Tu‘ andern nicht an, was du nicht willst, dass dir angetan werde

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Tu‘ andern nicht an, was du nicht willst, dass dir angetan werde. Wir, die wir von unsern Kindern und von unserem Nächsten verlangen, dass sie uns ehren und das wenige Gute, das wir ihnen erwiesen, vergelten, — welche Ehrfurcht, welche Dankbarkeit schulden wir dann erst Gott, der uns alles gegeben hat, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, in dem wir leben, weben und sind. Lob und Preis ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Tommaso Campanella (1568 – 1639) im „Sonnenstaat“ (1623)

Vollkommenes Gut

Je besser man dich kennt,
desto lieber gewinnt man dich,
je vertrauter man mit dir ist,
desto liebevoller erweist du dich;
ach, was bist du doch ein unergründliches,
vollkommenes lauteres Gut.

Heinrich Seuse (1295 – 1366)

Unsere Herzensgüte im Kleinen erweisen

Wir haben unsere Herzensgüte
im Kleinen zu erweisen.
Aus der alltäglichen Einstellung
erwächst menschliche Größe.
Im gegenseitigen Respekt
erfüllt sich der Weg.

Jack Kornfield (*1945)

Unser Dasein ist ein Gasthaus

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus.
Allmorgendlich eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Moment der Traurigkeit,
eine Gewohnheit, ein Geistesblitz
stehen unerwartet vor der Tür.

Heiße sie willkommen und bitte sie alle herein!
Und sei es eine Bande von Sorgen,
die rücksichtslos durchs Haus dir fegen
und es all seines Mobiliars berauben.

Selbst solchen Gästen erweise die Ehre.
Womöglich schaffen sie in dir nur Raum
für neue Freude.

Dem düsteren Gedanken, der Scham, der Hinterlist,
öffne ihnen die Tür und lass sie lachend ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn ein jeder ist dir von oben gesandt,
um dir den Weg zu weisen.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273) zugeschrieben

Aus der Fülle ausgießen

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast
gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf
diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch,
freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit
Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst
anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,
nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn
du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst,
hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux (um 1090 -1153)