Gustav Landauer, „Meister Eckharts Mystische Schriften“ und das Urheberrecht

Denkmal für Martin Buber in Heppenheim. Er bearbeitete Gustav Landauers Übersetzungen von Meister Eckhart neu. – Weitgehend ebenso vergessen, wie Landauer selbst. Foto: © wak

 

Meister Eckharts Mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer“ finden sich an verschiedenen virtuellen Orten des World Wide Web. Mal werden sie komplett als PDF-Datei angeboten, mal einzelne Predigten, Traktate, Fragmente oder Sprüche. 1919 starb Landauer im Gefängnis von Stadelheim. Brutal zu Tode getreten, nachdem Schüsse ihn verfehlt hatten.

Leider fehlt den meisten dieser zugänglichen Texte allerdings so lesenswerte Vorwort von Gustav Landauer selbst.

Beginn  des Vorworts von Gustav Landauer

Und zugrunde liegt diesen Texten immer wieder die Ausgabe aus dem Karl Schnabel-Verlag, Berlin, (Axel Junckers Buchhandlung), die 1903 erschienen ist und nicht die von Martin Buber bearbeitete Neuauflage von 1920. Ich persönlich finde ich jene zweite Auflage interessanter.

Zu ihr heisst es:

„…im letztwilligen Auftrag Gustav Landauers und unter Benutzung seiner nachgelassenen Aufzeichnungen bearbeitet und neu herausgegeben von Martin Buber.“

Als Nachdruck erschien diese zweite Ausgabe 1978 im Wetzlarer Verlag „Büchse der Pandora“. Als Copyright-Vermerk ist Brigitte Hausberger-Landauer angegeben, erreichbar über das Internationaal Literatuur Bureau Hilversum. Den Einfluss Bubers, der in einer hervorragenden Bibelübertragung seine Wortkraft hatte zeigen können, liest man in dieser Ausgabe deutlich.

Der Grund dafür, dass es aber die erste Version im Netz gibt, hat vermutlich rein urheberrechtliche Ursachen. Der 1870 geborene Gustav Landauer (mehr hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Landauer) war 1919 gestorben. Der 1878 geborene Buber (mehr hier http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Buber) im Jahr erst 1965. Der Grund dafür, dass die von Buber bearbeitete Version nicht wieder greifbar ist, mag wohl Paragraph 64 des Urheberrechtsgesetzes sein, in dem es heißt: „Das Urheberrecht erlischt siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers“ (https://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__64.html). Dies ist zwar bei Landauer inzwischen der Fall, bei Buber jedoch noch einige Jahre nicht.

So ist man noch für längere Zeit auf die erste Fassung von „Meister Eckharts Mystischen Schriften“ angewiesen. Ohne die Sprachkraft Martin Bubers…

© wak

Davon ist nichts zu sprechen

Fotographik: © wak

 

Als ich in dem Grunde, in dem Boden in dem Fluss und in der Quelle der Gottheit stand, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: Da war niemand, der mich fragte. Als ich floss, da sprachen alle Kreaturen Gott. Fragte man mich: Bruder Eckhart, wann gingt Ihr aus dem Hause? Da war ich drinnen. So sprechen alle Kreaturen von Gott. Und warum sprechen sie nichts von der Gottheit? Alles, was in der Gottheit ist, ist eins, und davon ist nichts zu sprechen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Von unsagbaren Dingen“. Erschienen in: Meister Eckharts mystische Schriften Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer Berlin 1903

Alles was in der Gottheit ist ist eins

 

Als ich in dem Grunde, in dem Boden in dem Fluss und in der Quelle der Gottheit stand, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: Da war niemand, der mich fragte. Als ich floss, da sprachen alle Kreaturen Gott. Fragte man mich: Bruder Eckhart, wann gingt Ihr aus dem Hause? Da war ich drinnen. So sprechen alle Kreaturen von Gott. Und warum sprechen sie nichts von der Gottheit? Alles, was in der Gottheit ist, ist eins, und davon ist nichts zu sprechen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Von unsagbaren Dingen“. Erschienen in: Meister Eckharts mystische Schriften Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer Berlin 1903

Meister Eckhart: Von unsagbaren Dingen

Als ich in dem Grunde, in dem Boden in dem Fluss und in der Quelle der Gottheit stand, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: Da war niemand, der mich fragte. Als ich floss, da sprachen alle Kreaturen Gott. Fragte man mich: Bruder Eckhart, wann gingt Ihr aus dem Hause? Da war ich drinnen. So sprechen alle Kreaturen von Gott. Und warum sprechen sie nichts von der Gottheit? Alles, was in der Gottheit ist, ist eins, und davon ist nichts zu sprechen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Von unsagbaren Dingen“. Erschienen in: Meister Eckharts mystische Schriften Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer Berlin 1903

In den einfachen Grund, in die stille Wüste

Ich sage in guter Wahrheit, dieses Licht begnügt sich nicht mit dem einfachen stillstehenden göttlichen Wesen, das weder gibt noch nimmt, sondern es will wissen, woher dieses Wesen kommt, es will in den einfachen Grund, in die stille Wüste, wohin nie etwas Unterschiedenes, weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist, gedrungen ist; in dem Innigsten, wo niemand heimisch ist, da begnügt es sich in einem Lichte, und da ist es einiger als in sich selbst; denn dieser Grund ist eine einfache Stille, die in sich selbst unbeweglich ist, und von dieser Unbeweglichkeit werden bewegt und da empfangen ihr ganzes Leben alle Dinge, die vernünftig leben und sich in sich selbst versenkt haben.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Von der Einheit der Dinge“
In: Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903, S. 87-91

Meister Eckhart und Zen

eckhartundzen

Noch zu Lebzeiten kursierte folgender Spottvers über Meister Eckhart:

„Der weise Mystiker Eckehart / will uns vom Nichtse sagen. Doch wer ihn nicht versteht, / Der mag es Gotte klagen …“

Vom „Nichts“ will auch der Zen-Buddhismus „sagen“. Bereits Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts lenkte D.T. Suzuki die Aufmerksamkeit auf die Nähe der Gedankenwelt Meister Eckharts zu der des Mahayana-Buddhismus, besonders des Zen-Buddhismus. So begann der Dialog zwischen westlichen und östlichen Wegen – und er wird heute von vielen Menschen gepflegt und weitergeführt. „Der Weg nach innen ist der Weg nach außen“ – beginnen muss dieser „weglose Weg“ jeweils mit der Selbst-Wahrnehmung. Eckhart würde sagen: „nim din selbes war“

„Zen zu praktizieren bedeutet, das Licht in uns zum Leuchten zu bringen … Wir suchen im Zen nicht die Wahrheit, die uns irgendjemand irgendwo gegeben hat – wir begreifen und verstehen stattdessen: dass die Wahrheit, nach der wir suchen, schon längst in uns brennt wie ein Licht und nur bewusst ‚wahr‘-genommen zu werden braucht. Wir müssen sie nur entdecken.“… Der Berliner Politikwissenschaftler und Yoga-Lehrer Hans-Peter Hempel zeigt auf, was Zen für die Menschen im 21. Jahrhundert sein kann. Diese Wahrheit hat Eckehart von Hochheim, genannt Meister Eckhart, Jahrhunderte früher aus der Tradition der Mystik inhaltlich sehr ähnlich formuliert. „In uns existiert etwas, das eins ist mit Gott und nicht vereint, deshalb soll der Mensch sich nicht genügen lassen an einen gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben. Niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Ich kommt, ob man es nun merkt oder nicht. Darum fang zuerst bei dir selbst an und lass dich.“

Seit jeher üben die Worte dieses mittelalterlichen Mystikers eine enorme Faszination auf all jene aus, die auf der Suche nach ihrem individuellen „weglosen Weg“ sind, wie Eckhart es formuliert.

Wer war Meister Eckhart?
Obwohl es eine umfangreiche Forschung zu Meister Eckhart gibt, sind viele Details noch unbekannt. Als sicher gilt wohl dies: Um 1260 geboren, ist Eckhart schon jung mit den Erfurter Dominikanern in Kontakt gekommen. Er studiert in Paris und Köln und wird Prior des Erfurter Klosters. In Köln wie in Paris predigt er immer wieder vor Dominikanerinnen und Beginen. In Paris hat er wohl den „Spiegel der einfachen Seelen“, ein Buch von der Begine Marguerite Porete, zur Kenntnis genommen. Dieses Buch sowie dessen Autorin wurden nach kirchlicher Verurteilung verbrannt.

Von 1303 bis 1311 leitet Meister Eckhart die damals neu geschaffene Dominikanerordensprovinz Saxonia. Bis 1322 wirkt er als Vikar des Ordensgenerals in Straßburg. Ab 1323 lehrt Eckhart am Studium Generale der Dominikaner in Köln, wo er unter Druck des Kölner Erzbischofs Heinrich von Virneburg gerät. Der lässt die Schriften Eckharts auf ihre „Rechtgläubigkeit“ untersuchen. Am 27. März 1329 werden schließlich durch Papst Johannes XXII. 17 Passagen aus den Werken Eckharts als irrig und häretisch verurteilt. Eckhart selbst erlebt dies nicht mehr, er ist im April 1328 verstorben, vermutlich auf dem Weg nach Avignon, wo er sich noch vor dem Papst rechtfertigen wollte. Überliefert sind uns viele seiner Traktate und Predigten, weil Ordensfrauen und Beginen sie mitschrieben und so für die Nachwelt erhielten. Als sicher gilt inzwischen, dass Eckhart viele dieser Texte selbst autorisiert hat. Über lange Zeit war sein Denken durch die Verurteilung des Papstes, die bislang nicht revidiert wurde, einem Mit-Denkverbot unterworfen. Wenn Zitate aus seinen Schriften genommen wurden, ließen die Theologen den Namen Eckharts weg, damit sie nicht ebenfalls in den Sog seiner Verurteilung gerieten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine Renaissance der Gedanken Eckharts, belegt beispielsweise durch die Bearbeitung seiner Mystischen Schriften durch den Anarchisten Gustav Landauer und Martin Buber sowie Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“.

Wie seine Schüler Johannes Tauler und Heinrich Seuse steht auch Eckhart in der Traditionslinie von Platon (ca. 427-347 v.u.Z.), vom spätantiken Philosophen Proklos (311-485), von Plotin (um 205-270) und Dionysius Areopagita (um 550). Aber auch in der von Augustinus (354-430), Dominikus (ca. 1170-1221) und Thomas von Aquin (ca. 1225- 1274). Zeitlich fast parallel dazu waren innerhalb des Buddhismus in Japan die Rinzai-Schule (Eisai /1141-1215) – und die für die Parallelen zu Eckhart bedeutendere Soto-Schule (Dogen / 1200- 1253) entstanden.

Leerheit, Soheit, absolutes Jetzt
Was sind die Themen, um die es Eckhart in seinen Predigten und Traktaten immer wieder geht? Von der „Leerheit“ spricht der Mystiker, von zeitloser Zeit, von der „Ist-heit“, der „So-heit“ und „Wesenheit“, vom „absoluten Jetzt“, vom „Nun“ … Von allen verstanden zu werden, gelingt eher seinem Schüler, dem „Lebemeister“ Johannes Tauler, als dem „Lesemeister“ Eckhart selbst. Dem Vorwurf, schwer verständlich zu sein, begegnete er mit Sätzen wie: „Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen.“ Es geht Eckhart nicht nur darum, die Ratio, den Verstand des Menschen zu erreichen. Er will ihm vielmehr den Weg ebnen, sich in seiner Ganzheit und seiner Einheit mit Gott zu erkennen und anzunehmen.

Im Denken seiner Zeit verhaftet, benutzt Eckhart Begriffe wie „Gott“ ganz selbstverständlich. Doch er weitet sie gleichzeitig aus und belässt sie nicht in ihrer von der römischen Kirche dogmatisch geprägten Engführung. Denn wie Dionysius Areopagitas und andere weiß Eckhart um die Bedeutung des Unbeschreiblichen der eigenen Erfahrung. Gegen die festgelegten Ordnungen von Dogmen und Institutionen setzte er die lebendige Erfahrung – nur letztere führt zum Entscheidenden: Alle von Menschen festgeschriebenen Unterscheidungen werden überwunden, und es tut sich die intensive Erfahrung der Einheit des Ichs mit allem Sein auf.

Der Verstand, der nicht versteht
Im Zen geht es ebenfalls darum, sich selbst auf den „weglosen Weg“ zu machen, sich einzulassen auf die Ur-Kraft, die aus der eigenen Erfahrung erwächst: „Sich selbst erfahren heißt, sich selbst vergessen, sich selbst vergessen heißt, sich selbst wahr- zunehmen in allen Dingen. Dieses Erkennen ist das Abfallen von Geist und Körper“, heißt es bei Dogen, dem Zen-Patriarchen. Und Hui-Neng formuliert: „Denke nicht an Gutes, denke nicht an Böses, sondern sieh, was in diesem Augenblick dein eigenes, ursprüngliches Aussehen ist, das du schon hattest vor deiner Geburt“. Negative Aussagen über die Wahrheit sind für diese Tradition typisch. Wenn Ashvagosha von der So-, Ist- oder Wesenheit spricht, ist der Weg nicht weit zu der Tradition der negativen Theologie, die Eckhart teils übernommen hat: „ … das über dem geschaffenen Sein der Seele ist und das kein Geschaffensein rührt, das ja nichts ist“ – über „das“, das zur transzendenten Welt führt, lässt sich kaum anders reden. Wie heißt es doch in dem Zen-Paradoxon: „Der Verstand, der nicht versteht, das ist Buddha. Es gibt keinen anderen“.

„Wir schauen es, doch sehen es nicht. Es ist unsichtbar. Wir hören es, doch horchen es nicht. Es ist unerhochbar. Wir fassen es, doch erfassen es nicht. Es ist unerfassbar“, hatte Lao-Tse im 14. Spruch des Tao Te King geschrieben. Zen, die Erfahrung des Selbst in seiner Unmittelbarkeit, ist ebenfalls unbeschränkt, offen und weit. Zen überschreitet jene letzten Grenzen, die gesetzt werden, hebt damit die falschen Dualismen zwischen Innen und Außen auf und entzieht sich gleichzeitig allen Versuchen, es in abstrakte Begriffe, in erläuternde Formulierungen oder Redewendungen zu bringen, die über das Un-Sagbare der Wahr-Nehmung einen Deckel des scheinbaren Verstehens stülpen.

Zen, die Brücke
„Die Menschen der Zukunft werden ‚Erwachte‘ sein. Dann haben sich Religionen zu Wegen in die Erfahrung der Wirklichkeit verwandelt. Zen kann dabei eine wichtige Rolle spielen, weil es von seinem Wesen her transkonfessionell ist“, sagt der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger. Und er begegnet hier Taisen Deshimaru, dessen Fazit lautet: „Durch die Stille, das Ende des Denkens, aller Worte, aller Spekulation, durch das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes wird Gott im Menschen immanent. Er kehrt zurück zu Gott, der Urkraft, es vereinigt sich, was vormals schon eins war.“

„Nim din selbes war“ – das Wort Meister Eckharts lädt ein, sich auf jenen Weg nach innen zu machen, der zum Weg nach außen wird. Eckhart hat – wie auch andere Mystiker – keine konkrete Methode, keine praktischen Vorschläge für die Realisierungen seiner Gedanken gepredigt. Hier kann Zen eine Brücke schlagen. Ganz still – hier und jetzt. Der Politologe und Yoga-Lehrer Hans-Peter Hempel ist davon überzeugt: „Wenn wir alle nur im Verlaufe des Tages ein paar Minuten im stillen Sitzen ‚da‘-sein können, dann reicht das schon aus, um uns unserer Buddha-Natur, unseres ureigenen Potenzials bewusst zu werden.“

Werner Anahata Krebber

Die „Mystischen Schriften“ von Meister Eckhart, die Gustav Landauer herausgegeben hat, gibt es hier online:

http://www.archive.org/stream/mystischeschrift00eckhuoft#page/n5/mode/2up

Siehe auch hier:

https://mystikaktuell.wordpress.com/2010/10/31/zwei-mystische-schriften-meister-eckharts/

Die Seele auf der Suche nach Gott / Post 1.500

Die Gott um Lohn mit äußeren Werken dienen, denen soll mit geschaffenen Dingen wie Himmelreich und himmlischen Dingen gelohnt werden. Die aber Gott mit innerlichen Werken dienen, denen soll mit dem gelohnt werden, was ungeschaffen ist, das heißt mit den Werken der heiligen Dreifaltigkeit!

Nun pass auf. Zerginge das Feuer, so wäre kein Licht; zerginge die Erde, so wäre kein Leben; zerginge die Luft, so wäre keine Liebe; zerginge das Wasser, so wäre kein Raum. Darum ist Gott nicht Licht noch Leben noch Liebe noch Natur noch Geist noch Schein noch alles, was man in Worte fassen kann. Es ist Gott in Gott, und Gott ist aus Gott geflossen, und Gott befindet sich in sich selbst als Gott und befindet sich in all seinen Kreaturen als Gott und befindet sich insbesondere in einer edeln Seele. Der Vater ist allgewaltig in der Seele, der Sohn allweise, der heilige Geist allliebend in der Seele, und er liebt alle Kreaturen in gleicher Liebe. Er zeigt sich ihnen aber ungleich, und dazu ist die Seele geschaffen, dass sie es erkennen soll, wie es ist, und sich in die Reinheit des grundlosen Brunnens göttlicher Natur versenken soll und da wie eins werden mit Gott, so dass sie selbst sagen könnte, sie sei Gott. So abgezogen sollte die Seele in sich selbst sein, dass sie keine gemachten oder genannten Dinge in sich bilden kann, und sollte so entblößt in sich selbst sein, wie Gott aller Namen entblößt ist, und sollte sich über sich selbst in ihren Gott erheben und sich mit ihrem Gott für ihren Gott halten; denn Gott ist weder weiß noch schwarz noch groß noch klein; er hat weder Raum noch Vergangenheit noch Zukunft, und die Seele ist ihm nur insofern gleich, als sie sich über alle Geschaffenheit hinwegsetzen kann.

Die Seele ist eine Kreatur, die alle genannten Dinge empfangen kann, und ungenannte Dinge kann sie nur empfangen, wenn sie so tief in Gott empfangen wird, dass sie selbst namenlos wird. Und das kann dann niemand wissen, ob Gott sie oder sie Gott ergriffen habe. Dionysius sagt, dass Gott sich selbst in ihr begriffen habe und sie so ganz in sich zieht, dass sie in sich selbst nichts mehr ist als Gott. Zu dieser Erkenntnis ist die Seele geschaffen, dass sie mit einem Erguss göttlicher Herrlichkeit in den Grund des grundlosen Brunnens zurückfließen soll, woher sie geflossen ist, und erkennen soll, dass sie an sich selbst nichts ist. Das Wahrste, das uns zugehört, das ist, dass wir erkennen, dass wir von uns selbst aus nichts sind und dass wir nicht wir selbst sind.

Gott hat alle Dinge für sich selbst getan und hat die Seele sich gleich gemacht, damit sie über allen Dingen, unter allen Dingen, in allen Dingen und außerhalb aller Dinge sein könne und doch ungeteilt in sich selbst bleibe. Doch steht sie auf höherer Stufe, wenn sie in der Wüstung verharrt, wo sie nichts ist und wo kein Werk ist. Sankt Dionysius sagt: Herr, ziehe mich in die Wüste, wo du nicht gebildet bist, damit ich in deiner Wüste alle Bilder verliere. Wenn die Seele so über alle Dinge hinausgegangen ist, so spricht sie: Herr, ziehe mich in die Gottheit, wo du nichts bist, denn alles, was etwas ist, halte ich nicht für Gott. Ihren freien Willen gibt sie Gott und wirft sich in ihre Nacktheit und spricht: Herr, ziehe mich in die Finsternis deiner Gottheit, auf dass ich in der Finsternis all mein Leben verliere: Denn alles, was man offenbaren kann, halte ich nicht für Licht. Sie wird so mit Gott vereinigt, dass sie mehr Gott wird, als sie an sich selbst ist. Etwas von Gott ist Gott ganz und gar, und etwas von ihm birgt sein ganzes Wesen. Darum ist er in der niedrigsten Kreatur ebenso vollkommen wie in der obersten. Ein Gleichnis: Der kleinste Zapfen am Fass verschließt alles was darin ist ebenso gut wie der größte. Darum ruht sein Begreifen auf seiner väterlichen Kraft. Er begreift sich in sich selbst in allen Kreaturen. Und das Begreifen hat er verhüllt mit dem Gewande der Dunkelheit, dass ihn keine Kreatur so begreifen kann, wie er sich selbst in sich selbst begreift. Was die Seele im Licht begreift, das verliert sie in der Dunkelheit. Und doch trachtet sie nach der Dunkelheit, weil sie das Dunkel wegsamer dünkt als das Licht. Allda verliert sie sich und das Licht in der Dunkelheit.

Die Kraft, die die Seele zum Ziel bringt und sie aus sich selbst ohne ihr Zutun hinausführt, ist Gott. Ich berühre das Münster, ich führe es aber nicht hinweg. Dass wir Gott Materie, Form und Werk beilegen, geschieht um unserer groben Sinne wegen. Die Meister sagen: Ein Licht erleuchtet nicht und hat weder Form noch Materie und ist doch Kreatur. Wer Gott kennen will, wie er ist, der muss aller Wissenschaft entledigt sein. Wo Gott weder Zeit noch Wesen hat, da ist er ungenannt.

Nun pass auf, wann der Mensch alle Kreatur ist. Wenn er ihrer aller Kraft in sich hat. Wenn der Mensch mit den äußeren Sinnen alle körperlichen Dinge erkennt und sich dann abscheidet und doch ohne Berührung darin bleibt, und wenn er mit den inneren Sinnen alle geistigen Dinge erkennt und sich dann ebenfalls abscheidet und ohne Berührung darin bleibt: Dann erst ist der Mensch alle Kreatur, und dann erst ist er zu seiner Natur gekommen und ist bereit, in Gott zu gehen. Dass wir Gott nicht finden, das kommt daher: Wir suchen ihn mit Gleichnissen, während er doch kein Gleichnis hat. Alles, was die Schrift beibringen kann, ist mehr ihm ungleich als ihm gleich. Darüber sagt Origenes, dass die Seele Gott erforschen will, das kommt von ihrem vielen Beobachten. Erkennte sie sich selbst, sie erkennte auch ihren Gott. Dass sich die Seele bildet und ihren Gott bildet, das kommt bei ihr davon, dass sie zu viel beobachtet. Wenn sie in die Gottheit versinkt, da geht ihr alles Beobachten verloren.

Darüber sagt Dionysius zu Timotheus: Mein Freund Timotheus, wirst du des Geistes der Wahrheit gewahr, so geh ihr nicht mit menschlichen Sinnen nach, denn er ist sehr geschwinde: Er kommt als ein Sausen. Man soll Gott suchen mit Fremdheit, mit Vergessenheit und mit Unsinnen, denn die Gottheit hat die Kraft aller Dinge in sich und hat in keinen Dingen ihresgleichen. Dionysius sagt, die Seele hat ihre Kräfte auf ihr nacktes Wesen geworfen, so dass die oberste Kraft allein wirkt. Darüber sagt ein Meister: Wenn die oberste Kraft über die Werke die Oberhand gewinnt, so gehen die anderen alle in sie und verlieren ihr Werk, und dann steht die Seele in ihrer richtigen Ordnung und in ihrem nackten Wesen, und ihr nacktes Wesen ist ihre emporgezogene Klarheit, die hat aller Dinge Kraft in sich. Darum sagt ein Meister: Erkennte die Seele sich selbst, so erkennte sie alle Dinge.

Gott fließt in sich selbst zurück, so dass er aller Kreaturen so wenig achtet, als er tat, wie sie nicht waren. So soll auch die Seele tun. Die soll mit dem Menschtum die Person des Sohns begreifen und mit der Person des Sohns den Vater, und den heiligen Geist in ihnen beiden und sie beide in dem heiligen Geist und soll mit der Person des Vaters das einfache Wesen begreifen und mit dem Wesen den Abgrund und soll in dem Abgrund versinken ohne Materie und Form. Materie, Form, Verstand und Wesen hat sie in der Einheit verloren, denn sie ist an sich selbst zunichte geworden: Gott wirkt alle ihre Werke, er hält sie in seinem Wesen und führt sie in seiner Kraft in die bloße Gottheit. Da fließt sie mit der Gottheit in all das, worin Gott fließt. Sie ist aller Dinge Ort, und sie hat selbst keinen Ort. Dies ist der Geist der Weisheit, die weder Herz noch Gedanken hat.

Aus: Meister Eckharts mystische Schriften. Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. Berlin, 1903

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Werner Anahata Krebber