Die Mystiker werden die wir sein sollen

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Wenn wir darunter eine Erfahrung des Einsseins mit der Höchsten Wirklichkeit verstehen, dann haben wir eine brauchbare Arbeitsdefinition von mystischer Erfahrung. Wir tun gut daran, wenn wir den Terminus „Gott“ nicht mit einbeziehen. Nicht alle Menschen fühlen sich wohl dabei, die Höchste Wirklichkeit „Gott“ zu nennen. Aber gleich welche Terminologie, alle von uns können Momente überwältigender, grenzenloser Zugehörigkeit, Augenblicke universellen Eins-seins erfahren. Das sind unsere eigenen mystischen Momente. Die Männer und Frauen, die wir Mystiker nennen, unterscheiden sich vom Rest von uns lediglich dadurch, dass sie jenen Erfahrungen den Raum geben, der ihnen in unser aller Leben zusteht. Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen. Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.

David Steindl-Rast (*1926)  zum Stichwort „Mystische Erfahrung“ in: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik. 1986, S. 178

Mystische Erfahrungen inbegriffen

Es gibt Gehirnbereiche, die mystische Erfahrungen beinhalten oder zumindest aktivieren, und das belegt, dass – kurzgefasst: Der areligiöse Mensch irrt immer, wenn er glaubt, Religion sei eine Frage des Glaubens, sondern: Jeder Mensch hat diese mystischen Erfahrungsmöglichkeiten in sich, und wer sie leugnet und glaubt, es gäbe überhaupt nichts oder Religion sei sinnlos, der ignoriert einen wesentlichen Teil seiner Anlagen.

Michael Schröter-Kunhardt, Neurologe

Diesen interessanten Gedanken fand ich hier: http://seelengrund.wordpress.com/2011/10/25/buddhas-zahnweh/

Wir brauchen Mystik

Wir brauchen die Mystik, um unsere Erde und die Menschen darauf heil in die Zukunft zu bringen. Mystik ist der Grundzug jeder Religion. Jeder mystische Weg ist ein Weg heraus aus dem engen konfessionellen Religionsverständnis. Das muss nicht einen Abschied von der Religion an sich bedeuten, wohl aber sprengt und übersteigt die Mystik alles, was Religion verdinglichen und festschreiben will. Östliche Religionen können dabei so oberflächlich und steril sein wie die westlichen. Beide müssen ständig von der mystischen Erfahrung her neu belebt werden.

Willigis Jäger in: Wiederkehr der Mystik. Das Ewige im Jetzt erfahren. Freiburg/Br. 2004, S. 129

Mystische Erfahrungen des Alltags

In mystischen Erfahrungen des Alltags, so ist Rahners abstrakte Beschreibung zu verstehen, wird die Transzendenz intensiver erfahren, weil die gegenständliche (kategoriale) Wirklichkeit von sich aus stärker und eindringlicher als für gewöhnlich auf die Transzendenz verweist. Im Unterschied zur eigentlichen Mystik fällt in der Mystik des Alltags das Gegenständliche bzw. die gegenständliche Vermittlung in der Transzendenzerfahrung nicht teilweise oder ganz aus, sondern macht als solches deutlicher und dringlicher auf die Transzendenz aufmerksam.
Wo der Mensch solche besonderen Erfahrungen in seinem Leben macht, da ist nach Rahner „die Mystik des Alltags, das Gottfinden in allen Dingen; da ist die nüchterne Trunkenheit des Geistes“. In den Zusammenhang der Mystik des Alltags wäre schließlich auch der berühmt gewordene Satz Rahners aus dem Jahre 1966 einzuordnen: „Der Fromme von morgen wird ein ,Mystiker’ sein, einer, der etwas ,erfahren’ hat, oder er wird nicht mehr sein […]„

Johannes Herzgsell in „Geist und Leben“ über „Karl Rahners Theologie der Mystik“