Mitten in deinem Herzen geborgen

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Alle, die du in deine Arme schließt, Herr,
ziehst du doch fest an dein Herz.
Dein Herz ist das süße Manna,
Gott, den du, Jesus,
in deiner Weisheit in dir trägst
wie in einem goldenen Krug.
Selig sind alle, die deine Umarmung zu diesem Manna zieht,
selig alle, die du in diesem verborgenen Geheimnis
mitten in deinem Herzen geborgen sein lässt.

Wilhelm von Saint-Thierry (* zwischen 1075 und 1080 – 1148)

Strahl der göttlichen Erkenntnis

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Die Seele tut kein Werk mehr für Gott, noch auch für sich oder ihre Nächsten. Aber Gott wirkt es, wenn er will, er kann es tun. Und wenn er nicht will, so macht ihr das nichts aus, das eine ist wie das andere: sie bleibt immerfort im einen und selben Zustand. Dann ist der Strahl der göttlichen Erkenntnis in dieser Seele, er zieht sie aus sich selbst ohne ihr Dazutun in einen staunensvollen Frieden.

Margareta Porete / Marguerite Porète (* um 1250/1260 – 1. Juni 1310) im „Spiegel der einfachen Seelen“. Die Begine wurde als Häretikerin auf Anweisung der Inquisition in Paris verbrannt. Ihre Aussagen haben Parallelen zur Mystik von Meister Eckhart.

Erster Ursprung

O Wunder über Wunder, wenn ich an die Vereinigung denke, die die Seele mit Gott hat! Er macht die Seele wonnefreudig, aus sich selbst zu fließen, denn alle genannten Dinge genügen ihr nicht. Und da sie selbst eine genannte Natur ist, darum genügt sie sich selbst nicht. Der göttliche Liebesquell fließt auf die Seele und zieht sie aus sich selbst in das ungenannte Wesen in ihren ersten Ursprung, der Gott allein ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seinem Traktat „Von den Stufen der Seele“. Erschienen in Meister Eckharts mystische Schriften. Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903

Woher wir kommen wo wir sind und wohin wir gehen

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Die Selbsterkenntnis lehrt uns,
woher wir kommen,
wo wir sind und wohin wir gehen.
Wir kommen von Gott
und sind in der Verbannung.
Und da die Kraft unserer Liebe
uns zu Gott zieht,
sind wir uns dieser Verbannung bewusst.

Jan van Ruysbroek (1293–1381)

Christian Boltanski: Vanitas

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„Ich möchte, dass man hier die Zeit hören und spüren kann. Die Menschen können viel tun, aber sie können nicht gegen die Zeit kämpfen. Gott ist der Herr der Zeit.“ ~ Christian Boltanski (1944 – 2021)

Christian Boltanskis Installation „Vanitas“ besteht aus zwei Teilen, einem visuellen und einem akustischen. An einer Wand im Raum der Chorkrypta (1181 – 1200) des spätromanischen Salzburger Doms hat er zwölf skizzenhafte, feingliedrige Figuren aus Metallblech befestigt, die von Kerzen angeleuchtet werden. Im flackernden Licht werfen sie Schatten an die Wand, während in der Apsis die Projektion eines schattenhaften Todesengels langsam Kreise zieht. Dazu ertönt beständig wiederholt die automatische Zeitansage.

Das Schattenspiel des Künstlers ist ein moderner „Totentanz“ während dessen Betrachtung hörbar die Zeit verrinnt.

Magischer Wortklang formend die Seele

Bô Yin Râ – Porträt mit Signatur

Seltsam sind seine Bücher. Seltsam und groß. Wer sie zum ersten Mal in die Hand nimmt, wird eigentümlich berührt. Es ist, wie wenn ganz fern im eignen Innern etwas klinge, kaum vernehmbar. Es ist, wie wenn sich leise Hüllen im Innern lösten. Du legst das schmale Buch wieder fort, wenn du es gelesen hast, wie du andere Bücher fortlegst. Aber es klingt in dir weiter, es zieht dich zurück. Und allmählich werden dir diese schmalen Bücher dick und schwer. Sie wachsen mit dir, sie weiten sich aus – und du erkennst in deinem Innersten, dass alles Licht und alle Weisheit in ihnen verborgen ist. Bist du noch so in Wirrung und innerer Not: hier wird die Lösung aus dir selber geweckt, hier ist ein Quell, aus dem dein innerstes Wesen sich Kraft und Vertrauen trinkt. Eines Tages erkennst du auch, dass diese Bücher nicht wie gewöhnliche Bücher geschrieben sind. „Dichter mögen allein nach Schönheit streben, Seher geben den Worten ewigen Klang“ heißt es im „Buch vom lebendigen Gott“ einmal. Das erlebst du nun. Alle diese Bücher wirken mit magischem Wortklang formend auf deine Seele.

Bô Yin Râ von Hans Christoph Ade (1888 -1981). Hans Christoph Ade wurde 1925 Schriftleiter von „Magische Blätter“. Der Text stammt aus gleicher Zeit.

Der vollständige Vortrag ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: JOSEPH SCHNEIDERFRANKEN

Heft 7, Juli 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

In Gelassenheit wonnigliche Frucht

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Das Pferd macht den Mist in den Stall, und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat, so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Mühe auf das Feld; und daraus wächst der edle schöne Weizen und der edle süße Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da. Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst; die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Streue deinen Mist auf dieses edle Feld; daraus sprießt ohne allen Zweifel in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht auf.

Johannes Tauler (1300 – 1361) In: Georg Hofmann (Hg.): Johannes Tauler Predigten. Freiburg/Basel/Wien 1961, S. 43 – 44

Entdeckung der inneren Welt

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In seinem Grund … findet der Mensch den inneren Meister als das ‚Ziehen‘ und ‚Sich-Wenden` zu Gott, als Heiligen Geist (den Tauler viel ausdrücklicher nennt als Eckhart und Seuse). Dieser überformt den Menschen und vergottet ihn, zurück in den Ursprung, wo der Mensch von Ewigkeit „Gott in Gott” war.

Was dabei als ,Lauterkeit`, Bildlosigkeit‘, ,Weiselosigkeit‘ usw. beschrieben wird, weist übrigens in die Nähe jener ,Leerheit‘, wie sie im Mahayana-Buddhismus, auf dessen Hintergrund sich auch die Zen-Erfahrung ausspricht, als Kennzeichnung des Absoluten verstanden wird, d.h. ,bar jeder Bestimmung‘. Die von Tauler aufgezeigte eigentümliche Rolle der Verwirklichung des eigenen Nichts — im Nichts Gottes — kann hier ebenfalls nicht näher mit der entsprechenden Zen-Erfahrung verglichen werden. Sie ist für Tauler allerdings das wichtigste Moment auf dem Wege der Entdeckung der inneren Welt!

In diesem Vorgang der Vernichtung kommt der schmerzlichen Selbsterkenntnis sowie der Angst — dem ,Gejagtwerden‘, wie es Tauler wiederholt beschreibt — eine wesentliche Aufgabe zu, um den mystischen Durchbruch als Gottesgeburt im Menschen letztendlich zu ermöglichen. Dabei darf die Liebe als entscheidender Faktor nicht übersehen werden!

Emmanuel Jungclaussen (1927 -2018) in: Der Meister in dir. Die Entdeckung der inneren Welt nach Johannes Tauler. Freiburg / Br. 1975

Von Splittern und Balken

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Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht. Wenn du den Balken aus deinem Auge gezogen hast, dann wirst du klarer sehen; um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.

Aus dem Thomas-Evangelium

Sichtweise der Mystiker

Sehen mit dem Dritten Auge ist die Sichtweise der Mystiker. Sie lehnen das Erste Auge nicht ab. Die sinnlichen Wahrnehmungen bedeuten ihnen etwas. Aber sie wissen, es gibt mehr. Sie lehnen auch das Zweite Auge nicht ab. Aber sie verwechseln Wissen nicht mit Tiefe und bloße korrekte Information nicht mit der Transformation des Bewusstseins selbst. Der mystische Blick baut auf das Erste und Zweite Auge auf – aber er reicht weiter. Er ereignet sich immer dann, wenn aufgrund eines wunderbaren „Zufalls“ der Raum unseres Herzens, der Raum unseres Verstandes sowie unsere Körperwahrnehmung gleichzeitig geöffnet und nicht-resistens sind. Ich nenne dies gern Präsenz. Präsenz wird als ein Moment tiefer innerer Verbundenheit erfahren und sie zieht uns unweigerlich in das nackte und ungeschützte Hier und Jetzt hinein.

Richard Rohr (*1943) in: Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker. München, 2010