Den Kosmos und die Seele erfüllen

Das Bild vom Leben
spricht in schöner
mystischer Übertreibung
und zugleich
durchaus realistisch
von drei Qualitäten,
die allen offen stehen:

  • grenzenlos glücklich,
  • absolut furchtlos,
  • immer in Schwierigkeiten.

Es gibt Menschen,
die das „stille Geschrei“,
das Gott ist,
nicht nur hören,
sondern es auch hörbar machen
als die Musik der Welt,
die den Kosmos und die Seele
auch heute erfüllt.

Dorothee Sölle (1929 – 2003) im Schlusswort des Buches „Mystik und Widerstand“. Freiburg/ Br. 2014, S. 389

Christian Boltanski: Vanitas

Fotos: (c) wak

„Ich möchte, dass man hier die Zeit hören und spüren kann. Die Menschen können viel tun, aber sie können nicht gegen die Zeit kämpfen. Gott ist der Herr der Zeit.“ ~ Christian Boltanski (1944 – 2021)

Christian Boltanskis Installation „Vanitas“ besteht aus zwei Teilen, einem visuellen und einem akustischen. An einer Wand im Raum der Chorkrypta (1181 – 1200) des spätromanischen Salzburger Doms hat er zwölf skizzenhafte, feingliedrige Figuren aus Metallblech befestigt, die von Kerzen angeleuchtet werden. Im flackernden Licht werfen sie Schatten an die Wand, während in der Apsis die Projektion eines schattenhaften Todesengels langsam Kreise zieht. Dazu ertönt beständig wiederholt die automatische Zeitansage.

Das Schattenspiel des Künstlers ist ein moderner „Totentanz“ während dessen Betrachtung hörbar die Zeit verrinnt.

Alles Sichtbare…

Novalis / Freiherr von Hardenberg

Alles Sichtbare
haftet am Unsichtbaren,
das Hörbare am Unhörbaren,
das Fühlbare am Unfühlbaren:
Vielleicht das Denkbare
am Undenkbaren.

Novalis / Freiherr von Hardenberg (1772 – 1801) im „Traktat vom Licht“

Sinn der sichtbar oder hörbar ist

Serge Poliakoff (1899 – 1969) | Foto: © wak

Wir können nicht fragen, was eine einzelne Farbe oder Form in einem abstrakten Gemälde bedeutet: Alles hängt von dem Zusammenhang ab. Dieselbe Farbe oder dieselbe Form kann eine völlig andere Bedeutung annehmen, wenn sie mit anderen Farben und Formen kombiniert wird. Aber wenn wir auch die Bedeutung eines Kunstwerkes nur teilweise in Worte fassen können, so ist dennoch eine Aussage darin enthalten, die weit über alle Worte hinausgeht.

Wir können ein Kunstwerk bis zu einem gewissen Grade beschreiben oder, richtiger, umschreiben, aber wir können es nicht definieren. Dennoch wäre es falsch, daraus zu schließen, daß abstrakte Kunstwerke keinen Sinn hätten. Im Gegenteil: wegen der Tiefe ihrer Natur, der Vielseitigkeit ihres Charakters, können wir sie nicht eindeutig beschreiben oder in Worte fassen. Nur die Gesamtkomposition gibt den Einzelheiten ihren Sinn – einen Sinn, der zwar nicht erklärbar, wohl aber sichtbar oder hörbar ist und damit mehr das Gefühl als den Verstand anspricht. In anderen Worten, Kunst mag nicht erklärbar sein, aber sie muß deshalb nicht sinnlos sein.

Lama Anagarika Govinda (1898 – 1985). Abstrakte Kunst. Auszug aus: Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewusstsein, Freiburg im Breisgau 1977

 Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 11 | Dezember 2020
TITELTHEMA: WEIHENACHT

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