Gott ist Vater und Mutter aller Dinge

Meister Eckhart spricht, Gott ist nicht allein ein Vater aller Dinge, er ist vielmehr auch eine Mutter aller Dinge. Denn er ist darum ein Vater, weil er eine Ursache und ein Schöpfer aller Dinge ist. Er ist aber auch eine Mutter aller Dinge, denn wenn die Kreatur von ihm ihr Wesen nimmt, so bleibt er bei der Kreatur und erhält sie in ihrem Wesen. Denn bliebe Gott nicht bei und in der Kreatur, wenn sie in ihr Wesen kommt, so müsste sie notwendig bald von ihrem Wesen abfallen. Denn was aus Gott fällt, das fällt von seinem Wesen in eine Nichtheit. Es ist mit andern Ursachen nicht so, denn die gehen wohl von ihren verursachten Dingen weg, wenn diese in ihr Wesen kommen. Wenn das Haus in sein Wesen kommt, so geht der Zimmermann hinaus, und zwar darum, weil der Zimmermann nicht ganz und gar die Ursache des Hauses ist, sondern er nimmt die Materie von der Natur; Gott dagegen gibt der Kreatur ganz und gar alles, was sie ist, sowohl Form wie Materie, und darum muss er dabei bleiben, weil sonst die Kreatur bald von ihrem Wesen abfallen würde.

Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903

Wirken und Werden sind eins

Das Wirken und das Werden sind eins. Wenn der Zimmermann nichts erwirkt, wird auch nichts aus dem Haus. Wo die Axt daniederliegt, liegt auch das Werden danieder. Gott und ich, wir sind eins in diesem Wirken; er wirkt, und ich werde. Das Feuer verwandelt das in Feuer, was ihm zugefügt wird und macht es zu seiner Natur. Nicht das Holz verwandelt das Feuer in Holz, sondern das Feuer verwandelt das Holz in Feuer. So werden wir in Gott verwandelt, damit wir ihn erkennen sollen, wie er ist.

Meister Eckhart (1260–1328)