Mystik ist immer revolutionär…

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Der mystische Mensch muss sich nicht einer Konfession zurechnen. Die konfessionsgebundene Mystik ist zwar die bekannteste, aber nicht unbedingt die bedeutsamste. Mystiker und Mystikerinnen, die sich keiner Religion zuzählten, konnten sich viel freier ausdrücken. Wer konfessionsgebunden war, geriet (und gerät auch heute noch) mit der dogmatischen Fixierung der jeweiligen Religion und Moral in Konflikt. „Die echte Grunderfahrung des Numinosen kann nicht anders sein als anti-konventionell, anti-kollektiv und anti-dogmatisch, denn sie ist Neuerfahrung des Numinosen.“ Mystik ist daher immer revolutionär und wird von der Institution als störend, wenn nicht sogar als häretisch empfunden.

Willigis Jäger: Mystik: Weltflucht oder Weltverantwortung? In: Suche nach dem Sinn des Lebens. Bewusstseinswandel auf dem Weg nach innen. Petersberg 5. Auflage 1999, S. 182

Das Zitat in Klammern stammt aus Erich Neumann: Der Mystische Mensch. Herausgegeben von Lutz Müller und Gerhard M. Walch. opus magnum 2005 http://docplayer.org/75903484-Erich-neumann-der-mystische-mensch.html

 

Mystik und Weltverantwortung

Mystik nährt unser Vertrauen, dass diese Welt, die von göttlicher Liebesenergie durchdrungen ist, nicht zugrunde gehen wird. Das gibt uns den Mut, die Ausdauer und die Hoffnung, die angesichts der sich zusammenbrauenden globalen Krisen so dringend gebraucht werden, und die keine Vernunft uns geben kann. Andererseits gewährt mystische Spiritualität die innere Kraft, Ohnmacht angesichts der Weltlage auszuhalten und einen Teil der viel zu großen Verantwortung loszulassen. In der mystischen Versenkung sitze ich im windstillen Auge des Wirbelsturms der Welt.

So gehören für mich Mystik und Weltverantwortung untrennbar zusammen. Mystische Weltverantwortung bewahre uns vor der Verbissenheit und dem Hochmut politischer Weltverbesserer. Und weltverantwortliche Mystik bewahre uns vor der Falle einer bloß individuellen Seelenrettung. Das Streben nach mystischer Erfahrung ist dann kein subtiler Egotrip, sondern Dienst an der Welt.

Gerhard Breidenstein (*1937)

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Kehre ein in dein Herz

Ge- und Verbote haben uns als spirituelle Wesen nicht weitergebracht. Um konfessionelle Ge- und Verbote hinter uns zu lassen bedarf es der direkten, authentischen mystischen Erfahrung. Der „Nu“ – der gegenwärtige Augenblick ist die direkte Kontaktstelle zum Göttlichen. Hier und Jetzt ist Erfahrung möglich. Wenn wir diese Erfahrung denken, sind wir bereits getrennt.

Dies öffnet dem Menschen Raum und Zeit zur Gotteserfahrung in allem, was ihm begegnet. Gotteserfahrung wird möglich in allem, was wir tun und erleiden. Das Eigentliche liegt in der Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit, aus der heraus die Interpretation meiner Religiosität und die Gestaltung meines Lebens kommen muss. Somit ist Gott nicht nur in der Moschee oder in der Kirche zu finden, sondern allgegenwärtig.  Der Mystiker Junus Emre hat dies so formuliert: „Illim illim bilmektir . . . Weisheit ist, Weisheit zu kennen. Kennst du dich selbst nicht, wie ist da Weisheit möglich. Hodscha, wenn du magst. geh‘ 100 mal auf Pilgerfahrt. Besser ist es, einzukehren in dein Herz.“

Mag. Dr. Phil. Gerhard K. Tucek in seinem Vortrag: Islamische Mystik und Weltverantwortung heute

Mehr hier: http://www.religionen.at/irtucek.htm

Gefunden habe ich diesen Hinweis hier:
http://seelengrund.wordpress.com/2013/01/25/egozentrifugalkraft/

Mystische Erfahrungen

Die Essenz aller Religionen ist in ihren mystischen Erfahrungen zu finden. Dieser mystische Weg führt aus der Versenkung zurück in die Welt und in die Weltverantwortung. Er führt in die Aktion, ins Handeln und zum Mitmenschen und ist Grundlage einer Ethik der Liebe, die im anderen Menschen sich selbst erkennt.

Willigis Jäger (*1925)

Statt Liebe zur Macht: Macht der Liebe

Die Mystiker sehen ganz klar, dass wir alle zusammen gehören – Menschen, Tiere, alle Lebewesen, der ganze Kosmos. Trennung ist nur Illusion, doch sie ist eine gefährliche Illusion. Der Mystiker lebt in der Gegenwart, im Jetzt und damit in der Verbundenheit mit allen und allem. Mystiker sind Revolutionäre, weil sie durch Wort und Beispiel andere Menschen dazu ermächtigen, der Liebe zur Macht mit der Macht der Liebe entgegenzutreten. Darum sind sie den Herrschaftssystemen in Religion und Politik, welche die Menschen entmachten, ein Dorn im Auge.

David Steindl-Rast (*1926) in: Spiritualität und Weltverantwortung. Gespräch mit Christa Spannbauer. Erschienen in der Zeitschrift Visionen, Mai 2009

Das komplette Interview hier:

http://www.spuren-der-weisheit.de/download.php?cat=03_Artikel-nbsp~und-nbsp~Interviews&file=David.pdf