Einheit allen Seins

Wenn wir erfahren, wer wir sind, und wenn wir  leben, was wir sind, verkörpern wir  ewiges  Sein,  und  leben  in  der  Freiheit  des  Gottmenschen,  des Erwachten, des Erleuchteten, des  Wiedergeborenen oder des Mystikers. In diesem  Zustand  gibt  es  keine  Grenzen  zwischen  den  Menschen  und  den Geschöpfen, er ist Einheit allen Seins in vollkommener Harmonie.

Ingeborg Wolf

Er überschreitet alle Grenzen

Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert.Dieser Geist, der ohne Anfang ist, ist ungeboren und unzerstörbar. Er ist weder grün noch gelb, hat weder Form noch Erscheinung. Er gehört nicht zu der Kategorie von Dingen, die existieren oder nicht existieren. Auch kann man nicht mit Ausdrücken wie alt oder neu von ihm denken. Er ist weder lang noch kurz,weder groß noch klein, denn er überschreitet alle Grenzen, Maße, Namen, Zeichen und Vergleiche. Du siehst ihn stets vor dir, doch sobald du über ihn nachdenkst, verfällst du dem Irrtum. Er gleicht der unbegrenzten Leere, die weder zu ergründen noch zu bemessen ist.

Huang Po (um 850)

Ganz zum Hiersein verführt

Wir gehen immer verloren,
wenn uns das Denken befällt,
und werden wiedergeboren,
wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben
wie die Wolken im hellen Wind,
denn alle Grenzen, die bleiben,
sind ferner als Himmel sind.

Und es will vieles werde,
aber wir greifen es kaum.
Wie lange sind wir auf Erden
Ängstliche noch im Traum.

Fragwürdige noch wie lange,
da alles sich schon besinnt,
da das, was einstens so bange,
schon klarer vorüberrinnt?

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt,
wenn seine atmende Nähe
uns ganz zum Hiersein verführt.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Des Mysterium des Hierseins gewahr werden

Mögest du des Mysterium des Hierseins gewahr werden und eintreten in die stille Unermesslichkeit deiner eigenen Gegenwart.

Mögest du Glück und Freude finden im Tempel deiner Sinne.

Möge es dir, wenn neue Grenzen locken, nie an Ermutigung fehlen.

Mögest du dem Ruf deiner Gabe Gehör schenken und den Mut finden, ihrem Weg zu folgen.

Möge die Flamme des Zorns dich von jeglicher Falschheit befreien.

Möge Wärme des Herzens deine Gegenwart hell auflodern lassen, und möge dich die Angst niemals belangen.

Möge deine äußere Würde ein Spiegel sein der inneren Würde deiner Seele.

Mögest du dir die Zeit nehmen, die stillen Wunder zu feiern, die keine Aufmerksamkeit heischen.

Mögest du Trost finden in der geheimen Symmetrie deiner Seele.

Mögest du jeden neuen Tag als ein heiliges Geschenk erleben, gewoben um das Herz des Wunders.

 

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit. München 1999, S.133

Aufhebung der Grenzen

Betrachtet man die Wunder und Legenden etwa der Bibel als spirituelle Metaphern, und nicht als historische Berichte, so stößt man bald zu einer Verständnisweise vor, die der christlichen Urkirche der ersten Jahrhunderte nähersteht als der Lehrmeinung der Weltkirchen, und die mit den Erfahrungen der Mystik übereinstimmen: Der Erkenntnis, dass alles Geist ist.

Eine Fokussierung auf die Wahrheit der Mystik bedeutet somit keine Infragestellung von Religion, vielmehr ermöglicht sie eine Neubelebung religiöser Weltdeutung. Die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Gott, Kosmos und Transzendenz, muss keineswegs Säkularisierung bedeuten; Sie kann im Gegenteil zu der Erfahrung führen, dass alles heilig ist — eine Erfahrung, die glücklicherweise nicht legendären Gestalten wie etwa dem indischen Mystiker Ramakrishna vorbehalten ist, sondern heute von zahlreichen Menschen gemacht wird.

Joseph Campbell  (1904 – 1987) in: Reflections on the Art of Living

Mehr von und über Joseph Campbell hier:

http://www.martinweyers.com/sukhavati/mystik.htm

Von der Zauberperle

Der Herr der gelben Erde wandelte jenseits der Grenzen der Welt. Da kam er auf einen sehr hohen Berg und schaute den Kreislauf der Wiederkehr. Da verlor er seine Zauberperle.

Er sandte ERKENNTNIS aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Er sandte SCHARFBLICK aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Er sandte DENKEN aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Da sandte er SELBSTVERGESSEN aus. SELBSTVERGESSEN fand sie.

Der Herr der gelben Erde sprach: “Seltsam fürwahr, dass gerade SELBSTVERGESSEN fähig war, sie zu finden!”

Zhuangzi (oder auch Dschuang Dsi; ca. 365 – 290 v. u.Z.)

Keinen Ort, keine Grenzen, keinen Namen

Bevor diese Welten ins Leben gerufen wurden,
gab es nur Unendlichkeit, und ihr Name war Eins,
in einer so herrlichen und verborgenen Einheit,
dass sogar den Engeln, die Ihm am nächsten standen,
die Kraft zur Erkenntnis der Unendlichkeit fehlte,
und es gibt keinen Verstand, der Ihn erfassen könnte,
denn Er hat keinen Ort, keine Grenzen, keinen Namen.

Aus dem Buch “Ez Chaim”, “Baum des Lebens”, von Ari (Rabbi Isaak Luria, 1534-1572)