Die Mauer des Paradieses in dem Du wohnst

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Ich habe den Ort gefunden,
in dem man Dich unverhüllt
zu finden vermag.
Er ist umgeben
von dem Zusammenfall der Gegensätze.
Dies ist die Mauer des Paradieses,
in dem Du wohnst.
Sein Tor bewacht höchster Verstandesgeist.
Überwindet man ihn nicht,
so öffnet sich nicht der Eingang.
Jenseits der Mauer
des Zusammenfalls der Gegensätze
vermag man Dich zu sehen;
diesseits aber nicht.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

Eins mit Gott sein: Franz Jalics (1927 – 2021)

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Wenn ich hellwach bewusst bin, aber mein Bewusstsein leer ist, bin ich in meiner Mitte. Dort sind wir nur Geist und befinden uns am nächsten zu Gott, der reiner Geist ist. Es ist ein einfaches Bewusst-Sein, ein bewusstes Da-Sein. Dort ist der Mensch im höchsten Grad Ebenbild Gottes. Dort kann er eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, eins mit Gott zu sein. Verweilt der Mensch dabei, ist er in reiner Anbetung. Es ist die Anbetung im Geist.

Franz Jalics (1927 – 2021) In: Der kontemplative Weg

Mehr zu Franz Jalics hier: https://web.archive.org/web/20171201041208/https://www.jesuiten.org/aktuelles/details/article/pater-franz-jalics-sj-wird-90-jahre-alt.html

Der Spiegel des Herzens

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Der höchste Mensch
gebraucht sein Herz wie einen Spiegel.
Er geht den Dingen nicht nach
und geht ihnen nicht entgegen;
er spiegelt sie wider,
aber hält sie nicht fest.
Darum kann er die Welt überwinden
und wird nicht verwundet.

Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Jena 1912, Buch VII, Seite 59

Gelobt seist du mit allen deinen Geschöpfen

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Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

Aus dem „Sonnengesang“ des  Franz von Assisi (* 1181 oder 1182 – 1226)

Der vollständige Text des Sonnengesangs ist hier nachzulesen:
https://www.franziskanerbrueder.de/de/spiritualitaet/sonnengesang/sonnengesang/

Weil Du in mir die Mitte bist

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Ich finde Dich, wo ich, o Höchster, hin mich wende,
am Anfang find ich Dich und finde Dich am Ende.

Dem Anfang geb ich nach, in Dir verliert er sich,
dem Abschluss späh ich nach, aus Dir gebiert er sich.

Du bist der Anfang, der sich aus sich selbst vollendet,
das Ende, das zurück sich in den Anfang wendet.

Und in der Mitte bist Du selber das, was ist:
Und ich bin ich, weil Du in mir die Mitte bist.

Friedrich Rückert (1788- 1866)

In der Höhle des Herzens

Offenbar und doch verborgen
regt es sich in der Höhle des Herzens,
genannt „der höchste Ort“,
in Ihm hat alles seinen Bestand,
was sich bewegt und atmet und die Augen öffnet.

Erkenne Ihn als Sein und Nichsein,
als den Gegenstand der Sehnsucht:
Er, das höchte aller Wesen,
jenseits allem Erkennen.

Aus den Upanishaden

Alles schwingt

Zwischen den Polen des Bewussten und des Unbewussten hat der Geist eine Schaukel errichtet.
Daran hängen alle Wesen, alle Welten, und diese Schaukel hört nie zu schwingen auf. Dort sind Wesen ohne Zahl, dort sind Sonne und Mond in ihrem Lauf – Millionen von Zeitaltern gehen vorüber und die Schaukel hört nicht auf zu schwingen.
Alles schwingt: Himmel, Erde und das Wasser. Und auch der Höchste, indem er Form annimmt.

Kabir (1440-1518)

Mit den Augen der Weisheit

Der Fluss und seine Wellen sind ein Wogen. Wo ist der Unterschied zwischen dem Fluss und seinen Wellen? Wenn die Welle sich erhebt, ist sie doch Wasser. Und wenn sie wieder zurücksinkt, ist sie dasselbe Wasser. Sagt mir, ihr Leute, wo ist der Unterschied?
Weil wir von der Welle sprechen, sollten wir sie da nicht mehr für Wasser halten? Im Höchsten Brahman* werden die Welten aufgesagt so wie die Perlen einer einzigen Gebetskette. Betrachtet diese Kette also mit den Augen der Weisheit.

Kabir (1440-1518)

* Die Transzendenz, die absolute Wahrheit, die spirituelle Natur.