Editorial zu „Mystik aktuell“ / November 2020

 

Foto: © wak

„Wann, wenn nicht Jetzt“ heißt es im Untertitel des Blogs „Mystik aktuell“. Ganz so, wie es Sosan um 600 formuliert hat: „Der Weg ist jenseits von Sprache, denn auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.“

Auf dem sprituellen Weg können Texte aus der mystischen Tradition wie aus der Gegenwart Begleiter sein, die eigene Verortung neu zu buchstabieren oder zu vertiefen. Dabei greife ich für den Blog  „Mystik aktuell“ auf Quellen zurück, die weit über die eigene spirituelle Herkunft hinausgehen und interreligiös, interspirituell, interkulturell neue Zugänge ermöglichen können. Stammen sie geographisch, kulturell oder spirituell auch von weit her, so können sie Anstoß, Anregung, Ansprache sein – immer neu sind sie danach zu befragen, welche Bedeutung sie für jede/n Einzelne/n haben. Jetzt.

Als 1923 Predigten von Johannes Tauler neu herausgegeben wurden, schrieb Walter Lehmann im Vorwort: „Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt. Die da hinein gebannt sind in die Massenreligion der Bevormundung, sehnen sich nach der Religion ihrer eigenen Seele …“

Ganz in diesem Sinn gilt der Satz von Sosan: Wann, wenn nicht Jetzt.

Werner Anahata Krebber im November 2020

Buchtipp X – Das Meer weist keinen Fluss zurück (Abt Muho)

Abt Muho (Olaf Nölke)

Das Meer weist keinen Fluss zurück
Ein Weg zu Liebe und Gelassenheit

Berlin Verlag, 2018, 240 Seiten, 18,- €
ISBN 978-3-8270-1380-4

Von einem gelungen scheinenden Spagat zwischen christlicher Herkunft und buddhistischem Amt berichtet Olaf Nölke, der inzwischen Abt Muho, verheiratet und Vater von drei Kindern ist. Unter dem Titel „Das Meer weist keinen Fluss zurück“ beschreibt er einen „Weg zu Liebe und Gelassenheit“. Die Hinweise von Abt Muho beziehen sich ausführlich auf Dogen, der im zwölften Jahrhundert die Soto-Schule begründete, zu der die Abtei Antaiji in Japangehört. „Der Text behandelt vier Arten praktizierter Liebe: das Geben; die Worte der Liebe; die selbstlose Hilfe und die Harmonie.“ – Anhand von Beispielen aus dem Alltag will Abt Muho einerseits auf die Aktualität hinweisen und andererseit die Relevanz für westliche Leser aufzeigen.

Verbunden sind die Ausführungen mit einem Appell: „Als Buddhist mit christlichen Wurzeln teile ich die Hoffnung, dass es der Menschheit eines Tages gelingen möge, trotz aller Differenzen brüderlich zusammenzuleben.“ Für mich etwas weit ausholend zieht Muho Beispiele des Alltags heran, um seine Sicht darzustellen. Andere mögen dies vielleicht mehr. Spannender für mich sind jene Passagen, wo er neben Dogen auch Gedanken von Buddha Shakyamuni aus dem Dhammapada heranzieht. Gedanken daraus setzt Muho z.B. in Verbindung zur Bergpredigt.

Im gleichen Verlag war übrigens von ihm bereits das Buch „Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück. Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen“ erschienen.

© w.a.k.

Ernenne Minister, die eine gute Politik machen…

Screenshot aus dem u.a. Artikel „Ratschläge, ein Land mitfühlend zu regieren“

In seiner Schrift „Kostbarer Kranz“ (Ratnavali) hat Nagarjuna (2. Jh.) Hinweise gegeben, wie Politik aus spiritueller Sicht verantwortlich gestaltet werden kann. Mehr Zitate daraus gibt es hier:

https://www.tibet.de/fileadmin/migration/pdf/tibu/2005/tibu075-2005-16-n-ratschlaege.pdf

Brücke um ans andere Ufer zu gelangen

Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird,
Ist doch sein Leben wie schwimmendes Wassergras,
ostwärts, westwärts, ohne eine Zeit der Ruhe.
Shakyamuni entsagte seiner adligen Herkunft
und widmete sein Leben,
Um andere davor zu bewahren sich selbst zu zerstören.
Achtzig Jahre auf dieser Erde,
Fünfzig Jahre das Dharma verkündend,
Schenkt er die Sutren als ein ewiges Erbe;
Selbst heute noch eine Brücke.
um ans andere Ufer zu gelangen.

Ryokan (1758 – 1831)