben.

Heute wohl wesentlich bekannter und durch zahlreiche Abbildungen vermittelt, ist aber das Chartres-Labyrinth.

Das Labyrinth von Chartres

Das wohl berühmteste und in seiner Bedeutung sehr weitreichend ist das Labyrinth von Chartres, einige Kilometer von Paris entfernt.

“Wer durch das Labyrinth von Chartres läuft, erlebt keine Irrwege, sondern einen Weg, der rhythmisch mit seinen Bögen und Kehrtwendungen gegliedert ist, und auf dem längsten möglichen Weg auf engstem Raum sicher und eindeutig ins Innere führt…” sagt Lothar Bracht.

Die Zahlen, mit denen das Labyrinth in enger Verbindung steht, sind keineswegs zufällig gewählt. Und so beschreibt Bracht dann auch die “heilige Geometrie” dieses Labyrinthes, dessen Weg durch 4 mal 7, also 28 Kehren gekennzeichnet ist. Die 4 ist von Bedeutung, weil sie den ersten irdisch begrenzten Raumkörper hervorbringt, das aus 4 Dreiecken gebildete Tetraeder. Für die Schüler des Pythagoras, der in Chartres am rechten Westportal neben der Musik und den Freien Künsten dargestellt ist, war die Vier die Welt. Besteht sie doch aus 4 Elementen, wird von 4 Himmelsrichtungen umschlossen und von 4 Jahreszeiten belebt. Die 7 ist die zweite vollkommene Zahl. Als Primzahl ist sie nicht nur unteilbar, sie entzieht sich auch der Fläche und der Körperwelt. Sie ist die Zahl der Zeit im Raum und setzt sich zusammen aus der 4 und der 3. Die 3 wird im Dreieck besonders sichtbar. Sie ist das Symbol der Trinität, der göttlichen Dreifaltigkeit. Die Rose mit 6 Blättern im Zentrum des Labyrinths erinnert an die im Mittelalter beliebte Bezeichnung rosa mystica (Mystische Rose) für Maria ebenso wie an die Beliebtheit der mystischen Rose bei den Alchimisten. Hat die natürliche Rose nur fünf Blätter, wurde die Zahl 6 hier gewählt, um die Vollkommenheit des Labyrinths zu dokumentieren. Die 8 am Zielpunkt der Mitte steht für eine lebenspendende, heilkräftig wirkende, aufbauende Wesenheit. Für den Schweizer Freimaurer und Labyrinth-Kenner Robert Villiger wiederholt sich “die Bewusstheit der eigenen Entwicklung gegenüber, um die es im Großen geht, beim Labyrinth im Kleinen, in den 28 Kurven. Wäre jede Kurve des Labyrinthweges ein Geburtstag des Pilgers und der Weg zwischen zwei Kehren das Jahr, in dem der Pilger älter wird (das wird er ja eben nicht auf einen Schlag an seinem Geburtstag), so könnte er die Entwicklung seines eigenen Lebens bis zum 28. Geburtstag selber miterleben.”

 

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Weitere Deutungen

Für Indianer beispielsweise erfährt der Mensch im Labyrinth die Wahrheit dessen, was mit ihm und um ihn herum geschehen ist. Er wird damit auch aufgefordert, sein inneres Potenzial zu erkennen und darin bestärkt, auf sein inneres Wachsen zu vertrauen. Gleichzeitig wird er damit dazu angeregt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Und dies alles mit einem – im wahrsten Sinne des Wortes – »aufrechten« Gang. Das Fazit des Labyrinths heißt auch in der indianischen Tradition: Der Weg nach innen ist der Weg nach außen.

Für Hermann Kern sind es so komplexe Fragen wie Initiation, Tod, Unterwelt, Wiedergeburt, Heilige Hochzeit und Kosmologie, die mit dem Labyrinth in engster Verbindung stehen und die den Weg dessen begleiten, der es betritt.

Theseus, Minotaurus und wir

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat sich in einer Ballade mit dem Mythos vom “Minotaurus” beschäftigt. Er holt die mythische Labyrinth-Geschichte in die Aktualität der Gegenwart. Robert Villiger beschreibt Dürrenmatts Sicht so: “Er schildert, wie das Bewusstsein des frühen Menschen erwachen konnte, wie der erstaunliche Prozess der Selbstentdeckung sich hat abspielen können. Dürrenmatt stellt sich ein Labyrinth vor, dessen Wände aus spiegelndem Glas gefertigt sind. Transparenz und Reflexion im Irrgarten ergeben ein wahrhaft schwer verständliches Umfeld. Der Minotaurus entdeckt sich in seinem Spiegelbild, in den unzähligen Spiegelungen seiner selbst. Er nimmt die Eindringlinge und deren Spiegelbilder durch die transparenten Wände wahr. Sich selbst zu entdecken, bleibt wohl eines der faszinierendsten Abenteuer.” Für Goncalo Vilas-Boas birgt dies Fragen und Antworten, die den Minotaurus einschließen, aber auch Theseus und uns: “Kann oder wagt der Mensch, das Labyrinth zu verlassen? Trifft er dort den Minotaurus, den Stiermenschen der alten kretischen Sage? Der Minotaurus kann an jeder Ecke erscheinen, es herrscht ja der Zufall. Und Theseus kann ihn treffen und töten, oder auch nicht. Das Labyrinth existiert gleichzeitig im Menschen selbst und außerhalb, in der Welt, der Mensch ist Minotaurus und Theseus gleichzeitig.”

Das Labyrinth ist fast 5000 Jahre alt. Und doch ist es heute so aktuell wie damals, weil es dem Menschen einen Raum gibt, in dem er sich selbst finden kann. Durch Wirrungen und Kehren vom vermeintlich einzigen richtigen Ziel abgehalten, kommt er auf seinem Weg im Labyrinth auf die Spur zu seinem Selbst.

Werner Anahata Krebber

 

Literatur

Hallman, Frithjof: Das Rätsel der Labyrinthe. Verlag Damböck, Ardagger 1994

Kern, Hermann: Labyrinthe, Prestel Verlag, 4.Aufl., München 1999

Krebber, Werner: Der Weg zum Selbst. Vom Weg in die Zukunft auf den Spuren der Mystik. In: Connection special 68, Niedertaufkirchen 2003, S. 26-29

Lonegren, Sig: Labyrinthe. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/M. 1993

Tröndle, Theo: Labyrinth-Meditationen, http://www.zum.de

Villiger, Robert: Das Labyrinth – ein Initiationsweg, In: Alpina, Lausanne (125)1999, Nr. 5

http://www.tritonus.biz/ [Lothar Bracht]

Das Lebendige selbst sein

Wenn Sie aber erkennen, dass die Wahrheit etwas lebendiges ist, das in Bewegung ist, das keine bleibende Stätte hat, das in keinem Tempel, keiner Moschee oder Kirche zu finden ist, wohin Sie keine Religion, kein Lehrer, kein Philosoph führen kann – dann werden Sie auch erkennen, dass dieses Lebendige das ist, was Sie in Wirklichkeit selbst sind.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

Die Einheit erfahren

“Trink, was in dem Glas ist”, sagt Rumi und meint damit, dass der Rahmen, das Gefäß, zwar zu beachten, aber nicht über Gebühr zu bewerten sei, dass wir sehen, indem wir die Einheit des anderen empfinden und erfahren, erleben und belegen. Indes wäre es falsch, in einer inneren Haltung zu verharren, denn um zur Perle zu werden, bedarf es der Muschel.

Die Einheit von Außen und Innen ohne Verhaftung an Innen oder Außen zu verstehen, zu unterscheiden, ohne in der Unterscheidung sich zu verlieren; zu sehen, ohne als Sehender über das Sichtbare zu stolpern; in einer ständigen Suche nach dem Geliebten sich zu verlieren und in Ihm aufzugehen, das umschreibt etwa den Weg des Mystikers.

Hadayatullah Hübsch (1946 – 2011)

Mehr hier: http://www.verlagderislam.de/media/products/0510275001195857112.pdf

Sich Meister Eckhart nähern

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„Meister Eckhart (1260–1328). Mönch und Prior im Predigerkloster,  bedeutender Vertreter der deutschen Mystik“. Kurz und schnörkellos ist der  Hinweis auf ihn. Er liest ihn in einer Broschüre der Erfurter Touristeninformation. Viele hundert Jahre später. Was fanden die Menschen denn eigentlich so beeindruckend an ihm, dem Lesemeister, dem Magister? Was haben sie in seinen Schriften und Predigten gefunden, wenn es ihm selbst um den Seelengrund, den Seelenfunken ging? Dabei hatte er es den Menschen immer wieder gesagt: „Wer weiter nichts als die Kreaturen erkennte, der brauchte an keine Predigt zu denken, denn jegliche Kreatur ist Gottes voll und ist ein Buch.“ Eckhart begibt sich auf Spurensuche nach seiner Wirkung.

Ruhigen Schrittes bewegt sich Eckhart vom Altar aus auf die Tür der Erfurter Predigerkirche zu. Die Tür steht offen. Er tritt heraus und dreht sich nach rechts in die Predigerstraße. „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erreicht.” Nach einer Predigt von ihm ist die Tür gestaltet, die zu seiner Erinnerung in Bronze gegossen wurde. Als man vor ein paar Jahren mal wieder an ihn gedacht hatte. Nicht Stolz sondern eher Sorge ist es, die ihn bewegt, wenn er an solches Erinnern denkt. Und es steigen Bilder von Verzweiflung und Hoffnung in ihm auf.

Er „wollte mehr wissen, als nötig war“. So hatte es Papst Johannes XXII. ihm 1329 in die Verdammung von 28 Sätzen geschrieben, die ihn auch nach seinem Tod mundtot machen sollte. Denn erlebt hat er diese Verurteilung nicht mehr, war er doch bereits ein Jahr zuvor verstorben – wahrscheinlich auf dem Weg zum Papst nach Avignon, um sich zu rechtfertigen und seine Lehren zu verteidigen. Und hätten nicht ein paar Mutige seine Lehren übernommen, ohne ihn zu nennen – wäre er dann überhaupt im Gedächtnis geblieben? Doch was war falsch daran, wenn er zum Beispiel sagte: „Jede Unterschiedenheit ist Gott fremd, sowohl in der Natur wie in den Personen…“

Schon zu Lebzeiten hatte es allerdings auch diesen Spottvers über ihn gegeben: „Der weise Mystiker Eckehart, will uns vom Nichtse sagen. Doch wer ihn nicht versteht, der mag es Gotte klagen.“ Dabei hatte er doch einiges hinter sich. 1260 geboren, kam er jung zu den Erfurter Dominikanern, den Mönchen des Predigerordens. Nach Studien in Paris und Köln haben sie ihn dann in Erfurt zum Prior ernannt, wieder und wieder predigt er in Köln, in Straßburg und Paris vor Dominikanerinnen und den Beginen. Er predigte in der Sprache des Volkes, fern vom Kirchenlatein der Universität. Und er predigte um der Wahrheit willen. Das Schicksal von Marguerite Porete, jener Begine, die mit ihrem „Spiegel der einfachen Seelen“ den kirchlichen Zorn auf sich zog, verurteilt und schließlich als Ketzerin verbrannt wurde, blieb ihm allerdings erspart. Dabei hatte sie sich doch auch auf ihn bezogen. Und viel gelernt hatte er von Albertus Magnus, seinem großen Lehrer. Und es entfernte ihn von Thomas von Aquin. Doch letztlich helfen konnte es ihm letztlich nicht.

Denn waren es nicht ausgerechnet zwei Mitbrüder von ihm gewesen, die ihn beim Kölner Erzbischof denunziert hatten? War es erst eine Liste mit 49 Sätzen, erreichte ihn kurze Zeit später eine noch umfangreichere Liste mit 59 Sätzen aus seinen Predigten und Schriften, die beanstandet wurden. Na, er hatte ja immerhin widerrufen – und damit seinen Kopf erst mal aus der Schlinge gezogen. Doch es tat ihm weh, zu sagen: „Ich, Meister Eckhart, Doktor der heiligen Theologie, erkläre, Gott zum Zeugen anrufend, vor allem, dass ich jeglichen Irrtum im Glauben und jede Abirrung im Lebenswandel immer, so viel es mir möglich war, verabscheut habe, da Irrtümer dieser Art meinem akademischen Status und Mönchsstand widerstritten hätten und noch widerstreiten. Aus diesem Grunde widerrufe ich, sofern sich in dieser Hinsicht etwas Irrtümliches finden sollte, was ich geschrieben, gesprochen oder gepredigt hätte, privat oder öffentlich, wo und wann auch immer, unmittelbar oder mittelbar, sei es aus schlechter Einsicht oder verkehrten Sinnes: das widerrufe ich hier öffentlich und vor Euch allen und jeglichem, die gegenwärtig hier versammelt sind, weil ich dieses von nun an als nicht gesagt oder geschrieben betrachtet haben will, besonders aber auch, weil ich vernehme, dass man mich übel verstanden hat: so, als hätte ich gepredigt, mein kleiner Finger habe alles geschaffen.“ Es schmerzte ihn, so reden zu müssen. Und eigentlich doch zu wissen, dass er so falsch nicht lag mit seinem Denken. Meister Eckhart weint. Es ist der Schmerz, der aus der Wahrheit geboren ist, durchlitten in einem Umfeld, das durch und durch andere Werte für sich anerkennt:

„Ich weise darauf hin, meine Reden und Werke sind allein guten und vollkommenen Menschen gewidmet. Die sollen erfahren, dass das Allerbeste und Alleredelste, wozu man in diesem Leben kommen kann, das ist, dass du schweigest und Gott allda wirken und sprechen lässest. Wo alle Kräfte von allen ihren Werken und Bildern abgezogen sind, da wird dies Wort gesprochen.“ Hatte er das nicht immer wieder gesagt? Doch die Verurteilung war eingeschlagen wie eine Bombe, hatte tiefe Narben hinterlassen in der Theologie des Predigerordens. Für lange Zeit.

Bevor er die Predigerkirche verlassen hatte, kam er an einer Stelle vorbei, die durch Absperrband getrennt war. Die Kirche bröckelte. Welch ein Symbol. Es bröckelt in vielen Kirchen, Tempeln, Moscheen, Synagogen – bis heute. Das Dogma hat die Herrschaft über den Geist übernommen. Aus der Perspektive des Dogmas kann man nichts anfangen mit Sätzen wie: „Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat mich niemand vermisst, so entwird Gott.“

Gedacht hätte ich es nicht, dass hunderte Jahre später Erich Fromm in „Haben oder Sein“ auf mich kommt oder dass Daisetz Teitoro Suzuki in „Der westliche und der Östliche Weg“ gar Brücken zum Zen-Buddhismus schlägt. Und dass ausgerechnet ein deutscher Anarchist wie Gustav Landauer zusammen mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber an seine Mystischen Schriften geht. Im Rückblick nahezu unglaublich. So wie Landauer sagt: ein kühner Erschütterer der Hirne wie der Herzen, um Welterkenntnis gerungen, die Grenzen der Sprache als Wissender überschritten. Was für Attribute.

Papst Johannes XXII. ist lange tot, so tot wie viele seiner Nachfolger. Aber es gibt Menschen, die sagen, dass ich lebe. Ihnen und den vielen anderen gilt mein Satz:  „Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.“

© Werner Anahata Krebber