Die Sehnsucht Gottes nach sich selber

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Es wohnt eine tiefe Sehnsucht im Menschen, die das Göttliche selber ist. Gott drängt in uns zur Entfaltung und zum Erwachen. In uns Menschen stellt sich das Erwachen des Göttlichen dar als Verlangen nach Geborgenheit, Sicherheit und Heimat. Es ist die Sehnsucht, heim zu kommen, den Platz zu finden, wo alles gut ist, wo man geliebt und angenommen ist. Der Mensch erfährt aber sehr bald im Leben, dass kein Mensch dem Menschen diese letzte Sicherheit geben kann, auch nicht der liebste. Es bleibt diese unüberbrückbare Trennung, diese Heimatlosigkeit, bis er sein wahres Selbst gefunden hat, besser, bis sein wahres Selbst durch alle Verkrustungen und Fehlentwicklungen hindurchbrechen kann. Menschen machen sich also auf den Weg zu Gott, weil sie diese tiefste Sehnsucht in sich tragen, die letztlich die Sehnsucht Gottes nach sich selber ist.

Willigis Jäger (* 1925)

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Eine Heimat zu seiner ersten Heimat machen

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Ich war im Katholizismus zuhause, nicht im römischen Katholizismus, aber im Katholizismus, ich bin im Protestantismus zuhause – jetzt vorrangig im Protestantismus – weil es schön ist, mehrere Heimaten zu haben. Und trotzdem muss man eine Heimat zu seiner ersten Heimat machen, sonst verspielt man sich im Leben. Und ich glaube, wer nur eine Heimat überhaupt gekannt hat, der ist in ihr eingekerkert, der kennt sich selbst nicht, weil er nur sich selbst kennt.

Fulbert Steffensky (*1933)

Wenn ein Gott dich berührt, wirst du zu flammender Glut

Wurzelnd ruhet der Berg, tief mit der Erde verwachsen,
Aber sein Scheitel ragt zu den Gestirnen empor.

Du bist beiden verwandt, mein Geist, dem Zeus wie dem Hades,
Und doch von beiden getrennt. Mahnend ertönt dir der Ruf:
Wahre dein Recht auf des Weltalls Höhn! Nicht haftend am Niedern
Sinke vom Staube beschwert dumpf in des Acheron Flut!
Nein, vielmehr zum Himmel empor! Dort suche die Heimat!
Denn wenn ein Gott dich berührt, wirst du zu flammender Glut.

Giordano Bruno (1548 – 1600)

Weder Wurzeln noch Heimat

Die Wolken ziehen durch den Himmel,
Sie haben weder Wurzeln noch Heimat;
genau so auch die Gedanken,
die durch deinen Geist ziehen.
Sobald der Geist
sich selber erkannt hat,
Hört jede Unterscheidung auf.

Tilopa (988 – 1069)

Wortannäherungen zu Hannah Buchholz: „Schlaflos“

Schlaflos_Cover

Blick in das Tonnengewölbe des Grabes von Galla Placidia in Ravenna

http://12koerbe.de/mosaiken/rav-01.htm

Wie ein Schutzmantel
ist das Tonnengewölbe
des Grabes von Galla Placidia in Ravenna
über dem Buch „Schlaflos“
und das blaue Halbleinen des Umschlags
ist  kein Mantel des Vergessens, kein Leichentuch.
„Schlaflos“ ist nicht Grab,
„Schlaflos“ ist Auferstehung…

Das Gedicht
ist ein gefährlicher Ort,

doch für heute ist es
meine Rettung.
(h.b.)

Ungewohnte, ungewöhnliche Zeilenfälle
ziehen sich durch den Band
mit den Gedichten von Hannah Buchholz,
die sich als Geschichte in Gedichten präsentiert.
Worte, die gesetzt sind in Zeilen,
die den Leser mitnehmen.
Sie lassen teilhaben an der Geschichte
der Lyrikerin

Aber was ist
die Geschichte hinter den Gedichten?

anwesend und abwesend
gemalt aber nicht abgebildet
angezogen und abgestoßen
im ständigen raschen Wechsel
Versuche zu verstehen
und die Erfahrung von Unverständnis

Doch das einsame Kind,
das kleine wie das große,
kann auch angenommen sein erfahren.

Denn es gibt Anker, es gibt Halt.
Menschen und Orte, die Heimat werden.
In der Natur, am See, mit dem Wind, dem Regen
der Musik.
Und Atemholen gibt es

Die umhüllende Dunkelheit der Nacht
wird zu einem Schutzschirm
mit kosmischer Dimension

Aus dem im Schmerz geborenen Wort
wird Erlösung, wird Erfüllung
Aus Leere wird Fülle
aus Dunkel wird Licht

Tiefe Ein- und Ausblicke,
in einer Sprache von seltener Dichte
und Klarheit in der Suche danach
Unklarheit und Verstörtheit und Irritationen
zu verstehen, zu bearbeiten, zu verarbeiten.
zu verwandeln, zu transformieren

Welche Kraft…

Werner Anahata Krebber , 11.01.2015 / 31.07.2015

Mehr zu „Schlaflos“ und anderen Büchern von Hannah Buchholz hier:

https://hannahbuchholz.wordpress.com/publikationen/

Alte Kirchen – neue Inhalte?

neueinhalte

Martin Schneider über die neue Nutzung alter Kirchen in Gelsenkirchen

in der „Süddeutschen“ vom 14. März 2015

Es ist ein Kreuz mit alten Kirchen. In Gelsenkirchen sogar Heilig-Kreuz (und Sankt Georg). Zwei Kirchen, deren ursprünglicher Sinn, darin Messe zu feiern etc. ad acta gelegt wurde. Und was für Kirchen!

http://de.wikipedia.org/wiki/Heilig_Kreuz_%28Gelsenkirchen%29

http://www.lwl.org/kulturatlas/Panorama?0=182625

http://de.wikipedia.org/wiki/St.-Georgs-Kirche_%28Gelsenkirchen%29

Dabei geht es nicht nur darum, dass sakrale Räume aufgegeben und einer neuen Nutzung zugeführt werden.  Die mag so sinnvoll sein wie immer sie will. Genannt werden für die Aufgabe von Gebäuden mit sinnstiftender Funktion immer finanzielle Gründe, die hier z.B. das Bistum Essen dazu bewegen. Und dieses Bistum steht da nicht allein – es ist bundesweit so zur Devise geworden: Was sich nicht „rechnet“ muss weg.

Tragisch daran ist, dass Menschen ein Stück Heimat, ein Ort der Begegnung – mit Gott und mit Menschen, ein Zuhause, ein Stück Sicherheit etc. genommen wird. Menschen, die in diesen Kirchen zum Teil alt geworden sind. Sie werden allein gelassen von einer Institution, deren eigentliche Aufgabe es ist (oder war?), Sinn zu stiften. Aus einer vorgeschobenen finanziellen Notwendigkeit wird so ein pastorales Desaster mit einer nicht nur „metaphysischen“ Heimatlosigkeit. Und ein Stück mehr Kulturverlust.