Du sollst minnen das Nicht…

Du sollst minnen das Nicht
Du sollst fliehen das Icht
Du sollst alleine stehn
Und sollst zu niemand gehn.

Ruhelos strebend sollst du sein
Aller Dinge dich befrein.

Du sollst die Gefangenen entbinden
Und die Freien überwinden.
Du sollst die Kranken laben
Und doch selbst nichts haben.
Du sollst das Wasser der Pein trinken
Und die Liebesglut mit dem Holze der Tugenden entzünden
Dann wohnst du in der wahren Wüste.

Mechthild von Magdeburg (* um 1207 – 1282)

In: Das fließende Licht der Gottheit. Einsiedeln, Zürich, Köln, 1955, 74