Else Lasker-Schüler: Gebet

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Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht, –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

Jeder Mensch ist eine besondere Art Mystiker

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Alle von uns können Momente überwältigender, grenzenloser Zugehörigkeit, Augenblicke universellen Eins-Seins erfahren. Das sind unsere eigenen mystischen Momente. Die Männer und Frauen, die wir Mystiker nennen, unterscheiden sich vom Rest von uns lediglich dadurch, dass sie jenen Erfahrungen den Raum geben, der ihnen in unser aller Leben zusteht. Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen. Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.

David Steindl-Rast (*1926) in seinem Buch „Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik“, München 1985

Tell me, O Swan, your ancient tale

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Tell me, O Swan, your ancient tale.
From what land do you come, O Swan? to what shore will you fly?
Where would you take your rest, O Swan, and what do you seek?

Even this morning, O Swan, awake, arise and follow me!
There is a land where no doubt nor sorrow have rule: where the terror of Death is no more.
There the woods of spring are a-bloom, and the fragrant scent ‘He is I’ is borne on the wind:
There the bee of the heart is deeply immersed, and desires no other joy.

Rabindranath Tagore (1861-1941) nach Kabir (1440 – 1518)

Mache deine Seele zu einem duftenden Rosengarten

 

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Du bist ganz Seele.
Der Rest ist nur Fleisch und Knochen.
Also mache deine Seele
zu einem duftenden Rosengarten,
denn Dornengestrüpp
taugt bloß als Brennholz.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 – 1273)

Die Seele, ein duftender Rosengarten

Du bist ganz Seele.
Der Rest ist nur Fleisch und Knochen.
Also mache deine Seele
zu einem duftenden Rosengarten,
denn Dornengestrüpp
taugt bloß als Brennholz.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 – 1273)

Tell me, O Swan …

Tell me, O Swan, your ancient tale.
From what land do you come, O Swan? to what shore will you fly?
Where would you take your rest, O Swan, and what do you seek?

Even this morning, O Swan, awake, arise and follow me!
There is a land where no doubt nor sorrow have rule: where the terror of Death is no more.
There the woods of spring are a-bloom, and the fragrant scent ‘He is I’ is borne on the wind:
There the bee of the heart is deeply immersed, and desires no other joy.

Rabindranath Tagore (1861-1941) nach Kabir (1440 – 1518)

Awake, arise and follow me

Tell me, O Swan, your ancient tale.
From what land do you come, O Swan? to what shore will you fly?
Where would you take your rest, O Swan, and what do you seek?

Even this morning, O Swan, awake, arise and follow me!
There is a land where no doubt nor sorrow have rule: where the terror of Death is no more.
There the woods of spring are a-bloom, and the fragrant scent ‘He is I’ is borne on the wind:
There the bee of the heart is deeply immersed, and desires no other joy.

Rabindranath Tagore (1861-1941) nach Kabir (1440 – 1518)