Bei Gott Gehör finden

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Und warum dringt es bis zum Himmel, dieses kleine, kurze Gebet; bestehend aus nur einer Silbe? Sicher deshalb, weil es im ganzen, ungeteilten Geist, in seiner Höhe, Tiefe, Länge und Breite gebetet wird. In der Höhe des Geistes entsteht das Gebet, weil es mit der ganzen Kraft des Geistes geschieht; zugleich ist es aber auch in der Tiefe des Geistes, weil in dieser kleinen Silbe alle geistigen Sinne enthalten sind; in der Länge des Geistes ist es, denn was der Mensch auch sonst dabei empfindet, schreit er doch immer auf die eine, gleiche Weise; in der Breite des Geistes ist das Gebet, weil der Mensch für alle anderen das gleiche wie für sich selbst will. In diesem Augenblick hat die Seele wie vor ihr alle Heiligen die Rede des Heiligen Paulus von der Länge und Breite, der Höhe und Tiefe des ewigen, allliebenden, allmächtigen und allwissenden Gottes begriffen, zwar noch nicht vollständig, aber doch zum Teil und prinzipiell, wie es diesem von uns beschriebenen Werk entspricht. Gottes Ewigkeit ist Seine Länge, die Liebe Seine Breite, die Macht Seine Höhe und die Weisheit Seine Tiefe. Kein Wunder, daß die Seele, die so sehr durch göttliche Gnade dem Urbild Gottes, ihres Schöpfers, gleichgestaltet ist, bei Gott bald Gehör findet.

Die Wolke des Nichtwissens (14. Jh.), Kapitel 38

Quelle unseres ganzen Lebens

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Das Bild Gottes ist essenziell und persönlich in allen Menschen vorhanden. Jeder besitzt es, ganz, vollständig und ungeteilt, und alle zusammen besitzen nicht mehr als einer allein. Auf dieser Weise sind wir alle Eins, innig vereint in unserem ewigen Bild, dem Bild Gottes, das die Quelle unseres ganzen Lebens in uns ist. Unser erschaffenes Wesen und unser Leben sind unmittelbar an diese Quelle gebunden, denn sie ist unsere ewige Ursache.

Jan van Ruysbroeck (1293 – 1381)

Nehme ich das Nun so begreift das alle Zeit in sich

Cover mit Text der ersten Auflage Landauers Auswahl

 

Etliche Meister meinten, daß die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Was ist Gott?“. Erschienen in: Meister Eckharts mystische Schriften Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer Berlin 1903. Hier: 2. Auflage 1920, S. 66 (Mitarbeit: Martin Buber)

Alle eins im ewigen Bild

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Das Bild Gottes
ist in allen Menschen
wesentlich und persönlich
vorhanden.
Jeder besitzt es
ganz, vollständig und ungeteilt
und alle zusammen besitzen
doch nur ein Bild.
Auf diese Weise
sind wir alle eins,
innig vereint
in unserem ewigen Bilde,
welches das Bild Gottes
und der Quell all unseres Lebens
in uns ist.

Jan van Ruusbroec (1293 – 1381)

Wie Reflexe im Spiegel

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Alle Erscheinungen sind wie Reflexe im Spiegel. Sie sind strahlend rein und unbefleckt. Sie sind unerklärlich, unbeschreiblich, und doch entstehen aus ihnen ständig Ursachen und Handlungen. Die Essenz der Wirklichkeit ist ungeteilt, ist ohne einen Ort. So sollen alle Erscheinungen betrachtet werden.

Machig Lapdrön (1055 – 1149)

Quell all unseres Lebens

ruusbroecFoto: wikimedia / gemeinfrei

Jan van Ruusbroec

 

Das Bild Gottes
ist in allen Menschen
wesentlich und persönlich
vorhanden.
Jeder besitzt es
ganz, vollständig und ungeteilt
und alle zusammen besitzen
doch nur ein Bild.
Auf diese Weise
sind wir alle eins,
innig vereint
in unserem ewigen Bilde,
welches das Bild Gottes
und der Quell all unseres Lebens
in uns ist.

Jan van Ruusbroec (1293 – 1381)