Die Sonne auf die Erde holen

Pieter Bruegel der Ältere. Der Alchemist (1558) als Kupferstich von Philipp Galle / Bild: wikimedia ~ gemeinfrei

Die Idee der Alchemisten war doch,
das Gold im Innern zu wandeln.
Das Herzorgan, das Zentralorgan,
die Sonne auf die Erde zu holen,
das ist die Grundidee.

Joseph Beuys, 1982

Möglichkeit das All umfassender Erleuchtung

Was ist Mystik? Mystik, ich bin geneigt, das deiktisch einzuführen, sind Texte, denen es an wesentlicher Stelle immer wieder darum geht…, dass das Große und das Kleine sich vielleicht nicht so arg unterscheiden, dass das Ein und das Alles eins sind, Texte, die Paradoxe lieben, die mit der Idee liebäugeln, dass an entscheidender Stelle nicht etwas (oder: Etwas), sondern vielmehr nichts (oder: Nichts) ist, Texte, die etwas gegen die üblichen Vorstellungen von Gelehrsamkeit in Stellung bringen und auf Intuition und die Möglichkeit allumfassender (durchaus: das All umfassender) Erleuchtung setzen, was wieder nicht gelernt, allenfalls an Vorbildern geübt oder irgendwie erfasst wird. Wenn man nun etwa Nikolaus von Kues oder Meister Eckhart liest, stößt man auf Passagen, die dem Daodejing durchaus ähneln…

Laozi: Daodejing. Eine Übertragung von Jan Philipp Reemtsma. München 2017. Hier: Ein paar Bermerkungen hernach S. 106

Bild der Welt und Idee Gottes

Otto Engelhardt-Kyffhäuser, Bildnis Jacob Böhmes, 1924, nach einer alten Zeichnung

Das endende 18. Jahrhundert, dem die Romantik den Charakter gab, hat dann Böhme neu entdeckt und erst ganz eigentlich gesehen. Keiner unserer großen deutschen Romantiker blieb seinem Werk fremd. …

… Welchen Rang Novalis dem Denker zuerkennt, geht etwa daraus hervor, daß er Goethe preist als „den Böhme von Weimar“. Von hier geht er zu Friedrich Schlegel, der ihn ebenso wie Schleiermacher neben Spinoza nennt. Gegenüber Schleiermachers Art aber erkennt Friedrich Schlegel nach seinem Durchgang durch die bildlose Welt der „Reden über die Religion“ in seiner „Rede über die Mythologie“ den mythischen Grundzug der Weltdeutung Böhmes, ohne im einzelnen zu Böhme Stellung zu nehmen. …

… Als ein Mittelgebilde zwischen Dichtung, Offenbarung und Denken, als einen bezeichnenden Ausdruck seines Volkes und seiner Zeit steht uns Böhmes Werk, das größte des deutschen Barock, da. In ihm ereignet sich zum ersten Mal der Versuch der neuen deutschen Seele, sich geistigen Ausdruck zu schaffen in einem Bild der Welt und einer Idee Gottes.

Paul Hankamer (1891 – 1945) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

 

Nicht auf den Finger sehen, wenn wir den Mond betrachten wollen

Foto: © wak

Wenn ein Gemälde oder irgendein anderes Kunstwerk adäquat durch irgendein anderes Medium erklärt oder beschrieben werden könnte, so wäre es nicht nötig, dieses Thema mittels Farbe und Form auszudrücken. Aber Worte können nur in die Richtung eines gewissen Erlebnisses oder einer Idee weisen, die den Beginn oder den Anstoß zur Schaffung eines Kunstwerkes gaben. Und in dieser Weise mögen sie dem Betrachter nützlich sein, einen Zugang zum Kunstwerk zu finden. „Worte sind wie der Zeigefinger, der uns die Richtung weist, in der wir den Mond finden können“, sagte einst ein buddhistischer Patriarch. Aber wir müssen nicht auf den Finger sehen, wenn wir den Mond betrachten wollen.

 Lama Anagarika Govinda (1898 – 1985). Abstrakte Kunst. Auszug aus: Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewusstsein, Freiburg im Breisgau 1977

 

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 11 | Dezember 2020
TITELTHEMA: WEIHENACHT

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Über den Urgrund des Alls

 

Foto: © wal

Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein; nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse. Er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden; also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen. Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (5. Jh.)

 

Die ganze Idee des Mitgefühls…

Foto: Archiv

Die ganze Idee des Mitgefühls
beruht auf dem klaren Bewusstsein
der wechselseitigen Abhängigkeit aller Lebewesen,
die alle Teil voneinander sind
und in Beziehung miteinander stehen.

Thomas Merton (1915 – 1968) in seiner letzten Rede –
zwei Stunden vor seinem Tod, 1968

 

P.S. Merton war Novizenmeister von Ernesto Cardenal, der jetzt im Alter von 95 Jahren gestorben ist.

Mangel an Sein

Foto: © wak

 

Der leidenschaftliche, fanatische Glaube an Ideen und Führer – gleich welche – ist Götzendienst. Er entsteht aus einem Mangel an Mitte, an innerer Aktivität, an Sein. Das gleiche gilt für die große Liebe: Sie wird zum Götzendienst, wenn jemand glaubt, daß der Besitz eines anderen Menschen ihm die Antwort auf sein Leben gibt, ihm Gewißheit schenkt, zu seinem Gott wird.

Erich Fromm (1900 – 1980)

Es wird weder Kommen noch Gehen geben

Fotographik © wak

 

Der erhabene Weg ist in seinem Wesen großmütig.
Er ist weder schwierig noch leicht.
Aber jene mit begrenztem Blick
sind furchtsam und unentschlossen.
Je schneller sie eilen, desto langsamer kommen sie voran.
Und das Anhaften und Greifen
ist nicht auf bestimmte Bereiche begrenzt.
Selbst das Anhaften an die Idee der Erleuchtung
lässt in die Irre gehen.
Lass einfach die Dinge ihren eigenen Weg gehen,
und es wird weder Kommen noch Gehen geben.

Sosan (um 600) in: Shinjinmei – Verse über das Vertrauen in den einen Geist

Der Urgrund des Alls…

Foto: © wak

Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein; nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse. Er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden; also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen. Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (um 500)

Brecht auf ohne Landkarte

Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott; ohne Bescheidwissen über ihn,
ohne Enthusiasmus,
ohne Bibliothek –
geht so auf die Begegnung mit ihm zu.

Brecht auf ohne Landkarte –
und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist,
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden
in der Armut eines banalen Lebens.

Madeleine Delbrêl (1904 – 1964)