Eins mit dem geheimnisvollen Nichts

 

 

Eckhart weiß sich in der Beschreibung und Erhebung des Seelenfünkleins nicht genug zu tun. Es ist ihm das Eine, das Einzig-Eine. Es ist nicht bloß rein-geistig, es wird ihm zur absoluten Geistigkeit. Er rückt es ganz nahe an Gott heran. Da ist kein Name mehr hoch genug, sein Wesen gebührend zu bezeichnen. Keine Kraft fähig, es auch nur annähernd zu ergründen. Nur Gott kommt da hinein, und auch er nicht als Einzelperson der Dreifaltigkeit, sondern insofern er die eine unergründliche Gottheit ist. Das Seelenfünklein oder, wie er an der Stelle sagt, der Seelengrund, ist dem Grunde Gottes gleich. Ja, er geht noch weiter. Der Seelenfunke ist wesenhaft eins mit der Gottheit, dem überwesenden Wesen, der stillen Wüste, dem geheimnisvollen „Nichts“.

Hieronymus Wilms OP über das „Seelenfünklein in der deutschen Mystik“

Jenseits intellektuellen Begreifens

Äußerlich steht der Mystiker mitten im praktischen Leben, innerlich bleibt er jedoch frei – sein Geist ist über den Dingen, nicht in den Dingen. Diesen Zustand völliger Losgelöstheit von allem Weltlichen hat Meister Eckhart mit Worten wie “Gelassenheit”, “Abgeschiedenheit”, “Leerheit” beschrieben. … Im Verlauf des mystischen Weges dringen wir in eine Region unseres Seelenlebens ein, die völlig frei von weltlichen Bildern, unerschaffen und unzerstörbar, ewig und göttlich ist. Diese Seelenregion liegt jenseits allen intellektuellen Begreifens, auch jenseits von Raum und Zeit; sie ist unser “stilles Kämmerlein”, das “Seelenfünklein”, das “Bürglein der Seele”, der “Seelengrunde”. Auf dieses Ewige im Menschen, auf seinen göttlichen Geistkern, will Meister Eckhart immer wieder hinweisen.
Manfred Ehmer, Die Weisheit des Westens. Mensch, Mythos und Geschichte, Düsseldorf 1998, S. 191