Das Gipfelerlebnis im Tal des Alltags verwirklichen

Foto: © wak

Jede Religion entspringt einem Gipfelerlebnis. Dies gilt für ihr innerstes Wesen, aber auch für ihre Entstehung und Entfaltung in der Geschichte. Lehre, Ethik und Ritual, drei Säulen jeder religiösen Tradition, lassen sich auf das mystische Erlebnis zurückführen. Die Lehre ist letztlich der Versuch, seinen Inhalt verstandesmässig zu deuten; die Ethik gibt Anweisungen, wie die beglückende Allzugehörigkeit, die wir auf dem Gipfel erleben, auch im Tal des Alltags willig verwirklicht werden kann; im Ritual feiert die Religion den Gefühlsgehalt mystischer Erfahrung und erreicht ihn sogar in ihren geglücktesten Formen. In Gemüt, Willen und Verstand, entfaltet sich also die Mystik geistig und leiblich in jeder Religion – will sich zumindest so verwirklichen.

David Steindl-Rast in seinem Vorwort zu Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker. Wuppertal 2014, S. 10

Lilli Vetter-Aschau: Der Tod Buddhas – Durch Liebe das All befreit

Bild: Archiv

Stickereien von Lilli Vetter – Aschau / Terstegen-Vetter (1889 – 1972)

von Hans Christoph Ade (1888 – 1981)

„Der Tod Buddhas“; man verliert das Bild nie wieder, wenn man es einmal auf sich wirken ließ. Die Legende erzählt, daß Buddha unter einem Baume starb und daß seine Seele in den Baum hinüberging, der nun sofort vom Geistigen des Heiligen berührt, in Blüten aufschimmerte. Diesen Augenblick hat die Künstlerin gestaltet. Purpurn leuchtet das Gewand des Heiligen unter dem breit und braun aufastenden Baume. Das bleiche Haupt ist eben zurückgesunken, die Hände schlaffen im brennenden Rot. Alle Linien zeigen das Ermatten des Vergänglichen. Aber darüber der Baum! Das sind nicht Blüten nur, die da rosig aufbrachen und niederschweben: das sind Sterne, aus Buddhas Geist unsäglich zart gebildet. In unermeßlicher Bewegung eilen Gläubige umher. So stürmisch sie sind: der Eindruck des Bildes ist unerhörte Gelassenheit. Im Hintergrunde wuchten Gebirge auf. Grüne, voll von Wäldern und Matten. Blaue, fernere dahinter. Und aufzungend in der Ferne, überragend, der heilige Gipfel des Himalaya. Aber das sind nicht Berge nur: auf einmal geht es uns auf: das sind Flammen, Flammen der Anbetung! Im Vordergrund geschieht das sanfte Blütenwunder, hinten, rings aber jubeln die Berge auf und preisen den todüberwindenden Geist, der durch die Liebe das All befreite. Es ist eine Größe, eine Ruhe, die unbeschreiblich sind.

Erschienen in: Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst und künstlerische Frauen-Arbeiten, 4. Ausgabe, 27. Jahrgang, S. 150-155, Darmstadt, April 1924

Aktuell nachzulesen in: Magische Blätter. Monatsschrift für geistige Lebensgestaltung.CI. Jahrgang, Juni 2020, Heft 5, S. 175-176

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/

(Biographische Ergänzungen: wak)

Aus dem Menschen selbst entstehen und verschwinden

Nicht näher bezeichnete Skulptur von Milarepa     Fotos: © wakBild und Texttafel in der Ausstellung „Der Berg ruft“ im Oberhausener Gasometer

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens…

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens….

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)  Aus dem Nachlaß / 1906 bis 1926 / Vollendetes

Die Wahrheit ist ein pfadloses Land

krishnamurtiBildquelle: wikimedia / gemeinfrei

 

Ich behaupte, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist, und Sie können sich ihr auf keinem Pfad nähern, durch keine Religion, durch keine Sekte. Das ist meine Ansicht, an der ich absolut und bedingungslos festhalte.
Die Wahrheit, die grenzenlos, unbedingt, unnahbar ist, auf welchem Pfad auch immer, kann nicht organisiert werden; auch sollte keine Organisation gebildet den, um Menschen auf einen besonderen Pfad zu führen oder zu nötigen. Wenn Sie das als erstes verstehen, dann werden Sie sehen, wie unmöglich es ist, einen Glauben zu organisieren. Glaube ist eine rein individuelle Angelegenheit, und Sie können und dürfen ihn nicht organisieren. Wenn Sie es tun, dann stirbt er, erstarrt er; er wird zur Konfession, zu einer Sekte, einer Religion, die anderen aufgenötigt wird.
Das ist es aber, was überall auf der Welt jeder zu tun versucht. Die Wahrheit wird geschmälert und zum Spielzeug für die Schwachen, für diejenigen, die nur einen Augenblick unzufrieden sind.
Die Wahrheit kann nicht heruntergeholt werden; vielmehr muss der einzelne sich die Mühe machen, zu ihr hinaufzusteigen. Sie können den Gipfel des Berges nicht ins Tal herunterholen. Wenn Sie den Gipfel des Berges erreichen wollen, müssen Sie das Tal durchqueren und die steilen Felsen hinaufklettern, ohne sich vor den gefährlichen Klippen zu fürchten.

Jiddu Krishnamurti (1895 – 1986)

Ungeborgen auf den Bergen des Herzens

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewusstseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens… .

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)