Er hat mich gesucht

Am Anfang täuschte ich mich in vierfacher Hinsicht.
Ich trachtete ganz und gar danach, Gott zu gedenken, Ihn zu erkennen, Ihn zu lieben, Ihn zu finden.
Als ich da angelangt war, sah ich, dass Er sich meiner erinnert hatte, bevor ich Ihn erinnert habe, dass Seine Kenntnis von mir meiner Kenntnis von Ihm vorausgegangen war, dass Seine Liebe zu mir vor meiner Liebe zu Ihm bestanden hatte, und Er mich gesucht hatte, bevor ich ihn gesucht habe.

Bâyezîd Bistâmî (9. Jh.u.Z.)

Das Leben selbst: Erfahrung

Wir sind seit Jahrhunderten darin geübt,
die Erfahrung durch die Kenntnis zu ersetzen.
Und leben in einer Ersatzwelt.
In der nichts anderes ersetzt wird
als das Leben selbst, eben: die Erfahrung.

Hugo Kükelhaus  (1900 – 1984)

Mit Schmerz tun Wir kund…

“Fürwahr, mit Schmerz tun Wir kund, daß in dieser Zeit einer aus deutschen Landen, Eckhart mit Namen, und, wie es heißt, Doktor und Professor der Heiligen Schrift, aus dem Orden der Predigerbrüder, mehr wissen wollte als nötig war, und nicht entsprechend der Besonnenheit und nach der Richtschnur des Glaubens, weil er sein Ohr von der Wahrheit abkehrte und sich Erdichtungen zuwandte. Verführt nämlich durch jenen Vater der Lüge, der sich oft in den Engel des Lichtes verwandelt, um das finstere und häßliche Dunkel der Sinne statt des Lichtes der Wahrheit zu verbreiten, hat dieser irregeleitete Mensch, gegen die helleuchtende Wahrheit des Glaubens auf dem Acker der Kirche Dornen und Unkraut hervorbringend und emsig beflissen, schädliche Disteln und giftige Dornsträucher zu erzeugen, zahlreiche Lehrsätze vorgetragen, die den wahren Glauben in vieler Herzen vernebeln, die er hauptsächlich vor dem einfachen Volke in seinen Predigten lehrte und die er auch in Schriften niedergelegt hat.”

So steht es in der Bulle “In agro dominico” vom 27. März 1329, mit der Papst Johannes XXII. herging und 28 Lehrsätze von Meister Eckhart verurteilte.

Die Dominikaner selbst sagen 1992 im Dokument einer eigens eingesetzten Kommission, „dass eine ‘Rehabilitierung’ Eckharts im juristischen Sinne sich erübrigt, da Eckhart ja nicht verurteilt wurde“. Klarer noch ist der Straßburger Erzbischofs Josef Doré, der am 31. 3. 2006 sein „Bedauern“ darüber aussprach, „dass gegen Ende von Meister Eckharts Leben das Predigen in der Volkssprache schärfstens verurteilt wurde, als ob das einfache Volk kein Recht darauf hätte, die Botschaft des Evangeliums in einer Sprache zu empfangen, die ihm verständlich ist“. Aus seinem „Bedauern“ leitet er den Aufruf ab: „Möge uns Meister Eckhart durch sein Beispiel dazu anregen, unermüdlich eine Synthese anzustreben zwischen auch noch so anspruchsvoller intellektueller Forschung und ihrer Übersetzung in eine Sprache, die von der großen Mehrheit verstanden wird, eine Synthese zu suchen zwischen solidester Kenntnis, was den Glauben betrifft, und aufmerksamer Führung der Christenheit“.

Mehr dazu hier
http://www.eckhart.de/index.htm?bulle.htm

Und hier:

http://www.meister-eckhart.org/meister-eckhart/20-zur-verurteilung-eckharts

Aber: wäre es nicht richtiger, wie Gustav Landauer zu sagen: „Meister Eckhart ist zu gut für historische Würdigung; er muss als Lebendiger auferstehen“?

Siehe hier:

http://meistereckhart750.wordpress.com/2010/06/10/das-vorwort-gustav-landauers/

Er ist unser wahres Selbst

Gott ist weder bekannt, noch unbekannt, sondern etwas viel Höheres. Er ist eins mit uns, und das, was eins mit uns ist, kann weder bekannt, noch unbekannt sein, weil es unser eigenes Selbst ist. Man kann sein eigenes Selbst nicht kennen, man kann es nicht aus sich herausstellen und zu einem Objekt der Anschauung machen, weil wir es sind und uns nicht davon absondern, trennen können. Aber man kann auch nicht sagen, dass wir es nicht kennen, denn was kennen wir besser als unser eigenes Selbst, das Zentrum all unserer Kenntnis? In genau dem gleichen Sinne ist Gott weder bekannt, noch unbekannt, sondern unendlich viel mehr als beides: Er ist unser wahres Selbst.

Swami Vivekananda (1863 – 1902)