Erinnerung an das Geschehen mit Gott

 

Jüdischer Friedhof in Worms – Fotos: © wak

Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. .. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden.

Martin Buber (1878 – 1965) in: Theologische Blätter 12(1933) 272f.

 

 

 

Martin Buber: Alles erfahren

juedischerfriedhofinwormsJüdischer Friedhof in Worms                                                            Foto (c) wak

„Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. .. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden.“

Martin Buber (1878 – 1965) in: Theologische Blätter 12(1933) 272f.

 heiligersandGedenktafel am Wormser Judenfriedhof „Heiliger Sand“        Foto (c) wak

Mehr zur Geschichte des Friedhofes „Heiliger Sand“ – ältester erhaltener jüdischer Friedhof in Europa – hier:

http://www.alemannia-judaica.de/worms_friedhof.htm#Zur%20Geschichte%20des%20Friedhofes%20%22Heiliger%20Sand%22

Unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte

„Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“ hat Heinrich Heine formuliert, der in Paris auf dem Montmartre-Friedhof begraben liegt. An einen anderen bedeutenden Friedhof in Paris erinnert der Film „Forever“, der in der Mediathek von „ARTE“ zu sehen ist:

http://videos.arte.tv/de/videos/forever–7011016.html

Im Programm von ARTE heißt es dazu:

„Forever“ ist ein Film über die Kraft und die Lebendigkeit der Kunst, über einen Ort, wo die Liebe und der Tod sich die Hand reichen, wo die Schönheit alles überlebt: der Friedhof Père Lachaise in Paris.
Père Lachaise ist einer der weltweit bekanntesten und schönsten Friedhöfe. Viele renommierte Künstler der vergangenen Jahrhunderte haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Einige von ihnen werden heute noch von vielen Besuchen beehrt. Andere sind in Vergessenheit geraten – oder bekommen nur ab und zu Besuch von einzelnen Bewunderern.
In „Forever“ entdeckt der Zuschauer die geheimnisvolle, beruhigende und tröstende Schönheit dieses einzigartigen Friedhofs durch die Augen der heutigen Besucher. Viele kommen, um ihrer eigenen Angehörigen oder Freunde zu gedenken. Andere ehren „ihren“ Künstler mit einer persönlichen Nachricht oder einer Blume. Sie erzählen von der Bedeutung, die Kunst und Schönheit in ihrem Leben haben und von dem Verlust, den sie durch den Abschied ihrer Lieben erfahren haben. Oder sie kommen wie Leone Desmasures einfach, um die alten Grabsteine zu pflegen und zitieren dabei Gedichte von Apollinaire. Die Grabstätte enthüllt sich nicht nur als Ort der Ruhe und Stille, sondern auch als Ort des Friedens und als Quell des Lebens.
Friedhöfe sind wie offene Geschichtsbücher, sie beherbergen Geschichten und Schicksale längst vergangener Zeiten, sie erinnern an Menschen und erhalten auf ewig die Erinnerung an geliebte Menschen aufrecht. Die Welt des Friedhofs besteht abseits des alltäglichen Trubels und ist doch so fest mit dem Leben als solches verbunden wie sonst kaum ein zweiter Ort. Hier scheint die Zeit stillzustehen, hier ist jeder Teil eines Ganzen, Teil des Lebens und des natürlichen ewigen Kreislaufes von Leben und Tod. So wie die Erinnerung an geliebte Menschen ewig währt, so überschreitet Kunst Jahrzehnte, Generationen und Jahrhunderte.

(Niederlande, 2006, 95mn)