Jeden Augenblick schenkt uns das Leben einen Anfang

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„Wenn ich nur den Anfang fände!“ stöhnte wieder heuchlerisch eine Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

„Der Anfang“ – las er, an einer x-beliebigen Stelle beginnend, und stutzte über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein – „ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es schwer wäre, ihn zu finden – nur die Einbildung ihn suchen zu müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? – Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden. …

„Die Tagebuchrolle“ aus „Das grüne Gesicht“ von Gustav Meyrink. Zitiert aus der Ausgabe des Vitalis-Verlags, S. 216 – 231, Prag, Furth im Wald, 2003

 

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

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Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Das Verlangen schafft einen Exzess

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Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu  wandern und wer in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt, von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist es nicht. Er kann nicht hier stehenbleiben und sich nicht mit diesem da zufrieden geben.

Das Verlangen schafft einen Exzess. Es exzediert, tritt über und lässt die Orte hinter sich. Es drängt voran, weiter, anderswohin. Es wohnt nirgendwo.

Michel  de  Certeau  (1925–1986)

Die Wahrheit spiegeln

Das Gemüt klärt sich
von seinen Unreinheiten
und wird klar genug,
die Wahrheit zu spiegeln:
das wahre Selbst.

Das ist unmöglich,
solange das ICH tätig ist
und auf Selbstbehauptung drängt.

Ramana Maharshi (1879 – 1950)

Im Weltgeist zueinander

Es gibt einen, nur einen unfehlbaren Geleiter für uns, den Weltgeist, der uns allesamt und jeden einzelnen durchdringt, der jedem das Streben nach dem eingibt, was sein soll; jenen selben Geist, der im Baum gebietet, zur Sonne hin zu wachsen, der in der Blüte gebietet, im Herbst Samen auszustreuen, und der in uns gebietet, uns unbewußt zueinander zu drängen.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910) in seiner Erzählung „Luzern“

Im Herbst Samen ausstreuen

Es gibt einen, nur einen unfehlbaren Geleiter für uns, den Weltgeist, der uns allesamt und jeden einzelnen durchdringt, der jedem das Streben nach dem eingibt, was sein soll; jenen selben Geist, der im Baum gebietet, zur Sonne hin zu wachsen, der in der Blüte gebietet, im Herbst Samen auszustreuen, und der in uns gebietet, uns unbewusst zueinander zu drängen.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910) in seiner Erzählung “Luzern”

Das wahre Selbst spiegeln

Das Gemüt klärt sich von seinen Unreinigkeiten und wird klar genug, die Wahrheit zu spiegeln:
das wahre Selbst.
Das ist unmöglich, solange das ICH tätig ist und auf Selbstbehauptung drängt.

Ramana Maharshi (1879 – 1950)

Empfehlungen für Zen-Schüler

In der Welt leben, aber nicht am Staub der Welt festhalten oder Bindungen schaffen: das ist der Weg des wahren Zen-Schülers.

Wenn du siehst, wie jemand gute Taten vollbringt, sporne dich an, seinem guten Beispiel zu folgen. Hörst du aber, dass jemand falsch gehandelt hat, nimm dir vor, selbst nicht ebenso zu handeln.

Auch wenn du dich allein in einem dunklen Raum befindest, benimm dich so, als ob ein hoher Gast bei dir wäre.

Drücke deine Gefühle aus, drücke aber nicht mehr aus, als du wirklich fühlst.

Armut ist dein Reichtum. Tausche sie nicht gegen ein bequemes Leben ein.

Ein Mensch mag wie ein Narr erscheinen, ohne dumm zu sein. Vielleicht will er seine Weisheit bewahren und hütet sie sorgfältig.

Tugend ist das Ergebnis von Selbstdisziplin und fällt nicht von alleine vom Himmel wie Regen oder Hagel.

Bescheidenheit ist die Grundlage aller Tugenden. Lass die anderen dich finden, bevor du dich ihnen zu erkennen gibst.

Ein edles Herz drängt sich nicht vor. Es äußert sich nur selten, so wie man wertvolle Edelsteine nur selten herzeigt.

Jeder Tag ist ein guter Tag für den wahren Schüler. Die Zeit vergeht, er fällt aber nie zurück.

Weder Ruhm noch Schande kann sein Herz bewegen.

Diskutiere nicht über Richtig und Falsch. Kritisiere immer dich selbst und nie andere.

Einige Dinge wurden lange Zeit für falsch angesehen, obwohl sie richtig waren. Da der Wert der Rechtschaffenheit vielleicht erst Jahrhunderte später erkannt wird, ist es unnötig, sofortige Wertschätzung zu erwarten.

Warum überlässt du nicht alles dem großen Gesetz des Universums und lebst jeden Tag mit einem friedlichen Lächeln?

Genaue biographische Daten von Zengetsu, dem Autoren der Empfehlungen, sind nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, dass er Schüler von Tokusan (782 – 865) und Sekiso (807 – 888) gewesen ist.

Welt-Geist

Es gibt einen, nur einen unfehlbaren Geleiter für uns, den Weltgeist, der uns allesamt und jeden einzelnen durchdringt, der jedem das Streben nach dem eingibt, was sein soll; jenen selben Geist, der im Baum gebietet, zur Sonne hin zu wachsen, der in der Blüte gebietet, im Herbst Samen auszustreuen, und der in uns gebietet, uns unbewusst zueinander zu drängen.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910) in seiner Erzählung „Luzern“