Eugen Drewermann: Hermann Hesse – Der lange Weg zu sich selbst / Buchtipp I /2020

 

Eugen Drewermann

Hermann Hesse: Der lange Weg zu sich selbst.

Zur Sprengkraft eines literarischen Denkers

 Mit einem Vorwort von Volker Michels / Mit einer Einleitung von Karl-Josef Kuschel

Patmos-Verlag Ostfildern, 2019, ISBN: 978-3-8436-1196-1, 160 Seiten,  20 Euro

„Pädagogisch, psychologisch, politisch, moralisch, religiös – in fünf Bereichen mindestens hat Hermann Hesse in den Auseinandersetzungen seines Lebens etwas Exemplarisches durchlitten und erstritten, das unwiderleglich und kostbar ist: das Recht und die Rechtfertigung, ein Individuum zu sein.“ So fasst der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann zusammen, was für ihn Person und Werk von Hermann Hesse auf dessen „langen Reise zu sich selbst“ ausmacht.

Unter dem Obertitel „Der lange Weg zu sich selbst“ sind in dem Buch vier Texte von Drewermann zu finden, die durchaus unabhängig voneinander gelesen werden können.

„Mein Dank an Hermann Hesse“ ist jener Text überschrieben, mit dem sich Drewermann für die Verleihung des Hermann-Hesse-Preises an ihn bedankt. Drewermann sieht Hesse als einen apolitisch Politischen, der einem „hellsichtigen Humanismus“ verpflichtet ist. Geprägt sieht er Person und Werk durch Eigensinn, Überzeugung und Verweigerung. Anhand von „Klein und Wagner“, vor allem aber mit „Narziß und Goldmund“ verweist Drewermann auf das Problem der Spannung von Selbstsein und innerer Zerspaltenheit. Und mit dem „Steppenwolf“ auf den Weg ins Unerschaffene, in die Menschwerdung. Drewermann ergänzt seine Ausführungen mit eigenen Erfahrungen, die er überschreibt: Das Existieren als Einzelner, innere Freiheit in absoluter Bindung, Religion als Therapie, einfühlendes Zuhören.

„Das Individuelle gegen das Normierte verteidigen“ ist der zweite Text von Drewermann überschrieben. Deutlich verweist Drewermann darauf, dass der Einzelne und seine politische Dimension bei Hesse überall vor allem an den Fragen um Krieg und Frieden erhellt wird. So schreibt Hesse: „Das Brudergefühl, das dadurch genährt wird, dass man zu Tausenden marschiert und Waffen trägt, ist mir sowohl in der militärischen wie revolutionären Form nicht annehmbar.“

„Gedanken über Hermann Hesses ‚Narziß und Goldmund‘“ greift noch einmal Gedanken aus dem „Dank an Hermann Hesse“ auf und vertieft sie aus psycholanalytischer Sicht. Probleme sind für Hesse die verbannte Mutter, die Polarität von Geist und Gefühl, die Spannung von Freiheit und Ausdruck sowie die Sehnsucht nach der Urmutter.

„Hermann Hesse: Die Orientreise – Der lange Weg zu sich selbst“ beschließt Drewermanns Texte; es ist die Nachschrift eines von Drewermann frei gehaltenen Vortrages. Er sieht Hesse bei einer „Pilgerreise“ zu sich selbst nicht als Reiseleiter oder Tourismus-Berater sondern als Begleiter an der Seite von Wandernden, niemals Ruhenden, wie in der „Morgenlandfahrt“ aus verschiedenen Facetten deutlich wird.

Ergänzt werden die Beiträge von Eugen Drewermann durch eine Einleitung des Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel und den Herausgeber der Schriften und Briefe Hermann Hesses, Volker Michels. Kuschel setzt Drewermann in Kontakt zu seinem Gespräch mit Literaturen und Religionen. So seine Beschäftigung mit Dostojewski und mit Hermann Melville. Aber auch zu den Erfahrungen von Hesse und Drewermann mit Tiefenpsychologie und nichtchristlichen Religionen. Volker Michels sieht Drewermann als einen „streitbaren Mutmacher“.

Diesem hier zusammengefassten Blick Drewermanns aus verschiedenen Perspektiven auf den „streitbaren Mutmacher“ Hermann Hesse sind viele Leser zu wünschen.

 © Werner A. Krebber

Nicht zugleich Heiliger und Schriftsteller

… Daher ist die Literatur, deren Funktion eine weltliche ist, mit der Geistlichkeit nicht vereinbar; die eine ist Umweg, Ornament, Schleier, die andere Unmittelbarkeit, Blöße: weshalb man nicht zugleich Heiliger und Schriftsteller sein kann. So ist der Text des Ignatius, meint man, geläutert von jeder Berührung mit den Verführungen und Illusionen der Form, kaum Sprache: er ist einfach der neutrale Weg, der die Vermittlung einer geistigen Erfahrung gewährleistet. Und so bestätigt sich wieder einmal der Platz, den unsere Gesellschaft der Sprache zuweist: sie ist entweder Dekoration oder Instrument.

Roland Barthes über die „Exerzitien“ des Ignatius von Loyola. In: Sade Fourier, Loyola, Frankfurt/M. 1974

Buchtipp VIII – Weisheiten der Wüstenväter (Freddy Derwahl)

Freddy Derwahl

Weisheiten der Wüstenväter

Butzon & Bercker / 203 Seiten, 15 €
ISBN: 978-3-7666-2486-4
Kevelaer 2018

„Die ‚Wüsten‘ der Wüstenväter überschreiben immer wieder ihre geographischen Grenzen. Auch handelt es sich bei den über Jahrhunderte hinweg überlieferten Sprüchen keineswegs um exotische Weisheiten greiser und spleeniger Gottesnarren. In der ‚Wüste‘ der Glaubensferne, in der Leere flüchtiger Genüsse und in der Öde unserer anonymen Großstädte gewinnen sie neue Aktualität“, schreibt der belgische Journalist Freddy Derwahl in der Einleitung zu den „Weisheiten der Wüstenväter“. Neu verortet werden ihre Sprüche von Managern, Seelsorgern, Psychologen, Therapeuten. Gehen die Gedanken doch gezielt auf Fragen und Sehnsüchte ein, die Menschen heute beschäftigen.

Mehr zur Meditation und zum Gebet will er dann auch mit der Sammlung anregen. Kurz und knapp sind die Gedanken, die durch den Tag begleiten können. Schon ein Blick auf die Überschriften belegt, dass Derwahl die Menschen dort abholen will, wo sie heute sind: Fliehen, Etwas Leiden, Ein guter Arbeiter, Wer bin ich eigentlich? Vollendete Liebe undsofort. Dazwischen gestreut sind Gedanken von Dichtern, Theologen, Schriftstellern, Mystikern.

Am Ende hat Derwahl eine Bibliographie hinzugefügt, die dem Anregungen gibt, der sich ausführlicher mit Geschichte und Bedeutung der Texte von Wüstenvätern und -müttern befassen möchte.

Darüber hinaus ist das Buch sehr ansprechend gestaltet, dass man es auch beruhigt und gern verschenken kann.

© Werner A. Krebber