Profil geändert

Das Profil erweitert habe ich aktuell auf meiner journalistischen Seite https://wernerkrebber.wordpress.com.

Als „Untertitel“ ist dort nun zu lesen:

Autor, Blogger, Journalist, Säkularer Seelsorger

Die Veränderung folgt einer Ent-wicklung, die sich schon seit längerem abzeichnete – und noch nicht am Ende ist.

Das vollständige aktualisierte Profil können Sie mit Contact und Vita hier lesen:

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Frieden, Ruhe, Muße…

Foto: © wak

Allen Leserinnen und Lesern von mystikaktuell wünsche ich auf diesem Weg ein gutes Osterfest.

Dazu Frieden, Ruhe und die Muße, mal wieder Dinge zu tun, für die sonst keine Zeit ist. Oder sie eben nicht zu tun. Weil keine Zeit ist.

Ihr

Werner A. Krebber

Abenteuer Labyrinth

Seit rund 5000 Jahren sind Menschen von Labyrinthen fasziniert. Kein Verirren scheint hier möglich zu sein, da es nur einen Weg gibt: der in sie hinein und aus ihnen herausführt. Labyrinthe sind  nicht spirituelle Dekoration oder esoterische Spielerei, sondern ein Weg, den Menschen beschreiten, um sich immer wieder neu gewahr zu werden und sich mit ihrer gewonnen Innenwelt in der Außenwelt frei bewegen zu lernen.

labyrinth

 

Seit dem Palast von Knossos auf Kreta wissen Menschen von Labyrinthen. Sie finden sich im kretischen Tanz ebenso wie in skandinavischen Troja-Burgen, in der Geburtsmagie Indiens ebenso wie bei den Hopi-Indianern im Südwesten der USA. Zwar ist das griechische Wort labyrinthos von seiner griechischen Herkunft her bekannt, seine Bedeutung ist jedoch nicht ganz eindeutig. Es beschreibt – und das ist wohl eine gesicherte Gemeinsamkeit – ein Haus mit zahlreichen Irrgängen und damit eine scheinbar ausweglos scheinende Anlage.

Bei Meyers Lexikon heißt es zum Labyrinth: “Gebäude mit vielfach sich kreuzenden Gängen, auch ein Irrgarten oder eine grafische Figur mit verschachteltem Linienbild, aber nur einem Zugang ins Zentrum; genannt nach dem Labyrinth, das im griechischen Mythos Daidalos für den Minotaurus auf Kreta baute. Labyrinthdarstellungen finden sich häufig auf kretischen Münzen, 5./4. Jahrhundert, und römischen Mosaiken. Die Mitte des Labyrinths bedeutete im Mittelalter die Ecclesia (Kirche) oder sogar den Himmel, es konnte auch der Bußweg des Gläubigen nach Jerusalem gemeint sein; bekannt sind die Labyrinthe auf Fußböden christlicher Kirchen (Kathedralen in Chartres und Amiens).” Und schon ist damit der Bogen von dem Ursprung über das Mittelalter bis hin zur Gegenwart gespannt. Doch beginnen wir bei den Ursprüngen.

Der Mythos vom Minotaurus

Eng verbunden ist das Labyrinth mit dem Palast von Knossos auf Kreta. Und die Geschichte dieses speziellen Labyrinthes hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich: Die Mythologie erinnert an den Minotaurus. Halb Mensch, halb Stier, war nach Menschenopfern gierig. Der junge Theseus stellte sich dieser bedrohlichen Herausforderung mit Hilfe Ariadnes, die ihm ein Garnknäuel mitgab. Theseus besiegte dann nicht nur das magische Zwitterwesen, sondern fand mit Hilfe des gelegten Fadens auch wieder zurück. Bei Plutarch ist folgendes zu lesen: “Nachdem Theseus in Kreta angekommen war, bekam er, wie die meisten schreiben und singen, von Ariadne, die sich in ihn verliebte, den Faden und die Belehrung, wie er sich durch die Windungen des Labyrinthes hindurchfinden könnte, tötete den Minotaurus und fuhr mit Ariadne und den athenischen Kindern davon.” Zusammengefasst hat Hermann Kern den alten Mythos in dem weit über eine knappe Beschreibung hinausgehenden Vierzeiler:

Im Labyrinth verliert man sich nicht,

im Labyrinth findet man sich.

Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus,

im Labyrinth begegnet man sich selbst.

Die Geschichte des Labyrinthes und viele seiner nachfolgenden Deutungen nahm so ihren Anfang.

 

labyrinth

Was bedeutet ein Labyrinth?

Der Pädagoge Theo Tröndle beschreibt das Labyrinth als “einen Weg, welcher mit einem maximalen Umweg, mit vielen Wendepunkten zur Mitte führt. In seiner Unübersichtlichkeit und Komplexität führt das Labyrinth zum Ziel.” Doch er schränkt auch ein: “zum Ziel gelangt nur, wer selbst geht, immer wieder weitergeht, den Weg sucht, Wendepunkte akzeptiert und nicht verzagt. Zunächst scheint es einfach, die Mitte scheint nah, sie wird mehrfach umrundet, die Entfernung zur Mitte wird vermeintlich größer und droht aus dem Blick zu geraten. Dies lässt Zweifel aufkommen, wirklich auf dem richtigen Weg zu sein, wirklich jemals am Ziel anzugelangen. Der Weg, die Ziele, letztlich der einzelne selbst wird in Frage gestellt.” Denn schon mit dem ersten Schritt in den Weg des Labyrinths beginnt der innerdynamische Prozess der Selbsterkenntnis. Der Weg des Labyrinthes ist schon von seiner Anlage her ein Weg, der nach innen führt. Der Weg des Labyrinthes ist ein Weg zum eigenen Selbst, zur tiefsten eigenen Wahrheit. Sig Lonegren, der britische Autor und Praktiker der Radiästhesie, drückt es so aus: Das Labyrinth “ist in dem Sinne magisch, dass durch den bewussten Gebrauch Antworten auf Fragen gefunden werden können, spirituelle Bewusstheit verstärkt werden kann. In der Verwirrung der aufgewickelten Pfade des Labyrinths kann der Weg, der vor uns liegt, plötzlich deutlich erkennbar werden. Es ist Ihre Entscheidung, das Labyrinth zu betreten, aber wenn Sie es betreten haben, gibt es nur noch einen Weg: hin und her, hin und her, bis Sie letztendlich Ihr Ziel erreicht haben – den Schatz im Zentrum.” Und das Labyrinth ist für den, der sich ihm öffnet, keine Einbahnstraße: “Ist die Mitte erreicht, muss das Labyrinth auf demselben Weg verlassen werden, der Weg beginnt von neuem. In der Mitte wurde etwas aufgenommen oder zurückgelassen. Loslassen, Abschied nehmen, aber auch Neuorientierung…”

Genau diesen Fragen, die sich auf dem Weg hinein wie dem hinaus stellen, gilt es, sich immer wieder neu gewahr zu werden.

Wenn der Weg des Menschen auch wieder zurückführt, nach außen, in die Welt, zeigt dies überdeutlich, dass sich der Mensch im Labyrinth untrennbar mit der “Außen”-Welt verbunden fühlt, weil er mit ihr untrennbar verbunden ist. Das verhindert vor allem, sich in oberflächlichen Selbst-Bespiegelungen und einengender Egozentrik zu verstricken.

Hermann Kern beschreibt den Weg des Labyrinths als einen Weg, der Körper und Seele fordert und beide ganz in Anspruch nimmt. “Die Bewegung verläuft nicht linear-gradlinig, sondern im Wechsel von Systole und Diastole (Zusammenziehen und Sich-Weiten). So wie der Brustkorb sich beim Einatmen weitet, so wird derjenige, der das Labyrinth betritt, zunächst durch einen weiten Atemzug nach außen getragen; nach dem Ausatmen ist er wieder dem Zentrum nahe, vor einer neuen expansiven Bewegung des Einatmens, und nach erneutem Ausatmen ist er im Zentrum. Diese Pendelbewegung findet sich nicht nur auf dieser mittleren Ebene der Umgangs-Gruppen, sondern auch in großem Maßstab (Weg hinein / Weg heraus) wie auch auf niedrigster Ebene als Richtungswechsel, der nötig ist beim Übergang von einem Umgang zum nächsten.” Und noch etwas anderes ist beim Labyrinth zu beachten: Seine ihm eigene Systematik.

Von der Öffnung, dem Eingang des Labyrinths führt der Weg über den sogenannten Pfad, der von Wänden begrenzt wird. Vom äußeren zum inneren Pfad werden die Pfade aufsteigend durchnummeriert, so dass der äußerste die Nummer 1, hat, der nächste die 2, der nächste die 3 usw. Dem innerste Punkt, das Ziel also, entspricht bei einem siebenpfadigen Labyrinth die 8.

Das kretische Labyrinth

Der Labyrinth-Experte Hermann Kern führt die Beschreibung der Konstruktion des Kretischen Labyrinths in mathematischer Exaktheit weiter, indem er es wie folgt beschreibt: “Zwischen die Arme eines zentralen Kreuzes werden vier Ecken (oder Halbkreise) und in diese wiederum vier Punkte eingefügt. Anschließend verbindet man das obere Kreuzende mit dem senkrechten Arm der linken oberen Ecke, fährt mit der Bewegung (ohne zu zeichnen) weiter bis zum Punkt in dieser Ecke und zieht von dort – in Gegenbewegung – einen Verbindungsbogen zum senkrechten Arm der rechten oberen Ecke. Dann setzt man wieder am Punkt in dieser Ecke an und zieht einen Bogen zum Ende des waagerechten Armes in der linken oberen Ecke. Wenn so – in stetiger Pendelbewegung – die jeweils freien Ansatzstellen restlos miteinander verbunden werden, entsteht das Kretische Labyrinth mit sieben Umgängen.” Was sich hier sehr technisch liest, ist die exakte Beschreibung eines klassischen Labyrinths, dessen Form nachgezeichnet werden kann. Es ist die Beschreibung eines Labyrinths, das seit Tausenden von Jahren die Menschen angeregt hat, sich auf den Weg zu sich selbst zu begeben.

Heute wohl wesentlich bekannter und durch zahlreiche Abbildungen vermittelt, ist aber das Chartres-Labyrinth.

Das Labyrinth von Chartres

Das wohl berühmteste und in seiner Bedeutung sehr weitreichend ist das Labyrinth von Chartres, einige Kilometer von Paris entfernt.

“Wer durch das Labyrinth von Chartres läuft, erlebt keine Irrwege, sondern einen Weg, der rhythmisch mit seinen Bögen und Kehrtwendungen gegliedert ist, und auf dem längsten möglichen Weg auf engstem Raum sicher und eindeutig ins Innere führt…” sagt Lothar Bracht.

Die Zahlen, mit denen das Labyrinth in enger Verbindung steht, sind keineswegs zufällig gewählt. Und so beschreibt Bracht dann auch die “heilige Geometrie” dieses Labyrinthes, dessen Weg durch 4 mal 7, also 28 Kehren gekennzeichnet ist. Die 4 ist von Bedeutung, weil sie den ersten irdisch begrenzten Raumkörper hervorbringt, das aus 4 Dreiecken gebildete Tetraeder. Für die Schüler des Pythagoras, der in Chartres am rechten Westportal neben der Musik und den Freien Künsten dargestellt ist, war die Vier die Welt. Besteht sie doch aus 4 Elementen, wird von 4 Himmelsrichtungen umschlossen und von 4 Jahreszeiten belebt. Die 7 ist die zweite vollkommene Zahl. Als Primzahl ist sie nicht nur unteilbar, sie entzieht sich auch der Fläche und der Körperwelt. Sie ist die Zahl der Zeit im Raum und setzt sich zusammen aus der 4 und der 3. Die 3 wird im Dreieck besonders sichtbar. Sie ist das Symbol der Trinität, der göttlichen Dreifaltigkeit. Die Rose mit 6 Blättern im Zentrum des Labyrinths erinnert an die im Mittelalter beliebte Bezeichnung rosa mystica (Mystische Rose) für Maria ebenso wie an die Beliebtheit der mystischen Rose bei den Alchimisten. Hat die natürliche Rose nur fünf Blätter, wurde die Zahl 6 hier gewählt, um die Vollkommenheit des Labyrinths zu dokumentieren. Die 8 am Zielpunkt der Mitte steht für eine lebenspendende, heilkräftig wirkende, aufbauende Wesenheit. Für den Schweizer Freimaurer und Labyrinth-Kenner Robert Villiger wiederholt sich “die Bewusstheit der eigenen Entwicklung gegenüber, um die es im Großen geht, beim Labyrinth im Kleinen, in den 28 Kurven. Wäre jede Kurve des Labyrinthweges ein Geburtstag des Pilgers und der Weg zwischen zwei Kehren das Jahr, in dem der Pilger älter wird (das wird er ja eben nicht auf einen Schlag an seinem Geburtstag), so könnte er die Entwicklung seines eigenen Lebens bis zum 28. Geburtstag selber miterleben.”

 

labyrinth

Weitere Deutungen

Für Indianer beispielsweise erfährt der Mensch im Labyrinth die Wahrheit dessen, was mit ihm und um ihn herum geschehen ist. Er wird damit auch aufgefordert, sein inneres Potenzial zu erkennen und darin bestärkt, auf sein inneres Wachsen zu vertrauen. Gleichzeitig wird er damit dazu angeregt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Und dies alles mit einem – im wahrsten Sinne des Wortes – »aufrechten« Gang. Das Fazit des Labyrinths heißt auch in der indianischen Tradition: Der Weg nach innen ist der Weg nach außen.

Für Hermann Kern sind es so komplexe Fragen wie Initiation, Tod, Unterwelt, Wiedergeburt, Heilige Hochzeit und Kosmologie, die mit dem Labyrinth in engster Verbindung stehen und die den Weg dessen begleiten, der es betritt.

Theseus, Minotaurus und wir

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat sich in einer Ballade mit dem Mythos vom “Minotaurus” beschäftigt. Er holt die mythische Labyrinth-Geschichte in die Aktualität der Gegenwart. Robert Villiger beschreibt Dürrenmatts Sicht so: “Er schildert, wie das Bewusstsein des frühen Menschen erwachen konnte, wie der erstaunliche Prozess der Selbstentdeckung sich hat abspielen können. Dürrenmatt stellt sich ein Labyrinth vor, dessen Wände aus spiegelndem Glas gefertigt sind. Transparenz und Reflexion im Irrgarten ergeben ein wahrhaft schwer verständliches Umfeld. Der Minotaurus entdeckt sich in seinem Spiegelbild, in den unzähligen Spiegelungen seiner selbst. Er nimmt die Eindringlinge und deren Spiegelbilder durch die transparenten Wände wahr. Sich selbst zu entdecken, bleibt wohl eines der faszinierendsten Abenteuer.” Für Goncalo Vilas-Boas birgt dies Fragen und Antworten, die den Minotaurus einschließen, aber auch Theseus und uns: “Kann oder wagt der Mensch, das Labyrinth zu verlassen? Trifft er dort den Minotaurus, den Stiermenschen der alten kretischen Sage? Der Minotaurus kann an jeder Ecke erscheinen, es herrscht ja der Zufall. Und Theseus kann ihn treffen und töten, oder auch nicht. Das Labyrinth existiert gleichzeitig im Menschen selbst und außerhalb, in der Welt, der Mensch ist Minotaurus und Theseus gleichzeitig.”

Das Labyrinth ist fast 5000 Jahre alt. Und doch ist es heute so aktuell wie damals, weil es dem Menschen einen Raum gibt, in dem er sich selbst finden kann. Durch Wirrungen und Kehren vom vermeintlich einzigen richtigen Ziel abgehalten, kommt er auf seinem Weg im Labyrinth auf die Spur zu seinem Selbst.

Werner Anahata Krebber

 

Literatur

Hallman, Frithjof: Das Rätsel der Labyrinthe. Verlag Damböck, Ardagger 1994

Kern, Hermann: Labyrinthe, Prestel Verlag, 4.Aufl., München 1999

Krebber, Werner: Der Weg zum Selbst. Vom Weg in die Zukunft auf den Spuren der Mystik. In: Connection special 68, Niedertaufkirchen 2003, S. 26-29

Lonegren, Sig: Labyrinthe. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/M. 1993

Tröndle, Theo: Labyrinth-Meditationen, http://www.zum.de

Villiger, Robert: Das Labyrinth – ein Initiationsweg, In: Alpina, Lausanne (125)1999, Nr. 5

http://www.tritonus.biz/ [Lothar Bracht]

Johannes Tauler und Zen: Zum Durchbruch gelangen

„Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“

Heinrich Heine über Johannes Tauler

„Du musst auf dein Nichts gewiesen werden und sehen, was in dir verborgen und verdeckt liegt. Bleib bei dir selber!“ Oder: „Soll Gott sprechen, so musst du schweigen, soll Gott eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“ Oder: „Du sollst dieses tiefe Schweigen oft und oft in dir haben und es in dir zu einer Gewohnheit werden lassen, so dass es durch Gewohnheit ein fester Besitz in dir werde.“ Anweisungen eines buddhistischen Zen-Meisters? So könnte man auf den ersten Blick zunächst meinen. Doch es sind die Worte eines Menschen des Spätmittelalters, eines christlichen Mystikers. Es sind Sätze von Johannes Tauler, der wahrscheinlich kurz nach 1300 geboren wurde und 1361 starb. Das ihm lange Zeit zugeschriebene Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen …“ kennen viele. Weniger bekannt jedoch ist die tiefe mystische Schau Taulers, die in weiten Teilen ganz erstaunliche Parallelen zum Zen aufweist. Sie ist nicht in philosophisch-theologischen Abhandlungen spekulativer Mystik überliefert, sondern in knapp über achtzig Predigten, die vermutlich kurze Zeit nach dem Tode Taulers niedergeschrieben wurden.

Was ist Zen? Und was ist Mystik?

Eine Bemerkung vorab: Wer in der umfangreichen Literatur zum Zen der Frage „Was ist Zen?“ nachgeht, stößt auf mehr oder weniger einleuchtende Be-und Umschreibungen, die häufig in negativer Darstellung angeben, was Zen nicht ist. Was aber ist Zen? Diese Frage muss beantwortet werden, bevor wir Parallelen bei Tauler suchen und finden können. „Zen lehrt, dass die Buddha-Natur, oder die Möglichkeit, Erleuchtung zu erreichen, in jedem innewohnt, aber aus Unwissenheit brachliegt …“ Erreicht wird die Erleuchtung »mit einem plötzlichen Durchbruch der Grenzen des gewöhnlichen, alltäglichen, logischen Denkens« beschreibt die „New Encyclopaedia Britannica“ den Sinn des Zen. Mit den Sätzen: „Im Mittelpunkt der Zen-Praxis steht die ‚sitzende Versenkung‘ (zazen). Sie soll zur Erleuchtung (satori) führen, der plötzlich eintretenden Erkenntnis der Einheit allen Seins, des Heiligsten und des Profansten“, versucht „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“ dem Wesen des Zen näher zu kommen.

Und ein Zweites: Was ist Mystik? Das ist wohl am klarsten und eindeutigsten mit dem zu fassen, was der Mystiker erfährt: „Durch die mystischen Berührungen wird der Mensch aus seinem verteilten, gewöhnlich-tag-täglichen Bewusstsein herausgeholt. Er wird ‚eingekehrt‘ und spürt nun, dass in seinem ‚Herzen‘ etwas geschieht. Er wird weiter aus der ‚Eigenheit‘ heraus- und in seinen ‚Grund‘ hereingezogen. Dieser plötzliche Übergang vom Durchschnittsbewusstsein, wo er selbst Herr und Meister ist, zu dem Niveau, auf dem sich der ‚ganz Andere‘ fühlen lässt, ist ein erschütterndes Erlebnis,“ schreibt Paul Mommaers. Und genau darauf gilt es, sich stets neu einzulassen.

Weg und Wirkung Johannes Taulers

Wahrscheinlich kurz nach 1300, so wird berichtet, ist Tauler als Sohn einer Straßburger Patrizierfamilie geboren. Früh tritt er in den Predigerorden der Dominikaner ein, widmet sich der Seelsorge und predigt etwa ab 1330 vor allem in Gemeinschaften der Dominikaner und in Häusern der Beginen. Im Zuge eines politischen Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst muss Tauler jedoch zusammen mit den anderen Dominikanern aus Straßburg emigrieren. Er geht zunächst nach Basel ins Exil. Verschiedene Reisen führen ihn später nach Köln und an den Niederrhein, bis er 1361 in seiner Heimatstadt stirbt. Die Wirkungsgeschichte Taulers ist ebenso wechselhaft wie eindrucksvoll. Seine Predigten beeinflussten den frühen Reformatoren Martin Luther ebenso wie Luthers Gegenspieler, den revolutionären Thomas Müntzer der Bauernkriege. Fast ins Schwärmen kommt im 19. Jahrhundert der Dichter Heinrich Heine in seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, wenn er schreibt: „Hier erwähnen wir daher namentlich des Johannes Tauler … Er gehörte zu jenen Mystikern, die ich als die platonische Partei des Mittelalters bezeichnet habe… Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“ Die geistesgeschichtliche Traditionslinie, auf die Tauler sich bezieht, beginnt mit dem spätantiken Philosophen Proklos (411 – 485 n. Chr.), also etwa um die Zeit, als Bodhidarma, der vor allem in China lebte und 528 gestorben ist, den Zen-Buddhismus begründete. Tauler zitiert Proklos als „heidnischen Lehrmeister“ mit den Worten „willst du aber noch höher kommen, so lass das vernünftige Hinschauen und Anstarren, denn die Vernunft liegt unter dir, und werde eins mit dem Einen. Und er nennt das Eine eine göttliche Finsternis, still, schweigend, schlafend, übersinnlich.“ Auf Proklos stützt sich auch Dionysius Areopagita (um 550 n. Chr.). In seiner Abhandlung über die „Unfassbarkeit Gottes“ schreibt er unter anderem: „Er allein ist der Urgrund, der allumfassende Ursprung alles Seins und Nichtseins, darin Vollkommenheit und Überschwang, die Fülle von Allem und der Verzicht auf alles und die Jenseitigkeit selbst über alles umschlossen liegt. Kein Sein und kein Nichtsein kann Ihn treffen und Ja und Nein erreichen Ihn nicht.“ Auf diese Traditionen greift Tauler zurück, die noch anzureichern sind mit Platon (428/27 – 348/47) und Plotin (um 205 – 270) und die ergänzt werden müssen mit den Kirchenvätern Augustinus (354 – 430) und Thomas von Aquin (1225/6 – 1274) sowie Dominikus (um 1170 – 1221), den Gründer des Dominikanerordens. Etwa in dieser Zeit waren übrigens innerhalb des Buddhismus in Japan die Rinzai-Schule (Eisai 1141 – 1215) und die Soto-Schule (Dogen 1200 – 1253) entstanden. Vor allem und in besonderer Weise ist jedoch der Mystiker Meister Eckhart (um 1260 – 1327) zu nennen, dessen direkter Schüler Johannes Tauler gewesen ist.

Aufstieg aus dem Grund

Für Johannes Tauler ist der Mensch immer im Aufstieg, immer in Bewegung. Denn nur so kann er zu dem Durchbruch gelangen, der ihn auf seinem Weg weiterbringt. Nicht eindimensional, sondern in drei Schichten bewegt sich nach Taulers Überzeugung der Mensch dabei von der Selbst- zur Gotteserkenntnis. Eine Passage aus der Predigt „Von der Geburt Gottes im Menschen“ verdeutlicht dies: „Die Seele hat drei edle Kräfte, in denen sie ein reines Abbild der heiligen Dreifaltigkeit ist: Gedächtnis, Verstand und freier Wille. Und mittels dieser Kräfte erfasst sie Gott und ist für ihn empfänglich, so dass sie alles dessen empfänglich werden kann, was Gott ist und hat und geben kann, und vermittels ihrer schaut sie in die Ewigkeit. Denn die Seele ist zwischen Zeit und Ewigkeit geschaffen: Mit ihrem obersten Teile gehört sie in die Ewigkeit, und mit ihrem untersten Teile, mit ihren sinnlichen, tierischen Kräften, gehört sie in die Zeit. Nun ist die Seele sowohl mit ihren obersten wie mit ihren untersten Kräften in die Zeit und die zeitlichen Dinge ausgeströmt, infolge der nahen Verwandtschaft, die die obersten Kräfte zu den untersten haben; daher wird ihr auch dieser Lauf sehr leicht, und sie ist sogar bereit, ganz in die sinnlichen Dinge auszulaufen, und geht so der Ewigkeit verlustig. Wahrhaftig, es muss notwendig ein Rücklauf geschehen, soll diese Geburt geboren werden, es muss eine kräftige Einkehr geschehen, ein Einholen, ein inwendiges Sammeln aller Kräfte, der untersten und der obersten, und so muss eine Vereinigung von aller Zerstreuung stattfinden …“

Louise Gnädinger beschreibt in ihrer Biographie des spätmittelalterlichen Mystikers Tauler, worum es ihm vor allem geht: „Im eigenen, als tief innerlich liegend empfundenen Abgrund stößt der Mensch, hat er sich den Weg dorthin einmal frei gemacht, auf den göttlichen Abgrund. Beide Abgründe, der menschliche und der göttliche, rufen einander zu und herbei, und in dem dynamisch wogenden Hin-und-Her-Rufen führt und leitet der göttliche Abgrund den menschlichen in sich hinein in den Umschwung der Gottheit“. Denn Tauler bleibt in seinen Predigten nicht dabei stehen, die Suche des Menschen nach Reichtum, Ordnung, Gestalt, Wahrheit, Wesen etc. in seiner Ganzheit zu beschreiben. Er geht weiter: „Er tastet nach der letzten Wesenstiefe im Menschen«, schreibt Josef Zapf. „Er ringt um den Überschritt in den göttlichen Grund. Dort vollzieht sich die Geburt Gottes im Menschen.“ Ganz entscheidend für diese Gottesgeburt im Menschen ist Taulers Überzeugung, dass der Mensch ein Nichts ist. Allerdings nicht in dem gemeinhin negativ verstandenen Sinn, sondern so begriffen, dass er dem eigenen Nichts auf den Grund geht. Dass er es sehen kann als Nichtigkeit und Sinnlosigkeit der Welt. Tauler meint, dass der Mensch „von Grund aus sein natürliches und sein gebrechliches Nichts erkennen“ soll. Der Mensch „muss alles lassen, dieses Lassens selbst noch ledig werden es lassen, es für nichts halten und in sein lauteres Nichts sinken.“ Tauler weiß: „Willst du in Gottes Innerstes aufgenommen, in ihn gewandelt werden, so musst du dich deiner selbst entäußern, aller Eigenheit, deiner Neigungen, aller Tätigkeit, aller Anmaßung, aller Weise, in der du dich selber besessen hast; darunter geht es nicht. Zwei Wesen und zwei Formen können nicht zugleich nebeneinander bestehen. Soll das Warme hinein, so muss das Kalte notwendigerweise hinaus. Soll Gott eintreten? Das Geschaffene und alles Eigene muss dafür den Platz räumen. Soll Gott wahrhaftig in dir wirken, so musst du in einem Zustand bloßen Erduldens sein; all deine Kräfte müssen so ganz ihres Wirkens und ihrer Selbstbehauptung entäußert sein, in einem reinen Verleugnen ihres Selbst sich halten, beraubt ihrer eigenen Kraft, in reinem und bloßem Nichts verharren. Je tiefer dieses Zunichtewerden ist, um so wesentlicher und wahrer ist die Vereinigung.“

Sich lösen von äußeren Bildern

Zu dieser Vereinigung von Gott und Mensch, die alle Trennungen aufhebt, gehört für den Seelsorger und Prediger, dass sich der Mensch von allen Bildern löst. „Man findet gar manchen, der in der bildhaften Weise sehr bewandert ist und große Freude an solcher Übung besitzt, aber keinerlei Zugang zur Innerlichkeit seiner Seele hat … Das kommt daher, dass sie zu sehr bei den sinnlichen Bildern verweilen und dabei verharren und nicht vorwärtskommen und nicht in den Grund durchbrechen, wo die lebendige Wahrheit leuchtet: denn man kann nicht zwei Herren dienen: den Sinnen und dem Geist.“ Seine Zuhörer fordert er auf, dass sie „die Bilder bald fahren lassen und mit flammender Liebe durch den mittleren in den allerinnersten Menschen hindurchdringen.“ Und wie Proklus meint Tauler: „Solange der Mensch mit den Bildern, die unter uns sind, beschäftigt ist und damit umgeht, wird er niemals in den Grund gelangen.“ Für Tauler gehört existentiell zum Gelingen des Durchbruchs die Abgeschiedenheit vom Äußeren, das Aufgeben der Anhänglichkeit an Dinge, Geschöpfe oder Gewohnheiten, der Blick der Einfachheit, die Einkehr in den Grund und der Einklang mit Gott, der Grund des Menschen und sein Nichts mit all seinen Facetten, das Erkennen des Selbst, das Schweigen, damit Gott sprechen kann …

Vom Gewahr-Werden zum Gewahr-Sein: hier und jetzt

Tauler geht es in seinen Predigten nicht um intellektuelle Anregungen, sondern er gibt praktische Anweisungen. Er mahnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder, ihres Selbst gewahr zu werden, aufmerksam zu werden, sich zu beachten und zu beobachten, um in diesem Prozess ihres Selbst gewahr zu sein. In der beobachtenden Teilnahme des Menschen ist er fähig, die Kräfte seines Gemütes zu erkennen und zu aktivieren, den Grund unseres Geistes. Denn das Gemüt „steht bei weitem höher und innerlicher als die Kräfte; diese haben all ihr Vermögen von ihm und sind darin und von da heraus geflossen … es erkennt sich als Gott in Gott, und dennoch ist es geschaffen.“ Und wieder zitiert Tauler hier in der 53. Predigt den spätantiken Philosophen Proklus mit den Worten: „Wir suchen auf verborgene Weise das Eine, das weit über Vernunft und Erkenntnis steht.“.

Dazu gehört auch: das Un-Erklärbare, das Un-Beschreibliche, dem wir uns ständig gegenübersehen, hat sich nicht irgendwo, sondern im konkreten Leben zu bewähren, im Hier und Jetzt. Das gilt für Zen ebenso wie für Mystik. Im Buddhismus wie bei Tauler. Entscheidend ist dafür jedoch nicht eine spirituelle Innendekoration, ein Verhüllen der inneren Wände mit frommen Tüchern. Ganz existentiell ist die Erfahrung der Tiefe des eigenen Grundes im wirkenden Grund göttlichen Seins. Bei Tauler klingt das so: „Dann soll der Mensch die Eigenschaft der Einsamkeit Gottes in der stillen Leere betrachten … Denn dort ist alles still, geheimnisvoll und leer. Darin ist nichts als die lautere Gottheit. Dorthin kam nie etwas Fremdes, kein Geschöpf, kein Bild, keine Form.“

© Werner Anahata Krebber

 

Mehr Texte zu Mystik und Spiritualität hier:

https://mystikaktuell.wordpress.com/auf-einen-blick-spirituelle-anregungen-von-werner-a-krebber/

 

Frühjahrsangebot Ihres ZuHörers

ZuHoerer_Fruehjahrsangebot

Auf sein Frühjahrsangebot macht Ihr ZuHörer Werner A. Krebber aufmerksam.

 

Worum geht es dabei?

Wir leben in einer Zeit, in der es immer weniger Raum dafür gibt, dass Menschen Menschen zuhören.

Die Ursachen sind vielfältig:

In der Berufswelt sind mmer mehr Aufgaben und Arbeiten automatisiert. Oft werden Arbeiten von zuhause am Computer erledigt. Die Arbeitsverdichtung sorgt dafür, dass zwar immer mehr zu erledigen ist von immer weniger Mitarbeitern und Kollegen. Das “soziale Rauschen” bleibt auf der Strecke.

Die Familien sind eingebunden in Beruf, Familienarbeit, Freizeitaktivitäten etc. – und auch hier werden jene Phasen immer knappen, wo jemandem noch zugehört werden kann. Und immer mehr Menschen leben alleine.

Das Ende dieser letztlich isolierenden Entwicklungen ist noch nicht abzusehen…

Wo, so fragen sich viele Menschen, kann ich noch ein offenes Ohr finden – oder gar zwei.

 

Hier setzt mein Angebot für Sie an, wenn Sie

– jemanden suchen, der ohne Urteil und Bewertung ihren Gedanken folgt;

– schon lange etwas loswerden wollen, was Sie innerlich bewegt;

– ein vertrauensvolles Gegenüber suchen;

– reden wollen, ohne unterbrochen zu werden.

Es ist ganz gleich, was Ihr Anliegen, Ihre Sorge, Ihr Thema etc. ist – alles kann seinen Platz finden…

 

Mehr hier: https://zweioffeneohren.wordpress.com/