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Gewahrsein in allen Aspekten des Lebens

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Das wirkliche Selbst

Ihr Ego ist in der Welt, aber die Welt ist in Ihrem Selbst. Bleiben Sie als Selbst hier und jetzt, und sehen Sie: In Ihrer Wahrnehmung ziehen Wolken vorbei, und das alles sind Sie. Die Sonne scheint in Ihrem Bewusstsein, und das alles sind Sie. Die Vögel fliegen durch Ihren weiten Geist, und das alles sind Sie. Sie – als das wirkliche Selbst – sind nicht im geringsten in der Welt, sondern die Welt fließt durch Sie, in Ihnen, und Sie heißen all das willkommen. In Ihrem Sein entsteht die Welt, und Sie sind voll Leidenschaft und Mitgefühl eins mit jedem ihrer Bewohner, sanft, in einer einzigen Geste, dieses eine Selbst, das nur Sie sind, zeitlos und ewig. Es ist immer so gewesen, und Sie haben es schon immer gewusst. Sie sind das Selbst, hier und jetzt, sind Zeuge, wie die Welt in Ihnen entsteht, strahlend bis in die Unendlichkeit. Das ist immer so gewesen, und Sie haben es immer gewusst. Es ist selbst jetzt so, und selbst jetzt ist es Ihnen bereits bewusst.

Ken Wilber (*1949)

Den Geist sehen

Die große und geheime Botschaft der Erfahrungsmystiker in aller Welt lautet, dass man mit dem Auge der Kontemplation den GEIST sehen kann. Mit dem Auge der Kontemplation kann man Gott sehen. Mit dem Auge der Kontemplation entfaltet sich strahlend das große Innere. Und immer ist das Auge mit dem man Gott sieht, dasselbe Auge mit dem man von Gott gesehen wird: das Auge der Kontemplation.

Ken Wilber (*1949)

Zeitlos und raumlos

Dinge entstehen im Gewahrsein, bleiben eine Weile und verschwinden wieder, kommen und gehen. Sie entstehen im Raum und bewegen sich in der Zeit. Aber der reine Zeuge kommt und geht nicht. Er entsteht nicht im Raum und bewegt sich nicht in der Zeit. Er ist, wie er ist; er ist allgegenwärtig und unveränderlich. Er ist kein Objekt da draußen, weshalb er auch niemals in den Strom der Zeit, des Raums, von Geburt und Tod eintritt. All dies sind Erfahrungen, Objekte, die kommen und gehen.
Aber das eigentliche Selbst kommt und geht nicht; es tritt nicht in diesen Strom ein. Man ist all dessen gewahr, weshalb man nicht darin verstrickt ist. Der Zeuge gewahrt den Raum, gewahrt die Zeit und ist deshalb frei von Raum, frei von Zeit. Er ist zeitlos und raumlos, die reinste Leere, in der Zeit und Raum ihren Auftritt haben.

Ken Wilber (*1947)

Aufbruch in die Zukunft

Ken Wilber klingt in seiner großartigen zeitgenössischen Synthese, „A Brief History of Everything“, wie ein Thomas von Aquin oder ein Bonaventura des Postmodernismus. Er kommt zu dem Schluss: „Alles ist ein Holon.“ – also etwas das einerseits in sich selbst völlig heil und ganz und zugleich Teil eines größeren Ganzen ist. Er zeigt in ausführlicher Weise (s. Sex, Ecology, Spirituality, Shambala, 1995) auf, dass in den Welten der Physik, der Biologie, der Psyche und der Spiritualität alles ein „Holon“ ist. Es ist tatsächlich ein Universum, in dem alles sinnhaft verbunden ist. Und im Bezug auf die Arroganz des Modernismus und den Zynismus der Postmoderne fügt Wilber schlicht hinzu: „Es gibt kein privilegiertes Zeitalter. Morgen sind wir alle dran.“ Er erinnert uns daran, und bestätigt damit die ursprünglich katholische Tradition, dass sogar unsere kurze Lebenszeit ein Holon ist, ein kleines Kettenglied, das zu etwas Größeren gehört. Ein „großer Katholik“ – einer, der die ganze Tradition umfassen kann – würde das den „kosmischen Christus“ nennen, für den es weder eine Institution, noch einen Zeitpunkt, noch irgendeine angemessene Ausdrucksform gibt. Als am Ende von Virgils Aeneis Aeneas das brennende Troja verläßt, trägt er seinen Vater auf den Schultern, hält seinen Sohn an der einen Hand und umklammert mit der anderen seine Götter(statuen). So tragen wir alle, wenn wir in die Zukunft aufbrechen, die Vergangenheit mit uns, und halten dabei das Künftige und unseren Gott in den Händen – oder es wird überhaupt keinen Aufbruch in die Zukunft geben.

Richard Rohr bezieht sich auf eine Idee über Entstehung, Entwicklung und Ordnung des Universums, die schon bei Platon vorhanden war. Unter der Bezeichnung „The Great Chain of Being / Die große Kette der Wesen“ hat sie die westlichen Wissenschaften und Philosophie über weite Strecken entscheidend geprägt. Den ganzen Artikel gibt es hier:
http://akdach.net/radical-grace-artikel/102-die-grosse-kette-der-wesen

Herrlichkeit des Urgrundes

Man kann und muss den Geist in allen drei Sprachen beschreiben, der Ich-, der Wir- und der Es-Sprache. Jeder dieser drei Bereiche entwickelt sich. Damit ist gemeint, dass jeder von ihnen seine spirituelle Natur immer weiter entfaltet und dadurch diese seine spirituelle Natur immer mehr verwirklicht. In den höchsten Regionen dieser Evolution werden das Ich, das Wir und das Es immer mehr für ihre eigene wahre Natur transparent. Sie strahlen die Herrlichkeit des Urgrundes aus, der sie sind. In diesem leuchtenden Gewahrsein wird jedes Ich zu einem Gott, wird jedes Wir zu Gottes aufrichtigster Verehrung, wird jedes Es zu Gottes anmutigstem Tempel.

Ken Wilber (*1947)