Wir brauchen keine Aufwiegler sondern Propheten

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Wir brauchen eine neue Offenbarung, eine, die die Hinfälligkeit derer verkündet, denen wir anhängen, aber die, denen wir anhängen, sind da, ihr tödliches Gewicht verbündet sich mit dem Verhängnis, das uns zermalmt, Ordnung und Chaos bilden ein Ganzes, das wir nicht zu zerbrechen vermögen. Die Anarchisten und die Nihilisten sind die letzten vernünftigen und sensiblen Menschen unter den Tauben, die marschieren, und den Blinden, die kämpfen, aber es genügt im jetzigen Zeitalter weder, Recht zu haben, noch zu fühlen, um irgendetwas zu verändern, die Ordnung muss durch eine Ordnung und nicht durch eine Unordnung ersetzt werden und die Moral durch eine Moral und nicht durch Unmoral, so wie der Glaube durch einen Glauben ersetzt werden muss, und nicht bloß durch eine Leere und die toten Götter durch neugeborene Gottheiten. Wir brauchen keine Aufwiegler, sondern Propheten, wir brauchen religiöse Genies auf der Höhe dieser Zeiten und unserer Werke,

Albert Caraco (1919 – 1971) hat das apokalyptische Empfangsszenario in seinem Text „Brevier des Chaos“ von 1982 beschrieben. Zitiert ist es in: Liebe und Zorn Eine Lange Nacht über den Mystiker und Theosophen Jacob Böhme von Ronald Steckel

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

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Mittlerlose Religion

Es mag als ein gewagtes Unternehmen erscheinen, heutigentags die Predigten eines mittelalterlichen Mystikers aufs neue der denkenden Menschheit anzubieten, in unserer Zeit einem Manne Gehör zu verschaffen, der mit den Ideen, mit der zeitbildenden, Geschichte machenden, seelischen und gedanklichen Arbeit unserer Tage scheinbar nicht das Geringste zu tun hat … Und doch ist gerade das, was man der Mystik zum Vorwurf macht, ihr größter Vorzug. Ihr wird mit Recht die geschichtliche Religion gegenübergestellt. Und damit ist gesagt, dass sie selbst geschichtslos ist, über die Geschichte erhaben, nicht gebunden an geschichtliche Geschehnisse, zeitlos. Und in der Tat, die Mystik ist, je tiefsinniger, desto offener im Prinzip, im letzten Interesse nicht nur erhaben über alle Dogmen, über alle Konfessionen, über alle kirchlichen Schranken, sie ist in der Tat losgelöst auch vom Historischen. Sie ist das Religiöse an sich, freie, nackte, undogmatische, unkirchliche, konfessionslose, sozial uninteressierte, ethisch an sich indifferente, geschichtslose Religion, die es schlechthin nur zu tun hat mit dem Verhältnis der einzelnen Seele zum Ewig-Göttlichen, Gottes zum Seelengrunde …

Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt. Die da hinein gebannt sind in die Massenreligion der Bevormundung, sehnen sich nach der Religion ihrer eigenen Seele … Und die da sitzen in der halb erstorbenen Kirche, die ohne Gestalt und Schöne ist, sie schauen aus nach der mittlerlosen Religion.

Walter Lehmann im Vorwort einer Edition der Predigten von Johannes Taulers,  die 1923 im Verlag Eugen Diederichs, Jena, erschienen sind.