Jeden Augenblick schenkt uns das Leben einen Anfang

Foto: © wak

 

„Wenn ich nur den Anfang fände!“ stöhnte wieder heuchlerisch eine Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

„Der Anfang“ – las er, an einer x-beliebigen Stelle beginnend, und stutzte über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein – „ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es schwer wäre, ihn zu finden – nur die Einbildung ihn suchen zu müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? – Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden. …

„Die Tagebuchrolle“ aus „Das grüne Gesicht“ von Gustav Meyrink. Zitiert aus der Ausgabe des Vitalis-Verlags, S. 216 – 231, Prag, Furth im Wald, 2003

 

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Ramana Maharshi und Doing Nothing / Mystikkreis Köln am 7. Juli 2019

Das OM stammt von einem Siebdruck aus Arunachala / Foto: wak

Mehr Informationen hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2019/06/07/ramana-maharshi-und-doing-nothing-mystikkreis-am-7-juli-2019/

Ramana Maharshi und Doing Nothing / Mystikkreis am 7. Juli 2019

Ramana Maharshi

Herzliche Einladung zum Mystikkreis am 7. Juli 2019:

Ramana Maharshi (1879 -1950) war einer der strahlendsten und edelsten unter den Weisen Indiens.

Nach einer atemberaubenden inneren Reise zur Erleuchtung lebte er, umgeben von seinen Schülern, am Berg Arunachala in Süd-Indien hauptsächlich schweigend – antwortete jedoch auf Fragen spirituell Interessierter. Auch wenn er sich selbst nicht einmal als Guru bezeichnen würde, wird als der wichtigste Vertreter des Advaita Vedanta des 20. Jahrhunderts angesehen.
Er empfahl Ratsuchenden, die nach einer Übung fragten, die Methode Atma Vichara, die Ergründung des Selbst auf Grundlage der Frage: „Wer bin ich?“. Dutzende heutige westliche Satsang-Lehrer berufen sich auf ihn und sehen in ihm ein Vorbild. Seine Stille und seine Worte waren darüber hinaus Inspiration für viele seine Zeitgenossen. So schrieb zum Beispiel C.G. Jung über Ramana Maharshi „Das Ziel östlicher Praktik ist dasselbe wie das der westlichen Mystik: Der Schwerpunkt wird vom Ich zum Selbst, vom Menschen zu Gott verschoben; was bedeuten will, dass das Ich im Selbst, der Mensch in Gott verschwindet.“

Aus dem Buch „Be as you are“ über ihn von einem Zeitzeugen:
„Er beteiligte sich an der Gemeinschaftsarbeit des Ashrams und stand jahrelang um 3 Uhr morgens auf, um den Bewohnern das Essen zuzubereiten. Sein Gleichheitsgefühl war legendär. Wenn Besucher kamen, machte es keinen Unterschied, ob es sich nun um VIP´s, Bauern oder Tiere handelte – sie alle wurden mit gleichem Respekt und Rücksicht behandelt. Seine unterschiedlose Sorge erstreckte sich sogar auf die Bäume; er ermutigte seine Anhänger dazu, keine Blumen oder Blätter von ihnen zu pflücken, und er versuchte sicherzustellen, dass, wenn Früchte von den Ashram-Bäumen genommen wurden, dies so geschieht, dass die Bäume ein Minimum an Schmerzen erleiden. Während dieser Zeit (1925-50) war das Zentrum des Ashram-Lebens die große Halle, in der Sri Ramana schlief, aß und seine Schüler empfing. Den größten Teil des Tages verbrachte er in einer Ecke auf einem Sofa, wo er seine stille Kraft ausstrahlte und gleichzeitig Fragen von Besuchern aufgriff, die in einem ständigen Strom aus allen Ecken der Welt zu ihm pilgerten.“

Mit der Frage: Wer bin ich? zur Selbst-Erforschung-Fragen, die Ramana seinen Schülern gegeben hat,um zu ihrem wahren Selbst zu finden und vieles mehr, wollen wir uns am nächsten Mystiksonntag austauschen und auf Erfahrungsebene forschend annähern.

– – – Wenn jemand einfach nur Interesse an der Praxis des Doing Nothing hat, könnte er oder sie gerne erst um 12:00 dazu kommen. – – – –

Organisatorisches:
Damit wir besser planen können, bitten wir um frühzeitige Anmeldung bei
Rani Kaluza: Tel: 0221 2406997/ eMail: weissefeder@netcologne.de

Vielen Dank!

Wir treffen uns etwa ein Mal im Monat im Kölner Stadtteil Sülz.
An diesen Sonntagen wird für beides Zeit sein – für stilles kontemplatives Sitzen und für das Studieren mystischer Texte & Themen sowie den gemeinsamen Austausch. Der private Kurs ist auf 12 Teilnehmer beschränkt. Kostenbeitrag für den ganzen Tag: 15,– Euro (+ ein freiwilliger Obolus für den Mittagstisch). Kostenbeitrag nur für den Nachmittag: 10,– Euro.

Wir freuen uns auf Euer / Ihr Kommen:

Rani und Werner

Informationen und Anmeldung auch hier: https://www.facebook.com/events/2342174475825305/

Wer bin ich?

Foto: wikimedia/gemeinfrei

Ramana Maharshi (1869 – 1950) antwortete auf die Frage eines Schülers:

„Wie muss man erforschen: ‚Wer bin ich?’“ folgendes:

Handlungen wie Gehen und Kommen betreffen lediglich den Körper. Und wenn man sagt: „Ich ging, ich kam“, unterstellt man, dass der Körper „Ich“ sei. Aber kann es richtig sein, dass der Körper, den es vor der Geburt nicht gab, der aus den fünf Elementen besteht, der während des Tiefschlafs nicht existiert und der mit dem Tod ein Leichnam wird, wirklich das „Ich“-Bewusstsein ist? Kann der Körper, der schwerfällig wie ein Holzklotz ist, das strahlende „Ich-Ich“ sein? Hier liegt der Grund, warum das „Ich“-Bewusstsein, das mit dem Körper verbunden ist, Einbildung (Tarbodham), Ego (Ahankara), Unwissenheit (Avidya), Maya, Unreinheit (Mala) oder individuelle Seele (Jiva) genannt wird. Wie kann man dies nicht ergründen wollen! Ist es nicht Sinn und Zweck der Schriften, uns mit Hilfe der Erforschung zur Erlösung zu führen, wenn sie sagen, dass die Vernichtung der Einbildung Befreiung (Mukti) bedeutet? Man sollte also den Körper-Leichnam einen Leichnam sein lassen und, ohne das Wort „Ich“ auch nur zu sagen, direkt ergründen: „Was ist es, das jetzt als ‚Ich“ in Erscheinung tritt?“ Dann wird im Herzen ein stilles, glänzendes Licht als „Ich-Ich“ erstrahlen. Aus sich selbst heraus wird das reine, unbegrenzte, einzige Bewusstsein leuchten; alle Begrenzung und Vielfalt der Gedanken wird verschwunden sein. Wenn man dann still bleibt und diesen Zustand nicht verlässt, wird das Ego, das Gefühl der Individualität in Gestalt von „Ich bin der Körper“ vollständig aufgelöst und schließlich auch der letzte Gedanke, die „Ich“-Form, ausgelöscht werden, wie das Feuer, das Kampfer verbrennt. Die Heiligen und die Schriften sagen klar, dass das allein Befreiung ist.

Buchtipp VIII – Weisheiten der Wüstenväter (Freddy Derwahl)

Freddy Derwahl

Weisheiten der Wüstenväter

Butzon & Bercker / 203 Seiten, 15 €
ISBN: 978-3-7666-2486-4
Kevelaer 2018

„Die ‚Wüsten‘ der Wüstenväter überschreiben immer wieder ihre geographischen Grenzen. Auch handelt es sich bei den über Jahrhunderte hinweg überlieferten Sprüchen keineswegs um exotische Weisheiten greiser und spleeniger Gottesnarren. In der ‚Wüste‘ der Glaubensferne, in der Leere flüchtiger Genüsse und in der Öde unserer anonymen Großstädte gewinnen sie neue Aktualität“, schreibt der belgische Journalist Freddy Derwahl in der Einleitung zu den „Weisheiten der Wüstenväter“. Neu verortet werden ihre Sprüche von Managern, Seelsorgern, Psychologen, Therapeuten. Gehen die Gedanken doch gezielt auf Fragen und Sehnsüchte ein, die Menschen heute beschäftigen.

Mehr zur Meditation und zum Gebet will er dann auch mit der Sammlung anregen. Kurz und knapp sind die Gedanken, die durch den Tag begleiten können. Schon ein Blick auf die Überschriften belegt, dass Derwahl die Menschen dort abholen will, wo sie heute sind: Fliehen, Etwas Leiden, Ein guter Arbeiter, Wer bin ich eigentlich? Vollendete Liebe undsofort. Dazwischen gestreut sind Gedanken von Dichtern, Theologen, Schriftstellern, Mystikern.

Am Ende hat Derwahl eine Bibliographie hinzugefügt, die dem Anregungen gibt, der sich ausführlicher mit Geschichte und Bedeutung der Texte von Wüstenvätern und -müttern befassen möchte.

Darüber hinaus ist das Buch sehr ansprechend gestaltet, dass man es auch beruhigt und gern verschenken kann.

© Werner A. Krebber

 

Wege zum Selbst

Wird der Zukunftsmensch ein Mystiker sein? Ja, oder es wird ihn nicht mehr lange geben. Schon über dem Apollotempel im griechischen Delphi stand: “Erkenne dich selbst!” -die Aufforderung an den staunenden Betrachter, der Ur-Frage menschlicher Existenz -“Wer bin ich?” – nachzuspüren, und gleichzeitig das Angebot, dem mystischen Weg zu folgen. Mystik ist kein spiritueller Sonderweg für weltfremde Eremiten, sondern ein „wegloser Weg”, der uns eintauchen lässt in das einende Sein, die letzte Wirklichkeit, die immer schon in uns ist – verlieren wir sie, sind wir verloren

 

Wer sich mit Mystik befasst, ist dazu eingeladen, sich in seinem tiefsten Inneren massiv erschüttern zu lassen, sich von gewohnten Bildern und Sichtweisen, von liebgewordenen Vorstellungen und Konzepten zu verabschieden. Er ist dazu eingeladen, jene Begrenzungen zu überschreiten, die ihm oft nicht einmal bewusst sind. Doch das, was diese Erschütterungen hervorruft, ist eigentlich unbeschreiblich. So schreibe ich nachfolgend über dieses eigentlich Unbeschreibliche, das als Mystik seit Jahrtausenden die Menschen bewegt und in allen Religionen zu finden ist. Ich bin mir dabei stets bewusst, dass die Grenzen von Sprache sehr schnell erreicht sind, wenn es um die Beschreibung jener letzten Wirklichkeit und mystischen Erfahrung geht.

Wir meinen alle dasselbe

Es verwundert nicht, dass auch die Begriffe für die Beschreibung dieser Erfahrungen in der mystischen Literatur recht verschieden sind. Manche sprechen von “der letzten Wirklichkeit”, andere vom “Absoluten”, vom “Alles ist Eins”, von “Brahman”, von “Atman”, vom “wahren Ich”, vom “Selbst”, von der “Einheit von allem” usw. All dies sind eben Beispiele, die bezeugen, wie tief die Sehnsucht verankert ist, den Weg zum eigenen Selbst zu beschreiten, ihn zu finden und zu beschreiben. In der Geschichte der Mystik gibt es eine Vielzahl von Erscheinungsformen, die sich durch die unterschiedlichen Religionen ziehen: hinduistische Mystik, die Systeme des Yoga, die Vorsokratiker und philosophischen Schulen Griechenlands seit dem 6. Jahrhundert v.u.Z., jüdische mystische Strömungen wie die Kabbala oder der Chassidismus, die islamischen Mystiker und die des Christentums. Konkret sind es vor allem Ekstase, Einigung und Nicht-Sein, die in mystischen Erfahrungen erfahren werden. Ekstase meint die Öffnung des Ich-Bewusstseins vom Personalen zum Transpersonalen. Einigung beschreibt die mystische Vereinigung mit dem Absoluten. Nicht-Sein meint, dass der Mensch erlebt oder erfährt, wie das Sein in ein reines Nichts hinübergleitet. Namen wie Platon, Plotin und Eckehart, wie Teresa von Avila, Mechthild von Magdeburg und Hildegard von Bingen sind hier nur wenige in einer langen Linie mystischer Traditionen, die uns bis in die Gegenwart führt eine Linie, die leider viel zu oft nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Was ist Mystik?

Der Begriff Mystik kommt von dem griechischen Wort “myein” und meint das schließen von Augen, Ohren und Mund, um sich für ein religiöses Grundphänomen zu öffnen. “Augen und Mund schließen – und zwar nicht aus Enttäuschung, sondern aus Verwunderung, als Ausdruck höchster Kommunikation. In der Mystik tritt uns Menschen das Geheimnis entgegen, das erfüllt und dermaßen fasziniert, dass uns nur schweigende Anbetung, Staunen und Verwundern, ganzheitliches Gegenwärtigsein bleibt,” sagt dazu der Mystik-Kenner Anton Rotzetter. Die Auseinandersetzung mit Mystik zeigt, dass immer mehr Menschen auf der Suche nach tiefster Wahrheit sich auf einen spirituellen Weg aufmachen. Einerseits, weil sie diese Wahrheiten in den institutionalisierten Formen der Großkirchen nicht mehr finden oder sie dort Antworten auf Fragen bekommen, die sie nicht gestellt haben. Andererseits, weil sie auf pseudo-esoterischen Umwegen nicht wirklich “satt” geworden sind, weil ihnen da Selbst-Darsteller den Blick auf das Eigentliche eher verstellt, als geöffnet haben. Den mystischen Weg bezeichnet Ingeborg Wolf dann auch als einen “Weg nach Hause”: “Wenn wir erfahren, wer wir sind, und wenn wir leben, was wir sind, verkörpern wir ewiges Sein, und leben in der Freiheit des Gottmenschen, des Erwachten, des Erleuchteten, des Wiedergeborenen oder des Mystikers. In diesem Zustand gibt es keine Grenzen zwischen den Menschen und den Geschöpfen, er ist Einheit allen Seins in vollkommener Harmonie.”

Herausforderungen unserer Zeit

Zu dem “Einen”, der “letzten Wahrheit” wollen die Menschen seit Jahrtausenden. Die Herausforderungen an die Menschen im dritten Jahrtausend haben sich jedoch sehr verändert. Eine zunehmende Beschleunigung der Lebensumstände ist nur eines von vielen Phänomenen. Gleichzeitig können diese Herausforderungen die Menschen auf den mystischen Weg führen und ihr Schritt-Tempo entschleunigen. Auch hat sich die Lebensqualität in den letzten Jahren weltweit enorm verschlechtert, besonders für die sogenannten Entwicklungsländer, aber mit erschreckenden Folgen auch für uns. “Armut, Korruption, schwere Fehler in der Wirtschaftspolitik, kulturelle Isolation, ethnische Konflikte und das Desinteresse der reichen Nationen sind nach Estes’ Ansicht die Hauptursachen für die negative Entwicklung in diesen Ländern, soziale Konflikte und bewaffnete Auseinandersetzungen die wahrscheinlichen oder schon sichtbaren Folgen,” heißt es beispielsweise in einer Untersuchung, die Richard Estes von der amerikanischen University of Pennsylvania vorgestellt hat. Bei steigender Arbeitslosigkeit, wachsender Isolation, zunehmender gesellschaftlicher Entsolidarisierung und anwachsenden Scheidungsraten zeigt sich, wie der Einzelne von Bedrohungen und Ängsten herausgefordert wird, denen er oft nur allzu schwer begegnen kann.

Die Sehnsucht vieler Menschen geht daher heute noch stärker dahin, genau diese Fülle des Lebens zu erfahren, die sie so schmerzlich vermissen. Sie wollen eindringen in die tiefste Wirklichkeit, die innerste Wahrheit ihres Seins.

Spiegel und Labyrinth

Zwei Bilder sind es hier vor allem, die ich vor Augen habe, wenn es um Selbst-Erkenntnis und ihre Herausforderungen geht: der Spiegel und das Labyrinth. Im Spiegel sieht der Mensch sich nicht nur selbst, er bekommt gespiegelt, was und wie er ist. Mit dem Blick in den Spiegel hat der Mensch die Möglichkeit, in das Fenster der Seele zu sehen. Darauf einlassen kann er sich, weil der Spiegel neutral, unparteiisch und kompromisslos ist. Es braucht aber die Bereitschaft des Menschen, sich genau anzuschauen, was mit ihm ist, wie es um ihn steht. Und das ganz ehrlich und ungeschminkt, um sich der eigenen Wahrheit stellen zu können. Das Fazit des Spiegels lautet daher: “Ich bin, der ich bin”. Dann kann der Weg hinein ins Labyrinth beginnen – der innerdynamische Prozess der Selbsterkenntnis. Der Weg des Labyrinthes ist schon von seiner Anlage her seit Jahrtausenden ein Weg nach innen, ein Weg zum eigenen Selbst, zur tiefsten Wahrheit. Das Zentrum des Labyrinthes ist aber nicht das letzte Ziel. Denn der Weg des Menschen führt auch wieder zurück, nach außen, in die Welt, mit der sich der Mensch im Labyrinth untrennbar verbunden fühlt, weil er mit ihr untrennbar verbunden ist. Das verhindert beispielsweise, sich in oberflächlicher Selbst-Bespiegelungen und Egozentrik zu verstricken. Für Indianer beispielsweise erfährt der Mensch im Labyrinth die Wahrheit dessen, was geschehen ist, er wird aufgefordert, das innere Potenzial zu erkennen, bestärkt, auf das innere Wachsen zu vertrauen und angeregt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Und dies alles mit einem – im wahrsten Sinne des Wortes – “aufrechten” Gang. Das Fazit des Labyrinthes heißt daher: Der Weg nach innen ist der Weg nach außen. Spiegel wie Labyrinth brauchen aber den immer wieder neu entschlossenen Mut zu Aufbruch und Neuanfang desjenigen, der auf der Suche nach sich selbst ist.

Mehr zum Labyrinth hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2011/05/21/labyrinth-das-grose-abenteuer/

Viele Wege, ein Ziel

Trotz mancher Unterschiede in den verschiedenen mystischen Traditionen wollen alle Mystiker ein einziges Ziel erreichen: die letzte, tiefe Wahrheit “schauen”. Sie fordern dazu auf, die engen Grenzen konfessioneller Bekenntnisse zu überschreiten. “Die tiefste Form des Miteinander-Teilens geschieht in und durch mystische Weisheit, durch Lehren, Einsichten, Methoden des spirituellen Lebens und deren Früchte. Ein reifes mystisches Leben ist naturgemäß, ja geradezu organischerweise interspirituell, weil die mystische Reise in der Tiefe des Menschen innere Freiheit und Befreiung entzündet”, betont der Religionswissenschaftler Wayne Teasdale. Und er zeigt die konkreten Auswirkungen auf: “ein tiefes Engagement für Gewaltlosigkeit; Einfachheit des Lebensstils; ein Gefühl von Zusammengehörigkeit mit allen Lebewesen und der Erde selbst; eine spirituelle Praxis des Gebets, der Meditation, der Kontemplation, verbunden mit liturgischen Feiern; Selbsterkenntnis, in der wir uns so sehen, wie wir sind; barmherziges Dienen sowie das Engagement für Gerechtigkeit.”

Mystik – ganz praktisch

Bei der praktischen Umsetzung, wie mystische Erfahrungen gemacht werden könnten, ist Vorsicht angesagt. Die Mystiker selbst geben fast keine praktischen Tipps auf den Weg – so individuell wie ihre eigenen Erfahrungen gewesen sind, sind es auch die jener, die sich auf den weglosen Weg machen. Es ist daher angesagt, behutsam vorzugehen: nur jenen Schritt weiter voranzugehen, der einem selbst gemäß ist.

Dabei wird deutlich: Nicht erst die mystische Erfahrung “an sich” ist es, die dazu führt, dass sich der Mensch verändert. Schon derjenige, der sich entschließt, den spirituellen Weg zu beschreiten, hat damit bereits die Möglichkeit seiner inneren Transformation in Gang gesetzt. Gehen kann er diesen Weg auf sehr unterschiedliche Weise. Ist der eine eher von einer Meditation im Zen zu erreichen, wird die andere stärker durch kontemplative Formen der Meditation angesprochen. Schweigende Anbetung, Staunen und Verwundern, ganzheitliches Gegenwärtigsein – das bleibt, wenn Menschen mystische Erfahrungen gemacht haben. Und es sind die Chancen des Menschen heute, sich mystischen Wegen und mystischen Erfahrungen zu öffnen. “Du – Ich – Hier – Jetzt”. Immer wieder ist dabei das Gewahr-Werden und Gewahr-Sein durch Selbsterkenntnis und Akzeptanz, die dem Menschen zeigen, dass es keine Trennung gibt, dass er schon längst in der Einheit mit der letzten Wirklichkeit ist.

Der Mystiker der Zukunft

In Erweiterung eines Zitates des Jesuitentheologen Karl Rahner ist meiner festen Überzeugung nach festzuhalten: “Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.” Der Mensch der Zukunft wird diesen Weg allerdings nicht allein gehen müssen, weil er sich verbunden weiß mit anderen, die ebenfalls diesen Weg für sich gewählt und beschritten haben. Dabei gilt der Satz von David Steindl-Rast: “Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.”

Werner Anahata Krebber

 

Literatur

Bancroft, Anne: Mystiker – Wegweiser für die Zukunft, Olten/Freiburg/Br. 1992

Borchert, Bruno: Mystik. Das Phänomen – Die Geschichte – Neue Wege, Königstein im Taunus 1994

Jäger, Willigis: Mystik – Weltflucht oder Weltverantwortung? In: Concilium 30(1994), S. 332-339

Jäger, Willigis: Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität. Freiburg/Br. 32000

Krebber, Werner: Nim din selbes war. Meister Eckhart und Zen-Buddhismus. In: Buddhismus als Weltreligion. Connection spezial 64, S. 56-59

Krebber, Werner: Erleuchtung im Durchbruch des Nichts. Der Mystiker Johannes Tauler und Zen. In: Buddhismus im Westen. connection special 52, S. 26-28

Mommaers, Paul: Was ist Mystik?, Frankfurt/M. 1979

Steindl-Rast, David: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik, München 1986

Suzuki, D.T.: Der westliche und der östliche Weg. Essays über christliche und buddhistische Mystik, Frankfurt/Berlin/Wien 1982

Teasdale, Wayne: Mystik als Überschreiten letzter Grenzen. Eine theologische Reflexion. In: Concilium 35(1999), S. 227-232

Wehr, Gerhard: Europäische Mystik zur Einführung. Hamburg 1995; Wilber, Ken: Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu personalem Wachstum. München 1991

Wolf, Ingeborg: Mystik. Zen, Kontemplation, Yoga, Kabbala, Sufismus, Taoismus. Praxis und Orientierung im Spiegel von Psychologie, Naturwissenschaft und Gesellschaft. Chance für die Menschheit, Frankfurt/M. 2000

Der Artikel erschien zuerst in „connection special 68: Der neue Mensch“, Oktober-November 2003, S. 26- 29

 

Wahrer Suchender

Der wahre Suchende ist der, der auf der Suche nach sich selbst ist. Gib alle Fragen auf – außer der einen: “WER BIN ICH?” Schließlich bist du dir nur einer Tatsache gewiss: DU BIST! Das „ICH BIN” ist sicher, das „ICH BIN DIES (ODER) DAS” ist es nicht. Bemühe dich herauszufinden, wer du in Wirklichkeit bist.

Sri Maharaj Nisargadatta (1897-1981)