Depressionen überwinden

tt25_1Cover der Originalausgabe

Jetzt, wo die Tage kürzer werden und es früher dunkelt, bekommen manche Menschen depressive Verstimmungen, Depressionen. Doch auch unabhängig davon sind Menschen mit Depressionen beschwert.

Ihnen soll mein kleiner Ratgeber „Depressionen überwinden – Wege zurück zur Lebensfreude“ behilflich sein, den ich vor einigen Jahren veröffentlicht habe und der schon lange vergriffen ist.

„Depressionen überwinden – Wege zurück zur Lebensfreude“ erschien zuerst innerhalb der Reihe THALES THEMENHEFTE als Nr. 25 (Essen o.J.). Das Heft ist seit einiger Zeit vergriffen, die Reihe wurde inzwischen eingestellt.

Wer sich die aktuelle Berichterstattung zum Krankheitsbild der Depression ansieht, stellt fest: Die damals prognostizierten Entwicklungen sind nicht nur eingetroffen, sondern die Folgen des gesellschaftlichen Wandels haben sich im Laufe der letzten Jahre verschärft.

Dies war für mich Anlass, die Broschuere noch einmal einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Für diese Online-Version wurde der Text überarbeitet und aktualisiert.

Im Anhang findet sich der Hinweis darauf, dass der Text auch in Blindenschrift verfuegbar ist.

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https://archive.org/details/Depressionenberwinden-WegeZurckZurLebensfreude

 

Bitte beachten: Eine kommerzielle Nutzung des Online-Bändchens ist nicht gestattet.

Berlin: Stadt der Millionen

Auf Arte lief heute morgen „Die Stadt der Millionen. Ein Lebensbild Berlins.“ Dazu heißt es:

Der 85-minütige Film (1925) ist das erste abendfüllende Stadtporträt Berlins und zeigt den Alltag in ganz unterschiedlichen Vierteln der Stadt: hier großstädtisch und mondän, dort volkstümlich und mit Hang zu kleinbürgerlicher Gemütlichkeit. Der Ufa-Film vermittelt das Lebensgefühl von Berlin nach der überstandenen Wirtschaftskrise Mitte der 1920er Jahre.

Mehr hier:

http://www.arte.tv/guide/de/058366-000/die-stadt-der-millionen-ein-lebensbild-berlins

Mich erinnerte der Hinweis an den Berliner Großstadtseelsorger Carl Sonnenschein (1876 – 1929), zu dem ich 1996 das Buch „Den Menschen Recht verschaffen. Carl Sonnenschein – Person und Werk“ im Würzburger Echter-Verlag herausgegeben habe.

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„Seine pastorale Kreativität, seine soziale Sensibilität, seine kontexuelle Spiritualität, seine Offenheit für die Kunst, seine Impulse für die Politik und seine offensive ‚Veröffentlichung‘ des Christentums erwiesen ihn als Beispiel eines aufmerksamen Zeitgenossen und couragierten Kirchenmannes,“ schrieb Prof. Dr. Michael Sievernich SJ damals im Nachwort.

Das Buch ist vergriffen.

Siehe auch hier: https://wernerkrebber.wordpress.com/

 

 

 

Wie bleibe ich aus den Schlagzeilen?

In der „Süddeutschen“ ist es heute zu lesen. Eine Gerichtsgutachterin muss einem Mann Schadensersatz zahlen, weil er  unschuldig im Gefängnis gesessen hat. Es erinnerte mich dann doch wieder mal an einen Vortrag, den ich 2003 vor dem Deutschen Psychologentag gehalten habe:

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Wie bleibe ich aus den Schlagzeilen?

Psychologen und ihr Umgang mit der Öffentlichkeit zwischen Krisenmanagement und Imagebildung

Werner Krebber

Im Gespräch zu bleiben, ohne ins Gerede zu kommen, ist für Psychologinnen und Psychologen schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. Denn ihnen werden durch Berufsordnungen und ethische Richtlinien enge Grenzen in ihrem Kontakt zur Öffentlichkeit auferlegt. Das erscheint oft umso schwieriger, als gerade Psychologen mit ihrer wissenschaftlichen Qualifikation Menschen in Krisensituationen ihre Hilfe „anbieten“. Doch eine Kommunikation zwischen ihnen und einer breiten Öffentlichkeit wird oft als problematisch gesehen.

Ganz praktische Hinweise gilt es für Psychologen bei ihrem Umgang mit der Öffentlichkeit zu bedenken. Ihren Platz haben sie in der Spannung zwischen Krisenmanagement und Imagebildung. In Referat und anschließender Diskussion geht es daher beispielsweise um Fragen wie diese:

Welche Rolle spielen psychisch kranke Menschen in den und für die Medien?

  • Mit welcher Öffentlichkeit haben Psychologen es zu tun?
  • Welche Medien eignen sich eigentlich für welche Kommunikation eher als andere?
  • Wie können sie ebenso verantwortlich wie allgemein verständlich Antworten auf ihre Fragen geben?
  • Auf welche Mechanismen der Medien müssen sie sich (nicht) einlassen?
  • Ist das Interesse der Öffentlichkeit wichtiger als der therapeutische Erfolg des Patienten?

 

Literatur:

Hoffmann-Richter, U. (2000). Psychiatrie in der Zeitung. Urteile und Vorurteile. Bonn: Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie Verlag.

Krebber, W. (1999). Sexualstraftäter im Zerrbild der Öffentlichkeit. Fakten – Hintergründe – Klarstellungen. Hamburg: Konkret Literatur Verlag

(Abstract des Vortrags)

 

Welt-Frömmigkeit / Nachtrag: Anton Zottl +

Ich erinnerte mich jetzt daran: 30 Jahre ist es her, dass das Buch „Welt-Frömmigkeit“ erschienen ist.

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Der Eichstätter Pastoraltheologe Anton Zottl hatte es herausgegeben. Namhafte Autoren wie Wolfgang Beilner, Yves Congar, Notker Füglister, Leonhard Lehmann, Günther Schiwy, Josef Sudbrack und andere hatten darin Beiträge. Und ich selbst hatte (noch Theologiestudent) in dem Band einen Artikel zur „säkularen Spiritualität des ‚Opus Dei'“ veröffentlicht.

welttfroemmigkeitScreenshot der Deutschen Nationalbibliothek. Zum Vergrößern bitte anklicken

Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis gibt es hier:

http://d-nb.info/850772184/04

Es ist wohl eigen:

Sehe gerade noch mal nach und stelle fest, dass Univ-Prof. Dr. Anton Zottl am 27. Februar 2015 verstorben ist:

http://www.salesianum-rosental.de/

Eine ausführliche Würdigung seines Lebens findet sich hier:

http://www.osfs.eu/aktuell/80zottl.html

Und hier ist sein Totenbrief zu finden:

http://www.bestattung-jung.at/assets/files/03_ZottlPARTEWEB.pdf

30 Jahre „neue“ Beginen

Die „frommen Frauen“ des Mittelalters, als „Beginen“ bekannt, waren sozial engagierte, spirituelle Frauen. Sie entwickelten eine spezifisch weibliche Mystik, vergleichbar in ihren Auswirkungen mit der Spiritualität eines Franz von Assisi und der Mystik eines Meister Eckhart. Mit ihnen formierte sich eine dynamische Frauenbewegung, die sich bereits im 13. Jahrhundert gegen Anfeindungen von Kirche und Zünften bewähren musste. Diese in der Mystik wurzelnde emanzipatorische Tradition war lange vergessen. 1985 wurde die Tradition in Essen von Gertrud Hofmann neu begründet.

Grund, sich zu erinnern:

https://mystikaktuell.wordpress.com/2010/11/21/beginen-mystikerinnen-des-tuns/

 

Mehr hier:

Gertrud Hofmann / Werner Krebber

Die Beginen – Geschichte und Gegenwart

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http://www.toposplus.de/shop/productdetailtopos.asp?productid=22060

 

 

Beginen heute: Provozierend?

„Marguerite Porete ist die erste Begine, die der Inquisition zum Opfer fällt. Der Grund ist ein kühnes Buch, das sie geschrieben hat, der „Spiegel der einfachen Seelen „. Marguerite hat es vermutlich in den Jahren nach 1290 verfasst. Sie beschreibt darin den Aufstieg der „einfachen Seele“ hin zur mystischen Verbindung mit Gott. Zu ihm, den sie geheimnisvoll den „Fernnahen“ nennt, gelange die Seele über sieben Stufen, um in
leidenschafts- und wunschloser Selbstentsagung alle irdischen Bande abzustreifen und sich mit dem Göttlichen zu vereinigen. Die Seele selbst wendet sich in diesem Buch an den Leser, belehrt ihn und führt Gespräche mit den Personifikationen der Liebe und der Vernunft. Vor allem aber bedarf die Seele, wie Marguerite Porete sie schildert, keiner Heilsvermittlung durch die Kirche, denn von einer bestimmten Stufe ihres Aufstiegs an ist
sie frei von Sünde und eins mit Gott im Gutsein und in der Liebe – eine Provokation für die Kirche.“ So schreibt Letha Böhringer in der „Zeit“ unter dem Titel „Falsche Nonnen. Beginen wie Marguerite Porete lebten fromm und ehelos außerhalb der großen Orden. Was hatte die Kirche gegen sie?“ (online 15. Oktober 2014 – 17:39 Uhr).

Letha Böhringer schreibt hier eine wichtige Erinnerung an eine große Frau, die zu Unrecht nur selten wahr-genommen wird (im doppelten Sinn des Wortes).

Provozierend war Marguerite Porete. Ja. Unter schwierigsten Bedingungen.

Aber wie provozierend sind die „neuen“ Beginen, jene Frauen, die die mittelalterliche Bewegung Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrtausends neu belebten und in verschiedenen Ausprägungen reanimierten. Bei einem genauen Vergleich schneiden sie – so denke ich – schlecht ab.

„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“ soll Thomas Morus mal gesagt haben. Doch was ist heute übrig geblieben von den Aspekten Frauenbewegung, Sozialbewegung, Reformbewegung und Beginenmystik? Welche Flamme wollen die neuen Beginen noch weitergeben?

Aus dem neu erstehen einer Beginen-Bewegung ist eher eine Beginenhof-Bewegung geworden, die mit den Ursprüngen wenig zu tun hat. Mehr dazu findet sich in der Vortragspräsentation meines Vortrags in der Bensberger Thomas-Morus-Akademie:

Beginen im dritten Jahrtausend?  Kritische Anmerkungen zur Adaption einer Lebensform aus dem Mittelalter

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https://de.scribd.com/doc/106655137/Beginen-im-dritten-Jahrtausend

http://wernerkrebber.wordpress.com/2012/09/22/beginen-im-dritten-jahrtausend/

Den ganzen Artikel von Letha Böhringer gibt es hier: http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2014/03/beginen-kirche-christliches-leben

Siehe auch:

Gertrud Hofmann / Werner Krebber

Die Beginen – Geschichte und Gegenwart

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Beginen: Mystik, Verfolgung und Verurteilung

Das reformerische Wirken wie die Mystik der Beginen haben nicht nur Anklang gefunden. Noch 1235 hatte Papst Gregor IX. um Schutz für die Beginen gebeten und ersucht, dass man sie vor unsittlicher Belästigung bewahre. Auch Innozenz IV. ermahnt die Bischöfe von Münster und Osnabrück, die Beginen zu schützen. Aber es ist sicher, dass von Anfang an der „status beginarum“, jener außerhalb von kirchlichen Ordnungen stehender eigene Weg, seit Anfang an eher für Befremden und Unruhe als für Wohlwollen sorgte. So wird bereits in der Synode von Eichstätt etwa 1284 darauf gedrungen, dass zwar die ehrbaren und unbescholten lebenden Beginen zu schützen seien. Dagegen solle man gegen die lasterhaften und verdorbenen mit Strenge vorgehen. Um 1300 bereits droht die Bewegung zu kippen. In ihrer Arbeit stellt Gertrud Neumann fest: „Zu Ausgang des 13. Jahrhunderts liefert das Beginen- und Begardentum der zeitgenössischen, vornehmlich der klerikalen Kritik, neben dem Argument, eine religiös unstabile, gefährdete und untragbare Lebensform zu sein, noch das weitere, dass dieses Leben zu vagierendem Herumtreiben und zu ketzerischer Eigenwilligkeit führe. Dabei wird die Mehrheit der in Selbstbeschränkung lebenden Gemeinschaften dem Verdikt, das wenigen Außenseitern angemessen ist, ohne Unterschied unterworfen.“

So werden 1290 im elsässischen Colmar vom Lektor des Minoritenklosters zwei Beginen und zwei Begarden unter dem Verdacht der Ketzerei festgenommen. Schon 1311 verurteilt das Konzil von Vienne Auffassungen, die von Beginen geäußert wurden.

„Nachdem wir mehrfach über sie solch ungünstigen Urteile und noch andere gehört haben, halten Wir sie mit gutem Recht für verdächtig und glauben, mit Zustimmung des heiligen Konzils, ihre Lebensweise verbieten und vollkommen aus der Kirche Gottes entfernen zu sollen.“ Ausgenommen waren von dem Dekret jene „frommen Frauen, die das Gelübde der Enthaltsamkeit abgelegt oder auch nicht abgelegt haben und ehrsam in ihren Hospizen leben … dass sie weiterhin Buße tun und Gott im Geiste der Demut dienen.“

Das Verbot von Papst Clemens V. saß. Die Inquisition hat dafür gesorgt, dass die Beginen radikal verfolgt wurden. In der Folge dieses Verbotes waren immer mehr Beginen dazu verdammt worden, dass sie entweder ihre Gemeinschaften auflösten oder aber sich – quasi unter Zwang – in Orden einfügten. Dabei war es eine doppelte Gefährdung: Einerseits waren es die immer rigider werdenden Forderungen und Maßnahmen von Kaiser, Kurie und Bischöfen, die darauf drangen eine anerkannte Ordensregel anzunehmen. Andererseits war es die von Anfang an lose Struktur der Bewegung, die zu den Veränderungen führten. Schon Mitte des 14. Jahrhunderts nehmen Beginengemeinschaften beispielsweise die Dritte Regel des Heiligen Franziskus an oder die Augustinerregel. In Essen beispielsweise war es so, dass der 1342 urkundliche Konvent im „Neuen Hagen“ 1839 auf Verlangen des Erzbischofs in die „Kongregation der barmherzigen Schwestern der heiligen Elisabeth“ übergegangen ist. Die letzte Begine dieses Konventes starb 1884, nachdem sie noch 25 Jahre als Vorsteherin eines Armen- und Waisenhauses tätig gewesen war.

Werner Krebber in: Die Beginen –  Mystikerinnen der Tat: Geschichte und Aktualität. Auszug aus der stark gekürzten und aktualisierten Fassung eines Vortrags am 10.10.2007 in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge, Erfurt. Anlass war der 800. Geburtstag der Elisabeth von Thüringen.

https://mystikaktuell.wordpress.com/2010/11/21/beginen-mystikerinnen-des-tuns/

Der Mystiker Johannes Tauler und Zen

„Du musst auf dein Nichts gewiesen werden und sehen, was in dir verborgen und verdeckt liegt. Bleib bei dir selber!“ Oder: „Soll Gott sprechen, so musst du schweigen, soll Gott eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“ Oder: „Du sollst dieses tiefe Schweigen oft und oft in dir haben und es in dir zu einer Gewohnheit werden lassen, so dass es durch Gewohnheit ein fester Besitz in dir werde.“ Anweisungen eines buddhistischen Zen-Meisters? So könnte man auf den ersten Blick zunächst meinen. Doch es sind die Worte eines Menschen des Spätmittelalters, eines christlichen Mystikers. Es sind Sätze von Johannes Tauler, der wahrscheinlich kurz nach 1300 geboren wurde und 1361 starb. Das ihm lange Zeit zugeschriebene Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen …“ kennen viele. Weniger bekannt jedoch ist die tiefe mystische Schau Taulers, die in weiten Teilen ganz erstaunliche Parallelen zum Zen aufweist. Sie ist nicht in philosophisch-theologischen Abhandlungen spekulativer Mystik überliefert, sondern in knapp über achtzig Predigten, die vermutlich kurze Zeit nach dem Tode Taulers niedergeschrieben wurden.

Was ist Zen? Und was ist Mystik?

Eine Bemerkung vorab: Wer in der umfangreichen Literatur zum Zen der Frage „Was ist Zen?“ nachgeht, stößt auf mehr oder weniger einleuchtende Be-und Umschreibungen, die häufig in negativer Darstellung angeben, was Zen nicht ist. Was aber ist Zen? Diese Frage muss beantwortet werden, bevor wir Parallelen bei Tauler suchen und finden können. „Zen lehrt, dass die Buddha-Natur, oder die Möglichkeit, Erleuchtung zu erreichen, in jedem innewohnt, aber aus Unwissenheit brachliegt …“ Erreicht wird die Erleuchtung »mit einem plötzlichen Durchbruch der Grenzen des gewöhnlichen, alltäglichen, logischen Denkens« beschreibt die „New Encyclopaedia Britannica“ den Sinn des Zen. Mit den Sätzen: „Im Mittelpunkt der Zen-Praxis steht die ‚sitzende Versenkung‘ (zazen). Sie soll zur Erleuchtung (satori) führen, der plötzlich eintretenden Erkenntnis der Einheit allen Seins, des Heiligsten und des Profansten“, versucht „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“ dem Wesen des Zen näher zu kommen.

Und ein Zweites: Was ist Mystik? Das ist wohl am klarsten und eindeutigsten mit dem zu fassen, was der Mystiker erfährt: „Durch die mystischen Berührungen wird der Mensch aus seinem verteilten, gewöhnlich-tag-täglichen Bewusstsein herausgeholt. Er wird ‚eingekehrt‘ und spürt nun, dass in seinem ‚Herzen‘ etwas geschieht. Er wird weiter aus der ‚Eigenheit‘ heraus- und in seinen ‚Grund‘ hereingezogen. Dieser plötzliche Übergang vom Durchschnittsbewusstsein, wo er selbst Herr und Meister ist, zu dem Niveau, auf dem sich der ‚ganz Andere‘ fühlen lässt, ist ein erschütterndes Erlebnis,“ schreibt Paul Mommaers. Und genau darauf gilt es, sich stets neu einzulassen.

Weg und Wirkung Johannes Taulers

Wahrscheinlich kurz nach 1300, so wird berichtet, ist Tauler als Sohn einer Straßburger Patrizierfamilie geboren. Früh tritt er in den Predigerorden der Dominikaner ein, widmet sich der Seelsorge und predigt etwa ab 1330 vor allem in Gemeinschaften der Dominikaner und in Häusern der Beginen. Im Zuge eines politischen Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst muss Tauler jedoch zusammen mit den anderen Dominikanern aus Straßburg emigrieren. Er geht zunächst nach Basel ins Exil. Verschiedene Reisen führen ihn später nach Köln und an den Niederrhein, bis er 1361 in seiner Heimatstadt stirbt. Die Wirkungsgeschichte Taulers ist ebenso wechselhaft wie eindrucksvoll. Seine Predigten beeinflussten den frühen Reformatoren Martin Luther ebenso wie Luthers Gegenspieler, den revolutionären Thomas Münzer der Bauernkriege. Fast ins Schwärmen kommt im 19. Jahrhundert der Dichter Heinrich Heine in seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, wenn er schreibt: „Hier erwähnen wir daher namentlich des Johannes Tauler … Er gehörte zu jenen Mystikern, die ich als die platonische Partei des Mittelalters bezeichnet habe… Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“ Die geistesgeschichtliche Traditionslinie, auf die Tauler sich bezieht, beginnt mit dem spätantiken Philosophen Proklos (411 – 485 n. Chr.), also etwa um die Zeit, als Bodhidarma, der vor allem in China lebte und 528 gestorben ist, den Zen-Buddhismus begründete. Tauler zitiert Proklos als „heidnischen Lehrmeister“ mit den Worten „willst du aber noch höher kommen, so lass das vernünftige Hinschauen und Anstarren, denn die Vernunft liegt unter dir, und werde eins mit dem Einen. Und er nennt das Eine eine göttliche Finsternis, still, schweigend, schlafend, übersinnlich.“ Auf Proklos stützt sich auch Dionysius Areopagita (um 550 n. Chr.). In seiner Abhandlung über die „Unfassbarkeit Gottes“ schreibt er unter anderem: „Er allein ist der Urgrund, der allumfassende Ursprung alles Seins und Nichtseins, darin Vollkommenheit und Überschwang, die Fülle von Allem und der Verzicht auf alles und die Jenseitigkeit selbst über alles umschlossen liegt. Kein Sein und kein Nichtsein kann Ihn treffen und Ja und Nein erreichen Ihn nicht.“ Auf diese Traditionen greift Tauler zurück, die noch anzureichern sind mit Platon (428/27 – 348/47) und Plotin (um 205 – 270) und die ergänzt werden müssen mit den Kirchenvätern Augustinus (354 – 430) und Thomas von Aquin (1225/6 – 1274) sowie Dominikus (um 1170 – 1221), den Gründer des Dominikanerordens. Etwa in dieser Zeit waren übrigens innerhalb des Buddhismus in Japan die Rinzai-Schule (Eisai 1141 – 1215) und die Soto-Schule (Dogen 1200 – 1253) entstanden. Vor allem und in besonderer Weise ist jedoch der Mystiker Meister Eckhart (um 1260 – 1327) zu nennen, dessen direkter Schüler Johannes Tauler gewesen ist.

Aufstieg aus dem Grund

Für Johannes Tauler ist der Mensch immer im Aufstieg, immer in Bewegung. Denn nur so kann er zu dem Durchbruch gelangen, der ihn auf seinem Weg weiterbringt. Nicht eindimensional, sondern in drei Schichten bewegt sich nach Taulers Überzeugung der Mensch dabei von der Selbst- zur Gotteserkenntnis. Eine Passage aus der Predigt „Von der Geburt Gottes im Menschen“ verdeutlicht dies: „Die Seele hat drei edle Kräfte, in denen sie ein reines Abbild der heiligen Dreifaltigkeit ist: Gedächtnis, Verstand und freier Wille. Und mittels dieser Kräfte erfasst sie Gott und ist für ihn empfänglich, so dass sie alles dessen empfänglich werden kann, was Gott ist und hat und geben kann, und vermittels ihrer schaut sie in die Ewigkeit. Denn die Seele ist zwischen Zeit und Ewigkeit geschaffen: Mit ihrem obersten Teile gehört sie in die Ewigkeit, und mit ihrem untersten Teile, mit ihren sinnlichen, tierischen Kräften, gehört sie in die Zeit. Nun ist die Seele sowohl mit ihren obersten wie mit ihren untersten Kräften in die Zeit und die zeitlichen Dinge ausgeströmt, infolge der nahen Verwandtschaft, die die obersten Kräfte zu den untersten haben; daher wird ihr auch dieser Lauf sehr leicht, und sie ist sogar bereit, ganz in die sinnlichen Dinge auszulaufen, und geht so der Ewigkeit verlustig. Wahrhaftig, es muss notwendig ein Rücklauf geschehen, soll diese Geburt geboren werden, es muss eine kräftige Einkehr geschehen, ein Einholen, ein inwendiges Sammeln aller Kräfte, der untersten und der obersten, und so muss eine Vereinigung von aller Zerstreuung stattfinden …“

Louise Gnädinger beschreibt in ihrer Biographie des spätmittelalterlichen Mystikers Tauler, worum es ihm vor allem geht: „Im eigenen, als tief innerlich liegend empfundenen Abgrund stößt der Mensch, hat er sich den Weg dorthin einmal frei gemacht, auf den göttlichen Abgrund. Beide Abgründe, der menschliche und der göttliche, rufen einander zu und herbei, und in dem dynamisch wogenden Hin-und-Her-Rufen führt und leitet der göttliche Abgrund den menschlichen in sich hinein in den Umschwung der Gottheit“. Denn Tauler bleibt in seinen Predigten nicht dabei stehen, die Suche des Menschen nach Reichtum, Ordnung, Gestalt, Wahrheit, Wesen etc. in seiner Ganzheit zu beschreiben. Er geht weiter: „Er tastet nach der letzten Wesenstiefe im Menschen«, schreibt Josef Zapf. „Er ringt um den Überschritt in den göttlichen Grund. Dort vollzieht sich die Geburt Gottes im Menschen.“ Ganz entscheidend für diese Gottesgeburt im Menschen ist Taulers Überzeugung, dass der Mensch ein Nichts ist. Allerdings nicht in dem gemeinhin negativ verstandenen Sinn, sondern so begriffen, dass er dem eigenen Nichts auf den Grund geht. Dass er es sehen kann als Nichtigkeit und Sinnlosigkeit der Welt. Tauler meint, dass der Mensch „von Grund aus sein natürliches und sein gebrechliches Nichts erkennen“ soll. Der Mensch „muss alles lassen, dieses Lassens selbst noch ledig werden es lassen, es für nichts halten und in sein lauteres Nichts sinken.“ Tauler weiß: „Willst du in Gottes Innerstes aufgenommen, in ihn gewandelt werden, so musst du dich deiner selbst entäußern, aller Eigenheit, deiner Neigungen, aller Tätigkeit, aller Anmaßung, aller Weise, in der du dich selber besessen hast; darunter geht es nicht. Zwei Wesen und zwei Formen können nicht zugleich nebeneinander bestehen. Soll das Warme hinein, so muss das Kalte notwendigerweise hinaus. Soll Gott eintreten? Das Geschaffene und alles Eigene muss dafür den Platz räumen. Soll Gott wahrhaftig in dir wirken, so musst du in einem Zustand bloßen Erduldens sein; all deine Kräfte müssen so ganz ihres Wirkens und ihrer Selbstbehauptung entäußert sein, in einem reinen Verleugnen ihres Selbst sich halten, beraubt ihrer eigenen Kraft, in reinem und bloßem Nichts verharren. Je tiefer dieses Zunichtewerden ist, um so wesentlicher und wahrer ist die Vereinigung.“

Sich lösen von äußeren Bildern

Zu dieser Vereinigung von Gott und Mensch, die alle Trennungen aufhebt, gehört für den Seelsorger und Prediger, dass sich der Mensch von allen Bildern löst. „Man findet gar manchen, der in der bildhaften Weise sehr bewandert ist und große Freude an solcher Übung besitzt, aber keinerlei Zugang zur Innerlichkeit seiner Seele hat … Das kommt daher, dass sie zu sehr bei den sinnlichen Bildern verweilen und dabei verharren und nicht vorwärtskommen und nicht in den Grund durchbrechen, wo die lebendige Wahrheit leuchtet: denn man kann nicht zwei Herren dienen: den Sinnen und dem Geist.“ Seine Zuhörer fordert er auf, dass sie „die Bilder bald fahren lassen und mit flammender Liebe durch den mittleren in den allerinnersten Menschen hindurchdringen.“ Und wie Proklus meint Tauler: „Solange der Mensch mit den Bildern, die unter uns sind, beschäftigt ist und damit umgeht, wird er niemals in den Grund gelangen.“ Für Tauler gehört existentiell zum Gelingen des Durchbruchs die Abgeschiedenheit vom Äußeren, das Aufgeben der Anhänglichkeit an Dinge, Geschöpfe oder Gewohnheiten, der Blick der Einfachheit, die Einkehr in den Grund und der Einklang mit Gott, der Grund des Menschen und sein Nichts mit all seinen Facetten, das Erkennen des Selbst, das Schweigen, damit Gott sprechen kann …

Vom Gewahr-Werden zum Gewahr-Sein: hier und jetzt

Tauler geht es in seinen Predigten nicht um intellektuelle Anregungen, sondern er gibt praktische Anweisungen. Er mahnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder, ihres Selbst gewahr zu werden, aufmerksam zu werden, sich zu beachten und zu beobachten, um in diesem Prozess ihres Selbst gewahr zu sein. In der beobachtenden Teilnahme des Menschen ist er fähig, die Kräfte seines Gemütes zu erkennen und zu aktivieren, den Grund unseres Geistes. Denn das Gemüt „steht bei weitem höher und innerlicher als die Kräfte; diese haben all ihr Vermögen von ihm und sind darin und von da heraus geflossen … es erkennt sich als Gott in Gott, und dennoch ist es geschaffen.“ Und wieder zitiert Tauler hier in der 53. Predigt den spätantiken Philosophen Proklus mit den Worten: „Wir suchen auf verborgene Weise das Eine, das weit über Vernunft und Erkenntnis steht.“.

Dazu gehört auch: das Un-Erklärbare, das Un-Beschreibliche, dem wir uns ständig gegenübersehen, hat sich nicht irgendwo, sondern im konkreten Leben zu bewähren, im Hier und Jetzt. Das gilt für Zen ebenso wie für Mystik. Im Buddhismus wie bei Tauler. Entscheidend ist dafür jedoch nicht eine spirituelle Innendekoration, ein Verhüllen der inneren Wände mit frommen Tüchern. Ganz existentiell ist die Erfahrung der Tiefe des eigenen Grundes im wirkenden Grund göttlichen Seins. Bei Tauler klingt das so: „Dann soll der Mensch die Eigenschaft der Einsamkeit Gottes in der stillen Leere betrachten … Denn dort ist alles still, geheimnisvoll und leer. Darin ist nichts als die lautere Gottheit. Dorthin kam nie etwas Fremdes, kein Geschöpf, kein Bild, keine Form.“

Werner Anahata Krebber

Mehr Texte zu Mystik und Spiritualität hier:

https://mystikaktuell.wordpress.com/2011/12/14/den-weg-zum-selbst-gehen/

Der Weg zum Selbst

Wird der Zukunftsmensch ein Mystiker sein? Ja, oder es wird ihn nicht mehr lange geben. Schon über dem Apollotempel im griechischen Delphi stand: “Erkenne dich selbst!” -die Aufforderung an den staunenden Betrachter, der Ur-Frage menschlicher Existenz -„Wer bin ich?“ – nachzuspüren, und gleichzeitig das Angebot, dem mystischen Weg zu folgen. Mystik ist kein spiritueller Sonderweg für weltfremde Eremiten, sondern ein „wegloser Weg“, der uns eintauchen lässt in das einende Sein, die letzte Wirklichkeit, die immer schon in uns ist -verlieren wir sie, sind wir verloren

Wer sich mit Mystik befasst, ist dazu eingeladen, sich in seinem tiefsten Inneren massiv erschüttern zu lassen, sich von gewohnten Bildern und Sichtweisen, von liebgewordenen Vorstellungen und Konzepten zu verabschieden. Er ist dazu eingeladen, jene Begrenzungen zu überschreiten, die ihm oft nicht einmal bewusst sind. Doch das, was diese Erschütterungen hervorruft, ist eigentlich unbeschreiblich. So schreibe ich nachfolgend über dieses eigentlich Unbeschreibliche, das als Mystik seit Jahrtausenden die Menschen bewegt und in allen Religionen zu finden ist. Ich bin mir dabei stets bewusst, dass die Grenzen von Sprache sehr schnell erreicht sind, wenn es um die Beschreibung jener letzten Wirklichkeit und mystischen Erfahrung geht.

Wir meinen alle dasselbe

Es verwundert nicht, dass auch die Begriffe für die Beschreibung dieser Erfahrungen in der mystischen Literatur recht verschieden sind. Manche sprechen von “der letzten Wirklichkeit”, andere vom “Absoluten”, vom “Alles ist Eins”, von “Brahman”, von “Atman”, vom “wahren Ich”, vom “Selbst”, von der “Einheit von allem” usw. All dies sind eben Beispiele, die bezeugen, wie tief die Sehnsucht verankert ist, den Weg zum eigenen Selbst zu beschreiten, ihn zu finden und zu beschreiben. In der Geschichte der Mystik gibt es eine Vielzahl von Erscheinungsformen, die sich durch die unterschiedlichen Religionen ziehen: hinduistische Mystik, die Systeme des Yoga, die Vorsokratiker und philosophischen Schulen Griechenlands seit dem 6. Jahrhundert v.u.Z., jüdische mystische Strömungen wie die Kabbala oder der Chassidismus, die islamischen Mystiker und die des Christentums. Konkret sind es vor allem Ekstase, Einigung und Nicht-Sein, die in mystischen Erfahrungen erfahren werden. Ekstase meint die Öffnung des Ich-Bewusstseins vom Personalen zum Transpersonalen. Einigung beschreibt die mystische Vereinigung mit dem Absoluten. Nicht-Sein meint, dass der Mensch erlebt oder erfährt, wie das Sein in ein reines Nichts hinübergleitet. Namen wie Platon, Plotin und Eckehart, wie Teresa von Avila, Mechthild von Magdeburg und Hildegard von Bingen sind hier nur wenige in einer langen Linie mystischer Traditionen, die uns bis in die Gegenwart führt eine Linie, die leider viel zu oft nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Was ist Mystik?

Der Begriff Mystik kommt von dem griechischen Wort “myein” und meint das schließen von Augen, Ohren und Mund, um sich für ein religiöses Grundphänomen zu öffnen. „Augen und Mund schließen – und zwar nicht aus Enttäuschung, sondern aus Verwunderung, als Ausdruck höchster Kommunikation. In der Mystik tritt uns Menschen das Geheimnis entgegen, das erfüllt und dermaßen fasziniert, dass uns nur schweigende Anbetung, Staunen und Verwundern, ganzheitliches Gegenwärtigsein bleibt,“ sagt dazu der Mystik-Kenner Anton Rotzetter. Die Auseinandersetzung mit Mystik zeigt, dass immer mehr Menschen auf der Suche nach tiefster Wahrheit sich auf einen spirituellen Weg aufmachen. Einerseits, weil sie diese Wahrheiten in den institutionalisierten Formen der Großkirchen nicht mehr finden oder sie dort Antworten auf Fragen bekommen, die sie nicht gestellt haben. Andererseits, weil sie auf pseudo-esoterischen Umwegen nicht wirklich “satt” geworden sind, weil ihnen da Selbst-Darsteller den Blick auf das Eigentliche eher verstellt, als geöffnet haben. Den mystischen Weg bezeichnet Ingeborg Wolf dann auch als einen “Weg nach Hause”: “Wenn wir erfahren, wer wir sind, und wenn wir leben, was wir sind, verkörpern wir ewiges Sein, und leben in der Freiheit des Gottmenschen, des Erwachten, des Erleuchteten, des Wiedergeborenen oder des Mystikers. In diesem Zustand gibt es keine Grenzen zwischen den Menschen und den Geschöpfen, er ist Einheit allen Seins in vollkommener Harmonie.”

Herausforderungen unserer Zeit

Zu dem “Einen”, der “letzten Wahrheit” wollen die Menschen seit Jahrtausenden. Die Herausforderungen an die Menschen im dritten Jahrtausend haben sich jedoch sehr verändert. Eine zunehmende Beschleunigung der Lebensumstände ist nur eines von vielen Phänomenen. Gleichzeitig können diese Herausforderungen die Menschen auf den mystischen Weg führen und ihr Schritt-Tempo entschleunigen. Auch hat sich die Lebensqualität in den letzten Jahren weltweit enorm verschlechtert, besonders für die sogenannten Entwicklungsländer, aber mit erschreckenden Folgen auch für uns. “Armut, Korruption, schwere Fehler in der Wirtschaftspolitik, kulturelle Isolation, ethnische Konflikte und das Desinteresse der reichen Nationen sind nach Estes‘ Ansicht die Hauptursachen für die negative Entwicklung in diesen Ländern, soziale Konflikte und bewaffnete Auseinandersetzungen die wahrscheinlichen oder schon sichtbaren Folgen,” heißt es beispielsweise in einer Untersuchung, die Richard Estes von der amerikanischen University of Pennsylvania vorgestellt hat. Bei steigender Arbeitslosigkeit, wachsender Isolation, zunehmender gesellschaftlicher Entsolidarisierung und anwachsenden Scheidungsraten zeigt sich, wie der Einzelne von Bedrohungen und Ängsten herausgefordert wird, denen er oft nur allzu schwer begegnen kann.

Die Sehnsucht vieler Menschen geht daher heute noch stärker dahin, genau diese Fülle des Lebens zu erfahren, die sie so schmerzlich vermissen. Sie wollen eindringen in die tiefste Wirklichkeit, die innerste Wahrheit ihres Seins.

Spiegel und Labyrinth

Zwei Bilder sind es hier vor allem, die ich vor Augen habe, wenn es um Selbst-Erkenntnis und ihre Herausforderungen geht: der Spiegel und das Labyrinth. Im Spiegel sieht der Mensch sich nicht nur selbst, er bekommt gespiegelt, was und wie er ist. Mit dem Blick in den Spiegel hat der Mensch die Möglichkeit, in das Fenster der Seele zu sehen. Darauf einlassen kann er sich, weil der Spiegel neutral, unparteiisch und kompromisslos ist. Es braucht aber die Bereitschaft des Menschen, sich genau anzuschauen, was mit ihm ist, wie es um ihn steht. Und das ganz ehrlich und ungeschminkt, um sich der eigenen Wahrheit stellen zu können. Das Fazit des Spiegels lautet daher: “Ich bin, der ich bin”. Dann kann der Weg hinein ins Labyrinth beginnen – der innerdynamische Prozess der Selbsterkenntnis. Der Weg des Labyrinthes ist schon von seiner Anlage her seit Jahrtausenden ein Weg nach innen, ein Weg zum eigenen Selbst, zur tiefsten Wahrheit. Das Zentrum des Labyrinthes ist aber nicht das letzte Ziel. Denn der Weg des Menschen führt auch wieder zurück, nach außen, in die Welt, mit der sich der Mensch im Labyrinth untrennbar verbunden fühlt, weil er mit ihr untrennbar verbunden ist. Das verhindert beispielsweise, sich in oberflächlicher Selbst-Bespiegelungen und Egozentrik zu verstricken. Für Indianer beispielsweise erfährt der Mensch im Labyrinth die Wahrheit dessen, was geschehen ist, er wird aufgefordert, das innere Potenzial zu erkennen, bestärkt, auf das innere Wachsen zu vertrauen und angeregt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Und dies alles mit einem – im wahrsten Sinne des Wortes – “aufrechten” Gang. Das Fazit des Labyrinthes heißt daher: Der Weg nach innen ist der Weg nach außen. Spiegel wie Labyrinth brauchen aber den immer wieder neu entschlossenen Mut zu Aufbruch und Neuanfang desjenigen, der auf der Suche nach sich selbst ist.

Mehr zum Labyrinth hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2011/05/21/labyrinth-das-grose-abenteuer/

Viele Wege, ein Ziel

Trotz mancher Unterschiede in den verschiedenen mystischen Traditionen wollen alle Mystiker ein einziges Ziel erreichen: die letzte, tiefe Wahrheit „schauen“. Sie fordern dazu auf, die engen Grenzen konfessioneller Bekenntnisse zu überschreiten. “Die tiefste Form des Miteinander-Teilens geschieht in und durch mystische Weisheit, durch Lehren, Einsichten, Methoden des spirituellen Lebens und deren Früchte. Ein reifes mystisches Leben ist naturgemäß, ja geradezu organischerweise interspirituell, weil die mystische Reise in der Tiefe des Menschen innere Freiheit und Befreiung entzündet”, betont der Religionswissenschaftler Wayne Teasdale. Und er zeigt die konkreten Auswirkungen auf: “ein tiefes Engagement für Gewaltlosigkeit; Einfachheit des Lebensstils; ein Gefühl von Zusammengehörigkeit mit allen Lebewesen und der Erde selbst; eine spirituelle Praxis des Gebets, der Meditation, der Kontemplation, verbunden mit liturgischen Feiern; Selbsterkenntnis, in der wir uns so sehen, wie wir sind; barmherziges Dienen sowie das Engagement für Gerechtigkeit.”

Mystik – ganz praktisch

Bei der praktischen Umsetzung, wie mystische Erfahrungen gemacht werden könnten, ist Vorsicht angesagt. Die Mystiker selbst geben fast keine praktischen Tipps auf den Weg – so individuell wie ihre eigenen Erfahrungen gewesen sind, sind es auch die jener, die sich auf den weglosen Weg machen. Es ist daher angesagt, behutsam vorzugehen: nur jenen Schritt weiter voranzugehen, der einem selbst gemäß ist.

Dabei wird deutlich: Nicht erst die mystische Erfahrung „an sich“ ist es, die dazu führt, dass sich der Mensch verändert. Schon derjenige, der sich entschließt, den spirituellen Weg zu beschreiten, hat damit bereits die Möglichkeit seiner inneren Transformation in Gang gesetzt. Gehen kann er diesen Weg auf sehr unterschiedliche Weise. Ist der eine eher von einer Meditation im Zen zu erreichen, wird die andere stärker durch kontemplative Formen der Meditation angesprochen. Schweigende Anbetung, Staunen und Verwundern, ganzheitliches Gegenwärtigsein – das bleibt, wenn Menschen mystische Erfahrungen gemacht haben. Und es sind die Chancen des Menschen heute, sich mystischen Wegen und mystischen Erfahrungen zu öffnen. “Du – Ich – Hier – Jetzt”. Immer wieder ist dabei das Gewahr-Werden und Gewahr-Sein durch Selbsterkenntnis und Akzeptanz, die dem Menschen zeigen, dass es keine Trennung gibt, dass er schon längst in der Einheit mit der letzten Wirklichkeit ist.

Der Mystiker der Zukunft

In Erweiterung eines Zitates des Jesuitentheologen Karl Rahner ist meiner festen Überzeugung nach festzuhalten: “Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.” Der Mensch der Zukunft wird diesen Weg allerdings nicht allein gehen müssen, weil er sich verbunden weiß mit anderen, die ebenfalls diesen Weg für sich gewählt und beschritten haben. Dabei gilt der Satz von David Steindl-Rast: “Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.”

Werner Anahata Krebber

Literatur

Bancroft, Anne: Mystiker – Wegweiser für die Zukunft, Olten/Freiburg/Br. 1992

Borchert, Bruno: Mystik. Das Phänomen – Die Geschichte – Neue Wege, Königstein im Taunus 1994

Jäger, Willigis: Mystik – Weltflucht oder Weltverantwortung? In: Concilium 30(1994), S. 332-339

Jäger, Willigis: Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität. Freiburg/Br. 32000

Krebber, Werner: Nim din selbes war. Meister Eckhart und Zen-Buddhismus. In: Buddhismus als Weltreligion. Connection spezial 64, S. 56-59

Krebber, Werner: Erleuchtung im Durchbruch des Nichts. Der Mystiker Johannes Tauler und Zen. In: Buddhismus im Westen. connection special 52, S. 26-28

Mommaers, Paul: Was ist Mystik?, Frankfurt/M. 1979

Steindl-Rast, David: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik, München 1986

Suzuki, D.T.: Der westliche und der östliche Weg. Essays über christliche und buddhistische Mystik, Frankfurt/Berlin/Wien 1982

Teasdale, Wayne: Mystik als Überschreiten letzter Grenzen. Eine theologische Reflexion. In: Concilium 35(1999), S. 227-232

Wehr, Gerhard: Europäische Mystik zur Einführung. Hamburg 1995; Wilber, Ken: Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu personalem Wachstum. München 1991

Wolf, Ingeborg: Mystik. Zen, Kontemplation, Yoga, Kabbala, Sufismus, Taoismus. Praxis und Orientierung im Spiegel von Psychologie, Naturwissenschaft und Gesellschaft. Chance für die Menschheit, Frankfurt/M. 2000

Der Artikel erschien zuerst in „connection special 68: Der neue Mensch“, Oktober-November 2003, S. 26- 29

 

Mehr Texte zu Mystik und Spiritualität hier:

https://mystikaktuell.wordpress.com/2011/12/14/den-weg-zum-selbst-gehen/