Universeller Strom der Ideen

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Der verborgene Fluss der Gnosis ist Teil des universellen Stroms der Ideen, der unter der Oberfläche des menschlichen Bewusstseins verläuft. Die Absicht der antiken Schriftsteller wie auch unserer eigenen zeitgenössischen Suche nach Bedeutung entspringt der gleichen Quelle;  nämlich dem Wunsch, die Funken der Göttlichkeit zu befreien, die von Anfang an in die natürliche Welt eingebettet waren. Diese schimmern manchmal in der Weisheit der alten Väter, manchmal in den frühreifen Fragen eines unschuldigen Kindes. Die Funken wandern durch die Jahrhunderte, tauchen als  Faust in der poetischen Imagination Goethes auf, leuchtend in den Sinfonien des Kindes Mozart, beleben die denkwürdigen Fantasien, die aus der Feder von William Blake fließen.

June Singer (1920 – 2004) in ihrem Vorwort zu „The Gnostic Book of Hours“ (2003)

Ein Punkt reiner Wahrheit in uns

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Im Zentrum unseres Seins ist ein Punkt des Nichtseins, der unberührt von Sünde und Illusion ist, ein Punkt reiner Wahrheit, ein Punkt oder Funke, der nur Gott gehört, über den wir nie Verfügung haben, von dem aus Gott über unser Leben verfügt, der unzugänglich ist für die Phantasien unseres Geistes oder die Brutalitäten unseres Willens.

Dieser kleine Punkt des Nichtseins und der absoluten Armut ist die reine Herrlichkeit Gottes, eingeschrieben in uns als unsere Armut, als unsere Bedürftigkeit, als unsere Sohnschaft. Er
ist wie ein reiner, hell im unsichtbaren Licht des Himmels strahlender Diamant. Er ist in jedem von uns, und wenn wir ihn nur sehen könnten, würden wir diese Milliarden Lichtpunkte im Antlitz und Glanz einer Sonne zusammenkommen sehen, die alle Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens vollständig verschwinden ließe.

Thomas Merton (1915 – 1968) in seinem Essay „Ein Mitglied des Menschengeschlechts“

Zitiert in Llewellyn Vaughan-Lee: Das Herzensgebet. Der direkte Weg ins göttliche Mysterium, Freiburg/Br. 2013, S. 12-13

Die Bilder der Dinge fahren lassen

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest Du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was Du auch tust.
Und so hättest Du den Frieden Deines Herzens und Freude.
Und dich störte nichts mehr von dem, was Dich jetzt ständig stört,
Dich bedrückt und leiden lässt.

Johannes Tauler (1300 – 1361)