Nichts – als die Liebe

I

Die vier Rabbiner
weilten im siebten Himmel.
Was sahen sie dort?

*

Sie sahen: Alles!
Das Antlitz Gottes! Das Rad
Hesekiels! Und dann?

*

Was geschah ihnen
nach ihrer Vision? Wie
lebten sie – weiter?

II

Einer stritt sich nun
mit den Gelehrten – über
seine Vision!

*

Einer vergaß sie.
Ein anderer wurde irr.
Und der vierte? Schrieb!

*

Verse zum Dank für
die Sterne der Nacht schrieb er.
Und Liebes-Verse!

III

Er suchte keinen
Streit! Er vergaß: nichts! Verrückt
wurde er – auch nicht!

*

Er fasste seine
Vision – behutsam – ins Wort:
wieder – und wieder!

*

Vielleicht wurde er
niemals verstanden – doch das
spielt keine Rolle!

IV

Er pries: die Sterne,
pries: die Gnade Gottes, pries:
die Morgenröte!

*

Er pries: die Liebe,
pries: das Licht, das dem Dunkel
tagtäglich – entsprang!

*

Unermüdlich pries
er die Nacht, den Tag, das Licht –
und Gottes Liebe!

V

Im Samtblau der Nacht
und im Gold des Morgens pries
er nichts – als die Liebe!

*

Im Sonnenaufgang
wie im Sonnenuntergang
sah er: die Liebe!

*

In jeder Blüte,
in jedem Licht, jedem Lied
fand er: die Liebe!

VI

Achtsam und dankbar
fasste er diese Liebe
in seine Worte!

*

Sein ganzes Leben
lang beschrieb er: die Liebe –
und nur: die Liebe!

*

Und während das Gold
der Sonne den Wald erfaßt,
denke ich: an ihn!

VII

Kannte ich ihn denn?
Wir alle kennen ihn! Er
lebt: in uns allen!

*

In jedem, der schreibt –
über die Schönheit der Welt –
und über das Licht!

*

In uns allen lebt
der dichtende Rabbiner
weiter – und weiter!

VIII

Er sucht keinen Streit,
er sucht und findet: gar nichts,
nichts – als die Liebe!

*

Er preist: die Liebe –
in jedem Licht, jedem Lied –
nichts – als die Liebe!

*

Er preist: die Sonne,
den Mond, jeden Stern! Er preist
nichts – als die Liebe!

XIV

Ein jedes Gedicht,
das er schreibt, preist: die Liebe,
die ihm innewohnt!

*

Uns allen wohnt sie
inne, diese Liebe – des
vierten Rabbiners!

*

Wir müssen sie nur
entdecken – und besingen:
in jedem Gedicht!

 

Hannah Buchholz

3.11.2018

 

Zuerst veröffentlicht hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/2018/11/03/nichts-als-die-liebe/

Weitere Gedichte von Hannah Buchholz hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/

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Wie könnte man angehen…

Wie könnte man angehen
gegen den Terror

mit dem Terror,
gegen die Bomben

mit einer Bombe,
gegen den Wahnsinn

mit dem Wahn?
Wie könnte man angehen

gegen die Morde
mit dem Mord,

gegen Gewalt
mit Gewalt,

gegen den Irrsinn
indem man in die Irre

geht?
Es geht nicht an

– und geht niemals
gut aus –

Gleiches mit Gleichem
zu bekämpfen –

Ihr planlosen
Wahnsinnigen,

die Ihr dem Wahn
Euren eigenen

Wahnsinn
entgegensetzt,

dem Terror
den Terror,

den Morden
den Mord!

Noch habt Ihr die Wahl –
Ihr unbelehrbaren

Irren,
die Ihr Euch auf der

richtigen Seite
wähnt

zwischen Wahn
und Vernunft,

zwischen Irrsinn
und Besinnung,

zwischen Gehirn

und Gewalt!

Hannah Buchholz

 

Das Original findet sich hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/2015/12/03/wie-koennte-man-angehen/

Mehr Gedichte von Hannah Buchholz hier:
https://hannahbuchholz.wordpress.com/

 

Ich danke der Autorin sehr herzlich für ihre Genehmigung, dieses Gedicht zu rebloggen!

Dich hör ich des Nachts…

Kühle, klare Nacht –
Mondlicht fliesst durch die Bäume,
still, harmonisch, rein

*

Silbriges Mondlicht
und vereinzelte Sterne
leuchten im Stillen

*

Dunkelheit, du nimmst
mich auf, hüllst mich ein in dein
Schweigen – sanft, mild, klar

*

Lebensmelodie –
Dich hör ich des Nachts – heller
als am Tag klingst du!

*

Dem Morgen drehen
wir uns entgegen – langsam,
sachte, unbemerkt.

 

 

Hannah Buchholz
 Schlaflos_Cover

 

Mehr hier:

Wortannäherungen zu Hannah Buchholz: „Schlaflos“

Schlaflos_Cover

Blick in das Tonnengewölbe des Grabes von Galla Placidia in Ravenna

http://12koerbe.de/mosaiken/rav-01.htm

Wie ein Schutzmantel
ist das Tonnengewölbe
des Grabes von Galla Placidia in Ravenna
über dem Buch „Schlaflos“
und das blaue Halbleinen des Umschlags
ist  kein Mantel des Vergessens, kein Leichentuch.
„Schlaflos“ ist nicht Grab,
„Schlaflos“ ist Auferstehung…

Das Gedicht
ist ein gefährlicher Ort,

doch für heute ist es
meine Rettung.
(h.b.)

Ungewohnte, ungewöhnliche Zeilenfälle
ziehen sich durch den Band
mit den Gedichten von Hannah Buchholz,
die sich als Geschichte in Gedichten präsentiert.
Worte, die gesetzt sind in Zeilen,
die den Leser mitnehmen.
Sie lassen teilhaben an der Geschichte
der Lyrikerin

Aber was ist
die Geschichte hinter den Gedichten?

anwesend und abwesend
gemalt aber nicht abgebildet
angezogen und abgestoßen
im ständigen raschen Wechsel
Versuche zu verstehen
und die Erfahrung von Unverständnis

Doch das einsame Kind,
das kleine wie das große,
kann auch angenommen sein erfahren.

Denn es gibt Anker, es gibt Halt.
Menschen und Orte, die Heimat werden.
In der Natur, am See, mit dem Wind, dem Regen
der Musik.
Und Atemholen gibt es

Die umhüllende Dunkelheit der Nacht
wird zu einem Schutzschirm
mit kosmischer Dimension

Aus dem im Schmerz geborenen Wort
wird Erlösung, wird Erfüllung
Aus Leere wird Fülle
aus Dunkel wird Licht

Tiefe Ein- und Ausblicke,
in einer Sprache von seltener Dichte
und Klarheit in der Suche danach
Unklarheit und Verstörtheit und Irritationen
zu verstehen, zu bearbeiten, zu verarbeiten.
zu verwandeln, zu transformieren

Welche Kraft…

Werner Anahata Krebber , 11.01.2015 / 31.07.2015

Mehr zu „Schlaflos“ und anderen Büchern von Hannah Buchholz hier:

https://hannahbuchholz.wordpress.com/publikationen/

Deine Hand

für alle,
die durch die dunkle Nacht der Seele
gegangen sind

 

Vielleicht
war deine Angst
in der Dunkelheit
dazu da,
dich Mut zu lehren
(ohne Angst kein Mut!)

Vielleicht
war deine Wut dazu da,
dir Klarheit
und Durchhaltevermögen
zu schenken
(auch aus Wut entsteht Kraft!)

Und deine Trauer
hat dich wohl weicher
gemacht,
verständnisvoller und
mitfühlender
mit anderen, oder nicht? –

Mit Sicherheit
hast du nicht umsonst,
hast du nicht vergebens
das Tal der Tränen
durchwandert
und die dunkle Nacht

der Seele
durchwacht! –
Du hast vieles
gesehen, mitbekommen
und mitgemacht! –
Du hast gelernt,

was es heißt,
ein Mensch unter Menschen
zu sein,
verletztlich, allein,
nicht weniger
und nicht mehr als das–

Und das reicht!
Das macht dich reich
– an Erfahrung –

also reiche
denen, die dir nachfolgen –
und die dies wünschen –

und die in diesem Augenblick
stolpern
in der Dunkelheit,

deine Hand,
und vergiss nicht,
dass auch du

wieder stolpern wirst,
ein ums andere
Mal, und auch

für dich
wird es Hände geben,
die die deinen

halten –
warm, fest
und im besten Falle

liebevoll

 

Hannah Buchholz, 19. 02. 2015

 

 

Mehr Gedichte dieser Lyrikerin hier:

https://hannahbuchholz.wordpress.com/

 

 

Utopie

Religion und Liebe beinhalten das Schema einer analog gebauten Utopie.
Sie sind jede für sich ein Schlüssel aus dem Käfig der Normalität.
Sie öffnen die Normalität auf einen anderen Zustand hin.

Die Köstlichkeit, die Symbolkraft, das Verführerische der Liebe
wächst mit ihrer Unmöglichkeit.

Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim

 

Und dennoch –
versuchen wir es.

Was bleibt uns anderes übrig?
Wir suchen

und wir finden
uns wieder

in einem du.
Wir überschreiten Grenzen.

Wir überschreiten uns selbst.
Wir transzendieren uns.

Wir transformieren uns.
Wir verwandeln uns.

Wir sehen die Welt
mit den Blicken

der Liebenden –
alles, alles annehmend,

verzaubernd,
vergebend.

Vergehend.
Wir lassen uns fallen.

Und wir fallen –
tief.

Und dennoch:
Versuchen wir es!

Stehen wir wieder auf,
erheben wir uns

über unseren Stolz,
über unser altes Selbst,

resignieren wir
nicht eine Sekunde lang!

Erheben wir uns
und einander!

Versuchen wir es!

 

25.1.2015

Hannah Buchholz

Quelle: Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim:
Das ganz normale Chaos der Liebe,
S. 231 und S. 9

Mehr Lyrik von Hannah Buchholz gibt es hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/

Antwort

der Mandelbaum blühte
im Winter

als Franz von Assisi
ihn berührte.

Vielleicht
berührte er ihn

mit seiner Frage,
mit seiner Bitte

zu ihm zu sprechen
von Gott.

Tief genug
hatten sie einander

berührt,
einander verstanden,

und so standen sie
beide

in voller Blüte,
mitten

im Winter:

der Heilige
und der Baum

 

(Hannah Buchholz 2009 / 2014)

Erschienen in:

hb_schlaflos

Hannah Buchholz: Schlaflos. Gedichte. München 2014, S. 151

http://linden.kutv.de/Lyrik-Kunst-und-Text/Buchholz-Hannah-Schlaflos::2.html