Frage und Antwort

Foto: © wak

 

Nur weil Gott auch im Menschen ist, kann der Mensch nach Gott fragen und kann Gottes Antwort vom Menschen vernommen weden. Die Begriffe innen und außen verlieren ihren Gegensatz in der Beziehung von Gott und Mensch.

Paul Tillich (1886 – 1965)

Das göttliche Sein umfassen

Jeder Mensch hat seine eigenen, ihm heiligen Vorstellungen von wahrer Religion und von der höchsten Wirklichkeit. Das von uns Menschen erschaffene Gottes-Ideal ist wie ein Magnet, der uns über unsere Begrenztheiten hinweg zu heben vermag und uns so zur Vollkommenheit führt. Aber keine unserer Vorstellungen von Gott kann das göttliche Sein ganz umfassen. Es kann sein, daß man sich die letzte, allumfassende Wirklichkeit nicht anders als ein abstraktes Sein vorstellen kann, dem man sich auf dem Wege der Meditation anzunähern versucht, und es gibt geistige Traditionen, die sich ganz auf diesen Weg der Reinigung und Ausdehnung des Bewußtseins konzentrieren.

Es gibt andere Menschen oder andere Entwicklungsstufen im Leben, in denen das göttliche Sein ein Gegenüber ist, ein Du, dem man sich dankend und bittend, demütig und verherrlichend nähern möchte. Hazrat Inayat Khan sagt: „Zweifellos wäre es ein großer Irrtum, zu behaupten, daß Gott nur eine Person ist; aber es wäre ein noch größerer Irrtum, wenn jemand Gott Seine Persönlichkeit absprechen würde.“ Die meisten Religionen haben ihren Schwerpunkt in dieser Beziehung von Mensch und Gott, deren kostbarste Erscheinungsform das Gespräch der Seele mit Gott ist, das Beten. Hazrat Inayat Khan hat seinen Murids mehrere großartige, inspirierende Gebete hinterlassen, aber niemand ist genötigt, Gebete zu sprechen, so wie auch jedem Murid freigestellt ist, dem Universellen Gottesdienst fernzubleiben.

Das Ziel des geistigen Weges, wie ihn die Mystiker sehen, ist das Einswerden mit dem göttlichen Sein. Diese Erfahrung kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden. Spätestens in dieser letzten Erfahrung heben sich dann die scheinbaren Gegensätze von abstrakt und personal, von Meditation und Gebet wieder auf. Für den Sufi ist das Herz der Ort, in welchem das Unvereinbare vereint und Gott gefunden werden kann.

Pir Vilayat Inayat Khan (1916 – 2004)

Warten, bis man Gott hört

Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber,
daß Beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern hören.
So ist es:
Beten heißt nicht sich selbst reden hören.
Beten heißt:
Still werden und warten,
bis der Betende Gott hört.
Søren Kierkegaard (1813 – 1855)

Von Buddhanatur nicht getrennt

Ein Schüler fragte Meister Tozan (807 – 869 u.Z.):
„Wie können wir heiß und kalt vermeiden?“
Wissen wollte er damit eigentlich:
Wie komme ich in die Stille, in die Mitte von allem? Er fragt aber zugleich nach einer Möglichkeit des Ausweichens, der Flucht, fragt eigentlich: Wie können wir der Dualität entfliehen?
Der Meister antwortet dem Schüler:
„Warum gehst du nicht irgendwohin, wo es weder heiß noch kalt ist?“
Worauf der Schüler nachfragt:
„Wo ist ein Ort, der weder heiß noch kalt ist?“
Und Tozan entgegnet:
„Wenn es kalt ist, sei vollständig kalt;
wenn es heiß ist, sei vollständig heiß!“

Pyar Troll sagt dazu: „Wenn wir versuchen, der Welt der Dualität zu entfliehen, befinden wir uns schon wieder ganz in der Dualität. Wenn wir sagen: ‚Ich will nur da sein, wo es warm und kalt nicht gibt, Geburt und Tod nicht gibt‘, stellen wir uns in Gegensatz zu Geburt und Tod, in Gegensatz zu warm und kalt, in Gegensatz zur ganzen Existenz, und wir vergessen, dass die gesamte Existenz mit Geburt und Tod, mit warm und kalt nicht von Buddhanatur getrennt ist.“

In: Pyar Troll, Poesie der Stille – Tanz des Lebens. Anleitungen zum Da-Sein.
Kamphausen-Verlag, 2002, S. 94/95

Innen und außen verschwimmen

Nur weil Gott auch im Menschen ist, kann der Mensch nach Gott fragen und kann Gottes Antwort vom Menschen vernommen weden. Die Begriffe innen und außen verlieren ihren Gegensatz in der Beziehung von Gott und Mensch.

Paul Tillich (1886 – 1965)