Stille: Erfahrung sich erfüllenden Lebens

 

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Es lebt im Menschen ein geheimes Wissen darum, daß die rechte Stille, nach der die Seele sich sehnt, mehr ist als nur das wohltuende Fehlen von Lärm, mehr auch als ein bloßes Gegengewicht an Ruhe gegen Unruhe und Überforderung seines Leibes, auch mehr als die bloße Voraussetzung alles Lebens im Geiste oder als die Bedingung seelischer Gesundheit. Es ist ein Wissen, daß echte Stille grundsätzlich mehr ist als die Voraussetzung oder Bedingung glückhaften Lebens, daß sie vielmehr gleichbedeutend ist mit der Erfahrung sich erfüllenden Lebens selbst! Auch in unserer Zeit ist die Urerfahrung des Menschen noch nicht vollends verschüttet, daß er immer, wo er wahrhaft glücklich ist, still wird, und daß umgekehrt dort, wo er vermag, wahrhaft stille zu werden, das wahre Glück ihm erst aufgeht.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Japan und die Kultur der Stille. Was die Tradition des Ostens uns geben kann. O. Barth-Verlag, 1950

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Aus ganzem Herzen am Leben teilhaben

Wenn wir zu besserwisserischen Beobachtern unseres Lebens werden, hören wir auf, lebendige Teilnehmer an ihm zu sein. Ein Großteil der heutigen Therapieformen zielt darauf ab, die Menschen zu unerbittlichen Selbstbeobachtern zu drillen. Geübte Selbstbeobachter gestatten sich nicht die geringste Unachtsamkeit. Wie echte Wildwesthelden bringen sie es fertig, immer nur mit einem Auge zu schlafen. Unter solchen Voraussetzungen ist es extrem schwierig, sich “geschehen zu lassen” und aus ganzem Herzen an diesem schönen, unwiederholbaren Leben teilzuhaben.

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit