Tagung „Mystik und Widerstand“

Mystik und Widerstand

Verinnerlichung und Gesellschaftsgestaltung von Meister Eckhart bis Dorothee Sölle

Rüdiger Sünner schreibt:

Kann mystische Erfahrung auch zu einer politischen Veränderung der Gesellschaft führen? Welche modernen Formen mystischer Erfahrung gibt es? Solchen Fragen stellt sich inzwischen auch die Kirche, die längst gemerkt hat, dass die Menschen heute auf vielen Wegen nach Spiritualität suchen. So nächstes Wochenende auf der Tagung „Mystik und Widerstand“ der Evangelischen Akademie Thüringen bei Erfurt, wo auch mein Film über Dorothee Sölle laufen wird. Neben einem Vortrag über Meister Eckhart und einer Lesung zu mystischer Erfahrung bei Thomas Mann, Robert Musil und Rilke wird es auch eine „praktische Einführung“ in die integrale Spiritualität Ken Wilbers geben.

 

Freitag, 11. September 2020

15.00 Ankommen und Stehkaffee

15.30 Begrüßung und Einführung
Dr. Sebastian Kranich, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen
Dipl. theol. Christoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

16.15 Vortrag und Diskussion
Mystik, Widerstand und Politik – Zugänge bei Meister Eckhart
Prof. Dr. Dietmar Mieth, Universität Erfurt, Leiter der Meister-Eckhart-Forschungsstelle

18.00 Abendessen

19.00 Literarischer Abend
Unverfügbarkeit – Mystik bei Thomas Mann, Robert Musil und Rainer Maria Rilke
Prof. Dr. Dietmar Mieth

21.00 Nach(t)Gespräche
Samstag, 12. September 2020

9.00 Andacht

9.30 Vortrag und Diskussion
Zwischen Reformation und Revolution. Martin Luther, Thomas Müntzer und die Mystik
Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele, Philipps-Universität Marburg, Kirchenhistoriker

11.00 Kaffeepause

11.30 Vortrag und Diskussion
Zinzendorf im Spannungsfeld zwischen Mystik und Sozialutopie
Dr. Peter Vogt, Pfarrer der Brüdergemeine in Herrnhut und Studienleiter der Evangelischen Brüder-Unität

13.00 Mittagessen

15.00 Praktische Einübung
Moderne Mystik – Wege zu einer integralen Spiritualität nach Ken Wilber und Marion Küstenmacher
Dipl. theol. Christoph Maier

18.00 Abendessen

19.00 Film und Filmgespräch
Mystik und Widerstand – Dorothee Sölle
Rüdiger Sünner (Regisseur/Autor des Films, Berlin)

21.00 Nach(t)Gespräche

Sonntag, 13. September 2020

9.30 Gottesdienst im Kirchensaal der Brüdergemeine
„Welche der Geist Gottes treibt“
Pfarrer Dipl. theol. Christoph Maier (Liturg), Pfarrer Dr. Sebastian Kranich (Predigt), Student Johannes Richter, Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle (Orgel)

11.00 Ende der Tagung

Hier mehr:

http://www.ev-akademie-thueringen.de/veranstaltungen/2752/?fbclid=IwAR3b6L0rbAlYReTh-965XWpRAHNkxGHuHRWLoBnliXwiPdziV8s3X5xG_9w

Mystik lesen – Pfade zum Selbst | work in progress…

Es gibt so viele Definitionen von Mystik, wie es Menschen gibt, die sich damit beschäftigen. Denn in der Mystik geht es um den Sinn des Lebens. Und deshalb bringt jeder seine persönliche Lebenshaltung mit ein.

Friedrich Heiler (1892 – 1967)

work in progress

020

 

019

 

018

 

017

 

016

 

015

 

014

 

 

013

012

Sehen mit dem Dritten Auge ist die Sichtweise der Mystiker. Sie lehnen das Erste Auge nicht ab. Die sinnlichen Wahrnehmungen bedeuten ihnen etwas. Aber sie wissen, es gibt mehr. Sie lehnen auch das Zweite Auge nicht ab. Aber sie verwechseln Wissen nicht mit Tiefe und bloße korrekte Information nicht mit der Transformation des Bewusstseins selbst. Der mystische Blick baut auf das Erste und Zweite Auge auf – aber er reicht weiter. Er ereignet sich immer dann, wenn aufgrund eines wunderbaren „Zufalls“ der Raum unseres Herzens, der Raum unseres Verstandes sowie unsere Körperwahrnehmung gleichzeitig geöffnet und nicht-resistens sind. Ich nenne dies gern Präsenz. Präsenz wird als ein Moment tiefer innerer Verbundenheit erfahren und sie zieht uns unweigerlich in das nackte und ungeschützte Hier und Jetzt hinein.

Richard Rohr (*1943) in: Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker. München, 2010

011

 

010

009

Der Fromme von morgen wird ein ‚Mystiker‘ sein, einer, der etwas ‚erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im Voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur noch eine sehr sekundäre Dressur für das religiöse Institutionelle sein kann. Die Mystagogie muss von der angenommenen Erfahrung der Verwiesenheit des Menschen auf Gott hin das richtige ‚Gottesbild‘ vermitteln, die Erfahrung, dass des Menschen Grund der Abgrund ist: dass Gott wesentlich der Unbegreifliche ist; dass seine Unbegreiflichkeit wächst und nicht abnimmt, je richtiger Gott verstanden wird, je näher uns seine ihn selbst mitteilende Liebe kommt.“

Karl Rahner: Frömmigkeit früher und heute. In: Schriften zur Theologie VII, Einsiedeln 1971, S. 22-23

 

008

 

007

Die Mystiker haben immer wieder betont, dass höhere Erkenntnis und das gelebte höhere Wissen die große Befreiung bewirken. Befreiung wovon? Es ist die Befreiung von den zahllosen Fesseln, die unser Ich davon abhalten, dem Selbst entgegenzugehen, um mit diesem eins zu werden. Höhere Erkenntnis, das heißt Erkenntnis der Existenz einer absoluten Wirklichkeit, ist das sicherste Mittel für eine solche Befreiung.

René Bütler (1923 – 2016)

 

006

005

 

004

 

003

002

Ein Buch aufschlagen
und die Worte finden,
die mich be/treffen.

w.a.k.

 

001

000
Mystik lesen – Pfade zum Selbst. Überschrift über einen Text, der für jede und jeden mit anderem Inhalt gefüllt wird.
w.a.k.

 

Mystisches Bewusstsein

Foto: © wak

Für das mystische Bewusstsein
ist es notwendig,
dass alles Innere nach außen kommt
und sichtbar wird.
Der Traum will erzählt werden,
das „Innere Licht“ will scheinen,
die Vision muss mitteilbar werden.

Dorothee Sölle (1929 – 2003) in: Mystik und Widerstand

Flügel der Morgenröte

Mit dem Wort „Mystik“ versuche ich einen Prozess zu benennen, in dem ich mich in einem doppelten Sinn befinde: die Entdeckung mystischer Traditionen und ihre Aneignung. Sich etwas zu eigen machen bedeutet, es auch er-innern zu können. Wenn ich lese, wie die Mystiker gedacht, geträumt, gesprochen und gelebt haben, so wird mir auch das eigene Leben immer mystischer, immer verwunderlicher; es ist, als wüchsen mir andere Ohren, ein drittes Auge, Flügel der Morgenröte. Ich verstehe mich selber besser.

Dorothee Sölle (1929 – 2003) in „Mystik und Widerstand“. Freiburg/Br. 2014 S. 35

Der Segen des Anfangs

Müssen wir uns nicht – das ist eine der Grundfragen, die Matthew Fox immer wieder neu gestellt hat – zuallererst auf den Segen des Anfangs beziehen, also nicht auf die „Erb“sünde, sondern auf den Ursegen? Und ist es nicht gerade die mystische Erfahrung, die uns an die Schöpfung und den guten Ursprung verweist?

Dorothee Sölle (1929 – 2003) in: Mystik und Widerstand