Die Welt bedarf der genialen Heiligen

Foto: Archiv

Es genügt heute nicht, ein Heiliger zu sein; es bedarf der Heiligkeit, die der gegenwärtige Augenblick fordert, einer neuen Heiligkeit, wie es sie früher nie gegeben hat. Ein neuer Typus der Heiligkeit, das ist wie der Ausbruch eines innersten Quells, das ist eine Erfindung. Es ist beinahe so etwas wie eine neue Offenbarung des Weltalls und der menschlichen Bestimmung. Es ist die Freilegung eines weiten Bereiches von Wahrheit und Schönheit, der bis dahin unter einer dicken Staubschicht verborgen war. Hierzu bedarf es eines größeren Genies, als Archimedes es brauchte, um die Mechanik und die Physik zu erfinden. Eine neue Heiligkeit ist eine sehr viel wunderbarere Erfindung.

Nur eine Art von Perversität kann die Freunde Gottes veranlassen, sich dessen zu berauben, dass sie Genie haben; denn um einen Überreichtum an Genie zu empfangen, genügt es, dass sie es im Namen Christi von ihrem Vater erbitten. Dies ist, wenigstens heutigen Tages, eine berechtigte Bitte, denn sie ist notwendig. Ich glaube, dies ist, in dieser Form oder in irgendeiner gleichwertigen, heute die erste Bitte, die man alle Tage, alle Stunden tun sollte, wie ein hungriges Kind immer nach Brot verlangt. Die Welt bedarf der genialen Heiligen, wie eine Stadt, in der die Pest wütet, der Ärzte bedarf.

 Simone Weil in einem Brief an Pater Perrin, 26.5.1942

In: https://www.nootheater.de/menu.html  – Buch der Freunde XXV

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

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Verflossene Tage

Meister Eckhart-Tür an der Predigerkirche in Erfurt    Foto: © wak

 

Die Tage,
die seit sechs oder sieben
Tagen verflossen sind,
und die Tage,
die da waren
vor sechstausend Jahren,
die sind dem heutigen Tage
so nahe wie der Tag,
der gestern war.
Weil die Zeit
in einem gegenwärtigen Nun ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Gott gebe mir die Gelassenheit

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut Dinge zu ändern, die ändern kann
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Nur für den heutigen Tag zu leben,
mich nur des jetzigen Augenblicks zu erfreuen,
meine heutige Not als Weg zu deinem Frieden anzunehmen,
diese sündhafte Welt – wie Er es getan hat –
so zu nehmen, wie sie ist
und nicht, wie ich sie haben möchte.
Darauf zu vertrauen, dass Er die Dinge richtig vollendet.
Wenn ich mich seinem Willen völlig hingebe,
so dass mein heutiges Leben
mit bescheidener Glückseligkeit erfüllt sein möge –
und mit vollkommener Glückseligkeit mit Ihm
im nächsten Leben auf Ewigkeit.

Reinhold Niebuhr (1892 – 1971)

 

Zur Geschichte des Textes ist nachfolgende Information hilfreich:

http://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/handschriften/bestand/nachlaesse-und-autographen/oetinger-archiv/gelassenheitsgebet/

Gegenwärtiges Nun

Die Tage, die seit sechs oder sieben Tagen verflossen sind, und die Tage, die da waren vor sechstausend Jahren, die sind dem heutigen Tage so nahe wie der Tag, der gestern war. Weil die Zeit in einem gegenwärtigen Nun ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Der Ursprung ist gegenwärtig

Der Ursprung ist immer gegenwärtig. Er ist kein Anfang, denn aller Anfang ist zeitgebunden. Und die Gegenwart ist nicht das bloße Jetzt, das Heute, oder der Augenblick. Sie ist nicht ein Zeitteil, sondern eine ganzheitliche Leistung und damit auch immer ursprünglich.
Wer es vermag, Ursprung und Gegenwart als Ganzheit zu Wirkung und Wirklichkeit zu bringen, sie zu konkretisieren, der überwindet Anfang und Ende und die bloß heutige Zeit.

Jean Gebser (1905-1973) im Vorwort von „Ursprung und Gegenwart“