Die Buddhanatur begreifen

Die sogenannten primitiven Völker haben sich die tiefen Schichten des Gehirns aktiv erhalten. Indem wir unsere Art von Zivilisation entwickelt haben, haben wir zwar den Intellekt geschult, verfeinert und verkompliziert, aber die mit dem Inneren Kern des Gehirns verbundene Kraft, Intuition und Weisheit vergessen. Gerade aus diesem Grund ist Zen ein unschätzbarer Wert für den Menschen von heute, zumindest für denjenigen, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören. Durch die regelmässige Übung von Zazen wird ihm die Chance gegeben ein neuer Mensch zu werden und zum Ursprung des Lebens zurückzukehren. Er kann den normalen Zustand des Körpers und Geistes (die eins sind) erlangen, indem er das Sein an der Wurzel packt.
Beim Sitzen in Zazen lässt man die Bilder, die Gedanken, die geistigen Gebilde, die aus dem Unterbewussten auftauchen, vorbeiziehen wie Wolken am Himmel – ohne sich ihnen zu widersetzten, ohne sich an sie zu klammern. Wie Schatten vor einem Spiegel zieht alles vorbei, was aus dem Unterbewusstsein ausströmt, kehrt wieder und zerrinnt. Man gelangt zum tiefen Unbewusstsein, ohne Gedanken, jenseits allen Denkens, zur wahren Reinheit.
Zen ist sehr einfach und gleichzeitig sehr schwer zu verstehen. Es ist eine Sache der Anstrengung und Wiederholung – wie das Leben. Wenn beim Sitzen ohne Umschweife, ohne Zweck- und Profitstreben die Haltung, die Atmung und die Geisteshaltung in Harmonie miteinander sind, dann versteht man das wahre Zen, dann begreift man die Buddhanatur.

Taisen Deshimaru (1912 – 1982)

Kunst der Wandlung

Spiritualität ist die Kunst der Wandlung. Wir dürfen uns nicht zur Veränderung zwingen, indem wir unser Leben in eine vorgefestigte Schablone hämmern. Ja, wir brauchen uns überhaupt nicht der Idee eines vorbestimmten Programms oder Lebensplans unterwerfen. Wir sollten uns vielmehr in der ungewohnten Kunst üben, auf den inneren Rhythmus unserer Tage und unseres Lebens zu achten. Diese Achtsamkeit schenkt uns ein neues Bewusstsein unserer eigenen menschlichen und göttlichen Gegenwart. …

Es ist weitaus kreativer, nach dem Ideal der Achtsamkeit als nach dem Diktat des Willens zu arbeiten. Allzu häufig versuchen die Menschen, ihr Leben dadurch zu verändern, dass sie es mit einem eisernen Willen in die erwünschte Form hämmern. Der Intellekt identifiziert das Ziel des jeweiligen Programms, und der Wille zwingt das Leben in die entsprechende Richtung und Gestalt. Diese Methode, an die Heiligkeit des eigenen Daseins heranzutreten, ist nicht nur brutal, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich. Sie zerrt uns aus unserem eigentlichen Selbst heraus, und die Folge ist oft genug, dass wir jahrelang in der Wildnis unserer mechanischen „spirituellen Programme“ umherirren. Es ist möglich, dass wir hier an einem seelischen Hungertod sterben, den wir selbst verursacht haben.

Sobald wir dagegen anfangen, mit einem anderen Rhythmus zu arbeiten, gelangen wir schnell und mühelos heim zu unserem Selbst. Unsere Seele kennt die geographischen Gegebenheiten unseres Schicksals ganz genau. Nur sie besitzt die Landkarte unserer Zukunft, un deshalb können wir dieser indirekten, abgewandten Seite unserer selbst unbesorgt vertrauen. Wenn wir ihr vertrauen, wird sie uns genau an unser vorbestimmtes Ziel führen – aber wichtiger noch: sie wird uns einen sanften, zwanglosen Rhythmus für unsere spirituelle Reise lehren. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln für diese „Seinskunst“. Doch die Signatur dieser einzigartigen Wanderung ist tief in jede individuelle Seele eingeschrieben. Wenn wir auf unser Selbst achten und danach streben, in unserer eigenen Gegenwart zu verweilen, werden wir genau den richtigen Rhythmus für unser Leben finden.

John O´Donohue (1956 – 2008) in Anam Cara (Das Buch der keltischen Weisheit)

http://www.johnodonohue.com/

Wissen vs. Weisheit

Es gibt zwei miteinander verbündete Kräfte im Menschen, das Wissen und die Weisheit:
Wissen ist gerade so viel von der Wahrheit, wie der Intellekt durch sein Herumtasten in einem verzerrten Medium zu sehen vermag.
Weisheit ist das, was das Auge der göttlichen Schau im Geist sieht.

Sri Aurobindo (1872 – 1950)