Bô Yin Râ über Gustav Meyrink

Man wird dem Gesamtwerk des dahingegangenen Dichters nur dann gerecht, wenn man die in seinen Romanen und Erzählungen stofflich mitverwendeten Lehren nur auf die Gestalten bezieht, denen er diese Lehren in den Mund legt. Er selbst aber wollte sich niemals etwa als Lehrer okkulter oder mystischer Anschauungen, sondern als freier Künstler beurteilt sehen, dem jede Stoffbenützung erlaubt ist, durch die er in künstlerischer Gestaltung sein Werk bereichern kann.

Aus „Im Spiegel“ von Bô Yin Râ Erschienen in: Magische Blätter, XIV. Jahrgang, S. 44 – 47, Richard Hummel Verlag, Leipzig, 1933

 Jetzt aktuell nachzulesen in: Magische Blätter. Monatsschrift für geistige Lebensgestaltung.CI. Jahrgang, Mai 2020, Heft 4, S. 36

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/

Menschenkinder

Die Menschenkinder sind alle Schwestern und Brüder
Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder

Hat Krankheit nur einzig Glied erfasst
So bleibt anderen weder Ruh noch Rast

Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt
Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.

Saadi (eigentlich Muscharraf ad-Din Abdullah; * um 1190 – 1283 oder 1291)

Der Stoff unseres Innersten

Hitze und Kälte, Kummer und Schmerz,
Schrecken und Schwäche an Besitz und Körper.

Dies alles zusammen bürdet uns
die erhabene Weisheit auf,
damit ans Tageslicht kommt,
aus welchem Stoff unser Innerstes gemacht ist.

Dschalâl-ed-dîn Rumî (1207 – 1273)

Wirklich wirklich?

 

Ein Vorhang. Stoff an der Wand. Dahinter ein Fenster? Nein. Dieser Vorhang ist eine Kunstinstallation im Frankfurter Staedelmuseum. Papier wurde gesteckt, fotografiert, auf Stoff gebannt und gespannt.

Eine Illusion. Sie macht deutlich, wie sehr Illusionen uns täuschen. Und den Blick darauf verstellen, was wirklich wirklich ist.

Der Urgrund des Alls

Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein; nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse;

er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden; also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen.

Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (um 500)

Die Mitte des Selbst

Das Herz ist die Mitte des Wirklichen.
Aber das Ich ist vergänglich.
Wie alles übrige wird es von der Herzmitte getragen.
Aber es ist das Wesen des Ich,
Bindeglied zwischen Geist und Stoff zu sein;
es ist ein Knoten, der Knoten urgrundhaften Nichtwissens,
in den wir geschlungen sind.
Dieser Knoten ist hier im Herzen.
Wenn er aus eigener Kraft zerhauen wird,
entdeckst du:
dies ist die Mitte des Selbst.

Ramana Maharshi (1879 – 1950)