Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister…

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Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,
die strahlend und als ob sie alles wüßte
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Nach der Wahrheit streben

Das Zazen auch nur eines einzigen Menschen
In einem einzigen Augenblick
Stellt unsichtbare Harmonie mit allen Dingen her
Und hallt wider durch alle Zeit.
So trägt dieses Zazen die Wahrheit
In Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart
Dieses grenzenlosen Universums endlos weiter.
Jeder Augenblick Zazen ist gleichermaßen
Ganzheit der Übung,
Ganzheit der Verwirklichung.
Dies ist nicht nur üben im Sitzen,
Sondern wie ein Hammer, der die Leere anschlägt –
Vorher und nachher klingt sein feiner Klang überall hin.
Wie kann es auf diesen Augenblick beschränkt sein……
Sitze hingabevoll in Zazen,
Laß alle Dinge los.
Dann wirst du über die Grenzen von Verblendung
Und Erleuchtung hinausgehen,
Und abseits der Pfade des Gewöhnlichen und des Heiligen
Wirst du dich augenblicklich frei bewegen können,
Außerhalb des gewöhnlichen Denkens,
Bereichert von großer Weisheit.
Wenn du dies tust,
Wie können dann jene, die sich mit der Fischreuse
Oder dem Jagdnetz der Worte und Buchstaben abgeben,
Mit dir verglichen werden!

Dogen Zenji (1200 – 1253) im „Bendowa“ („Gespräch über das Streben nach der Wahrheit“)

 

Siehe auch hier:
http://www.ohofzendo.de/pages/mappe/index.html
und hier:
http://www.zensite.de/zd/bendowa