Autonom in der Seele

Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt. Die da hinein gebannt sind in die Massenreligion der Bevormundung, sehnen sich nach der Religion ihrer eigenen Seele … Und die da sitzen in der halb erstorbenen Kirche, die ohne Gestalt und Schöne ist, sie schauen aus nach der mittlerlosen Religion.

Walter Lehmann im Vorwort einer Edition der Predigten von Johannes Taulers,  die 1923 im Verlag Eugen Diederichs, Jena, erschienen sind.

Die Wahrheit selbst wollen

Notwendig ist, die Sehnsucht auszurichten, die Wahrheit selbst, die Freiheit selbst zu wollen und nicht ihre Ersatzstoffe. Diese Ersatzstoffe wie Geld, Macht, Ruhm, Beziehung, wie Gutsein, selbst ein Schwelgen in ekstatischen und himmlischen Zuständen können ja nicht wirklich und vor allem nicht dauerhaft befriedigen.
Jetzt im Schreiben fällt mir Jesus ein, der sagte: “Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten sie fressen und Diebe sie nicht stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz”. Auch dies ist ein Satz, den ich erst jetzt verstehe. Erst jetzt verstehe ich, dass nichts, gar nichts gegen Geld, Beziehungen und die schönen Dinge des Lebens einzuwenden ist. All dies sind Dinge, die genossen werden wollen, wenn sie vorhanden sind, man muss sie nicht wegwerfen, man soll sie nicht wegwerfen. Nicht diese Dinge hindern. Was hindert ist, wenn wir unser Herz daran hängen, unsere Sehnsucht danach ausrichten und darüber unsere eigentliche Sehnsucht vergessen.

Aber tausche nicht die Wahrheit für eine irgendgeartete Erfahrung ein und lehne sie nicht wegen einer irgendgearteten Erfahrung ab! Gib dich nicht zufrieden mit einer Vorstellung von Wahrheit und Freiheit, gib dich nicht mit dem Land der Glückseligen zufrieden. Und gib dich auch nicht mit mentalem Verstehen zufrieden, denn was man intellektuell verstehen kann, kann zwar sehr weit gehen – es kann genau bis an die Grenze der Transzendenz führen, kann uns sogar an diese Grenze treiben, kann uns bis an den Rand des Erkennens von Unendlichkeit leiten, aber dann muss sich das mentale Denken selbst ad absurdum führen, es muss erkennen, dass die eigentliche Realisation über Logik hinausgeht. Nun muss der Verstand seine Unfähigkeit weiterzugeben einsehen und sich der Erkenntnis der Wahrheit, die weit hinausgeht über alles Denkbare, beugen, er muss demütig werden und kann dann wissend, dass er nichts weiß, wissend, dass er nicht verstehen kann, im Dienst der Wahrheit stehen. Das macht dem Verstand übrigens viel Spaß!

Pyar Rauch (*1960)

Ich bin in dir, du bist in mir

Da sprach der liebende Mund,
Der meine Seele küßte wund,
In seinen erhabenen Worten,
Die ich niemals würdig hörte:
Du bist meiner Sehnsucht Liebesfühlen,
Du bist meiner Brust ein süßes Kühlen,
Du bist ein inniger Kuß meines Mundes,
Du bist eine selige Freude meines Fundes,
Ich bin in dir, du bist in mir,
Wir können einander nicht näher sein,
Denn wir sind beide in eins geflossen
Und sind in eine Form gegossen
Und verbleiben so ewig unverdrossen.

Mechthild von Magdeburg (1210-1282) in: „Das fließende Licht der Gottheit“

Religiöse Sehnsucht

Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt.  … die da sitzen in der halb erstorbenen Kirche, die ohne Gestalt und Schöne ist, sie schauen aus nach der mittlerlosen Religion.

Walter Lehmann im Vorwort einer Edition der Predigten von Johannes Taulers,  die 1923 im Verlag Eugen Diederichs, Jena, erschienen sind.

Ewig Neues

Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen darf, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen der Vergangenheit gestaltet, und die echte Sehnsucht muß stets produktiv sein, ein Neues, Besseres zu schaffen.

Giordano Bruno (1548 – 1600)

 

Nackte Sehnsucht

Entleertes, bilderloses Denken, ein klares Schauen im göttlichen Lichte und eine reine Entrückung des Geistes vor das Antlitz Gottes: diese drei zusammen bilden und erzielen das wahrhaft schauende Erleben, darin niemand sich irren kann. Der reine Geist nämlich neigt sich beständig zu dem verklärten Verstand und folgt ihm mit nackter Sehnsucht zu seinem Ursprung .

Jan van Ruusbroec (1293 – 1381)

Alle(r)heiligen

Heilige sind aufgeschlossene Sünder, Menschen, die um ihre eigene Begrenztheit wissen, um ihre Schuld, die aber auf die Barmherzigkeit Gottes setzen und selber barmherzig sind mit anderen Menschen, die es auch nicht schaffen. Diese Menschen leben aus einer großen Sehnsucht, für Gott erreichbar zu sein. Sie überheben sich nicht über andere, sondern greifen ihnen geschwisterlich unter die Arme. Sie sind Beispiele dafür, wie Gottes Kraft in menschlicher Schwachheit zum Ausdruck kommen kann.

Ferdinand Kerstiens (*1933)

Tiefste Sehnsucht

Es wohnt eine tiefe Sehnsucht im Menschen, die das Göttliche selber ist. Gott drängt in uns zur Entfaltung und zum Erwachen. In uns Menschen stellt sich das Erwachen des Göttlichen dar als Verlangen nach Geborgenheit, Sicherheit und Heimat. Es ist die Sehnsucht, heim zu kommen, den Platz zu finden, wo alles gut ist, wo man geliebt und angenommen ist. Der Mensch erfährt aber sehr bald im Leben, dass kein Mensch dem Menschen diese letzte Sicherheit geben kann, auch nicht der liebste. Es bleibt diese unüberbrückbare Trennung, diese Heimatlosigkeit, bis er sein wahres Selbst gefunden hat, besser, bis sein wahres Selbst durch alle Verkrustungen und Fehlentwicklungen hindurchbrechen kann. Menschen machen sich also auf den Weg zu Gott, weil sie diese tiefste Sehnsucht in sich tragen, die letztlich die Sehnsucht Gottes nach sich selber ist.

Willigis Jäger (* 1925)

Mit Liebe erfüllt

Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht,
wie der Tau, der über die Wiesen träufelt,
wie die Regenluft, die wachsen macht.

Desgleichen ströme der Mensch ein Wohlwollen aus,
auf alle, die da Sehnsucht tragen.

Ein Wind sei er, der den Elenden hilft,
ein Tau, der die Verlassenen tröstet.

Er sei wie die Regenluft, die die Ermatteten aufrichtet
und sie mit Liebe erfüllt wie Hungernde.

Hildegard von Bingen  (* um 1098 – 1179)

Eins mit sich selbst

Man sieht oft alte Menschen, in deren Gegenwart – so alt ihr Körper auch sei – die majestätische und schwerelose Eleganz einer Ballettänzerin innewohnt. Sie sind in das Mysterium wahren Einsseins eingedrungen. Sie sind eins mit sich selbst. Dieses Einssein ist die Essenz aller Zugehörigkeit; ohne diese verborgene Einigkeit aller Dinge wäre kein Zugehören möglich. Das Einssein ist auch das geheime Anderswo, in dem jetzt die Gegenwart all jener aufgehoben ist, die aus unserem Leben verschwunden sind; sie gewährleistet, dass die Abwesenheit keine Leere ist.

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit