Den Seelengrund entzünden

Wie aus vielen Kohlen und Holz ein großes Feuer entsteht und die Flamme nach außen dringt und in die Höhe schlägt, so werden gute Übungen den Seelengrund entzünden.

Dann aber soll man die Bilder bald fahren lassen und mit flammender Liebe durch den mittleren in den allerinnersten Menschen hindurchdringen. Dieser besitzt keine Tätigkeit, denn die Wirksamkeit in ihm ist allein Gottes. Er hält sich auf eigene Tätigkeit verzichtend unter dem Wirken Gottes.

Johannes Tauler (um 1300 – 1361)

An die Tür des Nichts geklopft

Ein Tropfen, der aus einer Regenwolke fiel,
Erschrak vor der Weite der See:
Wer bin ich in der Unermesslichkeit des Ozeans?
Wenn ER ist, dann bin ich in Wahrheit nicht!
Während er sich mit den Augen der Verachtung betrachtete,
Nährte ihn eine Muschel in ihrem Schoß.

Der Himmel lenkte die Geschicke so,
Dass eine berühmte, eine königliche Perle heranwuchs:
Aus der Tiefe stieg er zur Höhe empor
Und klopfte an die Tür des Nichts:
Bis das Sein heraustrat.

Idries Shah (1924-1996)

Was füllt, das rührt an alle Enden

Bei der Wahrheit, die Gott ist: Hast du es auf irgend etwas denn allein auf Gott abgesehen oder suchst du irgend etwas anderes als Gott, so ist das Werk, das du wirkst, nicht dein noch ist es fürwahr Gottes. Worauf deine Endabsicht in deinem Werke abzielt, das ist das Werk. Was in mir wirkt, das ist mein Vater, und ich bin ihm untertänig. Es ist unmöglich, daß es in der Natur zwei Väter gebe; es muß stets ein Vater sein in der Natur. Wenn die anderen Dinge heraus und „erfüllt« sind, dann geschieht diese Geburt. Was füllt, das rührt an alle Enden, und nirgends gebricht es an ihm; es hat Breite und Länge, Höhe und Tiefe. Hätte es Höhe, aber nicht Breite noch Länge noch Tiefe, so würde es nicht füllen. Sankt Paulus spricht: „Bittet, daß ihr zu begreifen vermöget mit allen Heiligen, welches sei die Breite, die Höhe, die Länge und die Tiefe« (Eph.3,18).

Diese drei Stücke bedeuten dreierlei Erkenntnis. Die eine ist sinnlich: Das Auge sieht gar weithin die Dinge, die außerhalb seiner sind. Die zweite ist vernünftig und ist viel höher. Mit der dritten ist eine edle Kraft der Seele gemeint, die so hoch und so edel ist, dass sie Gott in seinem bloßen, eigenen Sein erfaßt. Diese Kraft hat mit nichts etwas gemein; sie macht aus nichts etwas und alles. Sie weiß nichts vom Gestern noch vom Vorgestern, vom Morgen noch vom Übermorgen, denn in der Ewigkeit gibt es kein Gestern noch Morgen, da gibt es (vielmehr nur) ein gegenwärtiges Nun; was vor tausend Jahren war und was nach tausend Jahren kommen wird, das ist da gegenwärtig und (ebenso) das, was jenseits des Meeres ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Von Traurigkeit und Freude

Traurigkeit bringt Tiefe. Freude bringt Höhe. Traurigkeit bringt Wurzeln. Freude bringt Äste. Freude ist wie ein Baum, der sich dem Himmel entgegenstreckt und Trauer ist wie die Wurzeln, die in das Erdinnere hineinwachsen. Beides wird gebraucht – je höher ein Baum wächst, desto tiefer verwurzelt er sich in der Erde. Das ist sein Gleichgewicht.

Osho (1931-1990)

Gefunden habe ich diesen Gedanken hier:
https://blog.lebensraumflow.de/?p=1200

Lebendiges Licht

lichterFoto: © wak

 

Das Licht, das ich sehe, ist nicht räumlich, sondern viel strahlender als eine Wolke, die die Sonne trägt und ich vermag seine Höhe, Länge und Breite nicht zu ermessen. Und es wird mir als Schatten des Lebendigen Lichts bezeichnet. Und wie Sonne, Mond und Sterne im Wasser erscheinen, so strahlen Schriften, Worte, Tugenden und manche Werke der Menschen – in ihm dargestellt – für mich wieder …. Und in demselben Licht erblicke ich zuweilen – nicht oft – ein anderes Licht, das mir als Lebendiges Licht bezeichnet wird. Allerdings bin ich noch viel weniger imstande, auszusagen, wie ich es sehe, als beim vorhergehenden, und doch wird mitunter, während ich es schaue, alle Traurigkeit und aller Schmerz aus meiner Erinnerung genommen, so dass ich mich wie ein einfaches Mädchen verhalte und nicht wie eine ältere Frau.

Hildegard von Bingen (ca. 1098 – 1179)

Zwischen Erde und Himmel

Als guter Chinese glaube ich an den Atem – den Atem inbegriffen, der die Bewegungen der Erde beseelt. Und ich bin dem Atem der Erdbewegungen dafür dankbar, dass er den guten Einfall hatte, die Oberfläche der Erde nicht glatt und platt wie ein Brett zu lassen. Das wäre entsetzlich monoton und langweilig gewesen, entsetzlich ‚platt‘, wie man so treffend sagt. Ich bin ihm also dafür dankbar, dass er das wunderbare Ding ‚Berg‘ hervorgerufen hat – den Berg, der das Leben zur Höhe bringt und auf dem sich der Atem der Erde und der Atem des Himmels besser vermischen können. Aus dem Inneren des Berges entspringt die Quelle, sie fließt hinab, wird breiter und bildet einen Fluss. Berg und Fluss verkörpern dann besser als alles andere die beiden Lebensprinzipien yang und yin. Der Fluss fließt, macht die Ebenen fruchtbar; er symbolisiert auch das Fließen der Zeit, das scheinbar in gerader Linie und ohne Wiederkehr verläuft. Aber nein, die Zeit ist zirkulär und nicht linear: Das Wasser des Flusses verdunstet nach und nach beim Fließen; der Dunst steigt auf, wird zu Wolken und fällt als Regen auf den Berg nieder, um wiederum den Fluss an seiner Quelle zu nähren. Über dem ‚erdnah-nüchternen‘ Fließen in einer Richtung wirkt also eine kreisförmige Bewegung zwischen Erde und Himmel. Der Berg schickt seinen Ruf hinaus zum Meer, das Meer antwortet dem Berg – in diesem Lebensgesetz liegt Schönheit…

Francois Cheng, Fünf Meditationen über die Schönheit, München 2013, S. 52/53

Grundlos tiefer Abgrund

O grundlos tiefer Abgrund, in deiner Tiefe bist du hoch, in deiner Höhe tief! Wie kann das sein? Das ist uns im Abgrund deiner Tiefe verborgen. Doch sagt Sankt Paulus, es soll uns klar werden. In dieser Klarheit ist der Geist über seine Selbstheit, ihn hat die Dreieinigkeit an sich gezogen. Da stirbt der Geist allsterbend im Wunder der Gottheit, denn er hat in der Einheit keine Unterschiedenheit; das Persönliche verliert seinen Namen in der Einheit. Wo der Geist in der Einheit auf nichts beruht, da verliert er in göttlicher Art jedes Mittel. Des Lichts wie der Dunkelheit ist er entledigt, der Materie wie der Form. Ein Fünklein, so nackt, wie es geschaffen ist, ein Nichts von seinem Nichts, das wird vom Etwas seines Nichts eingezogen. Eben das Nichts ist Nacktheit im Wesen der Person, das den Geist wegführt und in die Einheit schweben lässt. In dem Unbegreifen der hohen Einheit, die alle Dinge ausser sich in ihrer Selbstheit vernichtet, ist Eins ohne Unterschiedenheit, und doch ein Etwas, das aus ihrer Selbstheit geschaffen ist. Dieses Eine, das ich hier meine, ist wortlos. Eins und Eins vereint leuchtet da nackt in nackt. Wo die zwei Abgründe in einer Gleichheit schweben, gegeistet und entgeistet, da ist ein hohes Wesen; wo sich Gott entgeistet, da ist Dunkelheit in einer unerkannten bekannten Einheit. Das ist uns verborgen in der Tiefe seiner Stille. Alle Kreaturen ergründen nicht das Etwas. Dass wir uns selbst entsinken, dess freuen wir uns heute, Und danach sollt ihr trachten immerdar, ihr Leute, Und in das Höchste eilen, das ist die Ueberfreude.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Der Tropfen und die Weite der See

Ein Tropfen, der aus einer Regenwolke fiel,
Erschrak vor der Weite der See:
Wer bin ich in der Unermesslichkeit des Ozeans?
Wenn ER ist, dann bin ich in Wahrheit nicht!
Während er sich mit den Augen der Verachtung betrachtete,
Nährte ihn eine Muschel in ihrem Schoß.

Der Himmel lenkte die Geschicke so,
Dass eine berühmte, eine königliche Perle heranwuchs:
Aus der Tiefe stieg er zur Höhe empor
Und klopfte an die Tür des Nichts:
Bis das Sein heraustrat.

Idries Shah (1924-1996)

Höchste Freude: Das Ziel erreichen

Die vor alters ihr Selbst zu wahren wußten, schmückten nicht durch Beweise ihr Wissen auf.
Sie suchten nicht mit ihrem Wissen die Welt zu erschöpfen, suchten nicht mit ihrem Wissen das Leben zu erschöpfen.
Auf steiler Höh‘ weilten sie an ihrem Platz und kehrten zu ihrer Natur zurück.
Was hätten sie auch handeln sollen?
Der Sinn besteht wahrlich nicht aus kleinen Tugenden;
das Leben besteht wahrlich nicht aus kleinen Erkenntnissen.
Kleine Erkenntnisse schädigen das Leben;
kleine Tugenden schädigen den Sinn.
Darum heißt es:
Sich selbst recht machen ist alles.
Höchste Freude ist es, das Ziel zu erreichen.

Zhuangzi (oder auch Dschuang Dsi; ca. 365 – 290 v. u.Z.)

Aus der Tiefe empor

Ein Tropfen, der aus einer Regenwolke fiel,
Erschrak vor der Weite der See:
Wer bin ich in der Unermesslichkeit des Ozeans?
Wenn ER ist, dann bin ich in Wahrheit nicht!
Während er sich mit den Augen der Verachtung betrachtete,
Nährte ihn eine Muschel in ihrem Schoß.

Der Himmel lenkte die Geschicke so,
Dass eine berühmte, eine königliche Perle heranwuchs:
Aus der Tiefe stieg er zur Höhe empor
Und klopfte an die Tür des Nichts:
Bis das Sein heraustrat.

Idries Shah (1924-1996)