Sich im Grund berühren lassen

Anders als viele Methoden etwa der körperlichen Entspannung erhebt Zen explizit einen existentiell-spirituellen Anspruch. Der Übende greift mit seiner Aufmerksamkeit tief in sich hinein, lässt sich berühren in seinem Grund. Das Schweigen steht im Dienst dieser Wandlung, öffnet einen Raum, in dem nicht nur das Äußere, sondern nach und nach auch das Innere still wird. Diese Atmosphäre ist ein hoher Wert, den in einem gemeinsamen Kurs alle Teilnehmer hüten wie einen zerbrechlichen Schatz. In solches Schweigen hinein gesprochene Worte erheben den Anspruch, aus dem Schweigen zu kommen und wieder dort hinein zu führen. Es sollen Worte sein möglichst nahe am Unsagbaren. Sie dürfen nicht wieder neue, gerade los gelassene Begriffswelten im Inneren erstehen lassen. Sie sollen das Eigentliche, das Wesen, die Urgestalt des Menschen transparent werden lassen. Sie sind Ausfluss des inneren Berührtseins, ähnlich wie ein Stoßseufzer aus erlebter Ohnmacht und zugleich als tiefste Bitte um Hilfe, um Erbarmen. Was so an den Wächtern des „Vernünftigen“ vorbei gegangen ist, ist Sprache des Menschen, der zu sich selbst findet und der eigenen Wesensnatur ihr „Stimmrecht“ zurück gibt.

P. Paul Rheinbay S.A.C.: Rede, ohne die Lippen zu bewegen – So lange schweigen?

Der ganze Text findet sich hier:
http://zen-kontemplation.de/fileadmin/zen/pdf/schweigen_01.pdf

Licht der Unendlichkeit

Wisse, bevor die Emanationen emanierten
und die Geschöpfe erschaffen wurden
gab es nur das einfache höhere Licht, welches die ganze Wirklichkeit ausfüllte.
Und es gab keinen leeren Raum und keine leere oder unausgefüllte Atmosphäre.
Sondern es war alles voller jenes unendlichen einfachen Lichtes.
Und dieses hatte weder Anfang noch Ende,
sondern es war alles einziges, einfaches, vollkommen gleichmäßiges Licht, und
dieses hieß: Licht der Unendlichkeit.

Und als in Seinem einfachen Willen der Wunsch erwachte, die Welten zu
erschaffen und die Emanationen zu emanieren,
und dabei die Perfektion
Seiner Taten, Seiner Namen, Seiner Bezeichnungen erleuchten zu lassen,
wurde das zum Grund der Erschaffung der Welten.

Und siehe, sodann schränkte sich die Unendlichkeit in ihrem zentralen Punkt ein,
exakt im Zentrum
und jenes Licht kontrahierte
und entfernte sich weit an die Ränder dieses Punktes.

Und sodann blieb leerer Raum, ein Vakuum,
von diesem mittleren Punkt.
Und siehe, diese Kontraktion war vollkommen gleichmäßig
um diesen leeren mittleren Punkt herum.
So, dass jener leerer Raum
von allen Seiten in vollkommener Gleichmäßigkeit kreisförmig wurde.

Und siehe, nach der Einschränkung
nach welcher leerer Raum und Vakuum entstand,
im exakten Zentrum des unendlichen Lichtes,
war nun Raum da,
in dem Geschöpfe, und Emanationen und Kreaturen existieren konnten.

Sodann zog sich aus dem Unendlichen Licht ein einziger Lichtstrahl
und stieg herab ins Innere jenes Raumes
und entlang dieses Strahls erschuf, formte und machte und kreierte Er alle
Welten.

Bevor diese Welten ins Leben gerufen wurden,
gab es nur Unendlichkeit, und ihr Name war Eins,
in einer so herrlichen und verborgenen Einheit,
dass sogar den Engeln, die Ihm am nächsten standen,
die Kraft zur Erkenntnis der Unendlichkeit fehlte,
und es gibt keinen Verstand, der Ihn erfassen könnte,
denn Er hat keinen Ort, keine Grenzen, keinen Namen.

Aus dem Buch „Ez Chaim“, „Baum des Lebens“, von Ari (Rabbi Isaak Luria, 1534-1572)

http://de.kab.info/germankab/weitere-artikel/21-artikel-deutsch/729-an-der-lichtgrenze