Jeder Mensch ist eine besondere Art Mystiker

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Die Männer und Frauen, die wir Mystiker nennen, unterscheiden sich vom Rest von uns lediglich dadurch, dass sie jenen Erfahrungen den Raum geben, der ihnen in unser aller Leben zusteht. Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen. Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.

David Steindl-Rast (*1926)

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Göttliches in besonderer Weise nahe

„Hier in Beuron war Heidegger oft“, sagte Arno. „Hier in der Nähe war er Meßdiener gewesen, in Meßkirch. Er hat sich nie ganz davon lösen können. Hat seine Initialen in die Kirchenbank geritzt. Jemand hat ihn mal beobachtet, wie er sich mit Weihwasser bekreuzigte, und hat ihn gefragt: „Warum machen Sie das? Sie glauben doch nicht mehr daran.“ „Nein“, hatte Heidegger geantwortet, „aber wo so viel gebetet worden ist, da ist das Göttliche in einer ganz besonderen Weise nahe.“

Cees Noteboom in seinem Roman „Allerseelen“. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1999, S. 201