Mystiker und Wirklichkeit

Sich von geliebten Dingen und geliebten Gedanken zu lösen, fordern fast alle mystischen Lehrer. Dass die Welt mit ihren Bindungen und Konfrontationen nicht mehr wichtig sein dürfe, sobald es um Gott geht, ist ohnehin eine Grundüberzeugung christlicher Lebenslehre. Man könnte deshalb annehmen, die Mystiker seien nicht an der Wirklichkeit interessiert und würden sich ihr so wenig wie möglich aussetzen. Im Sinne eines spirituellen Leitbildes hielten das wohl auch die meisten für die richtige Haltung. Die historischen Zeugnisse und die Texte der Mystiker zeigen jedoch auch das genaue Gegenteil. Eine spezifische Lebens- und Charakterprägung durch Mystik zu vermuten, ist offenbar falsch. Sich einzumischen, besonders wenn es um Bildungs- und Kulturpolitik ging, schien auch Mystikern nötig; mit Kirchenpolitik waren sie unter Umständen ohnehin amtlich befasst. Diese „Öffentlichkeitsarbeit“ konnte durchaus in ein Spannungsverhältnis zur Aussage der mystischen Texte geraten.

Uta Störmer-Caysa: Einführung in die mittelalterliche Mystik. Leipzig/Stuttgart 1998, 2004, S. 1o-11

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