Meister Eckhart. Eine Einführung

Mehr hier: https://www.meister-eckhart-erfurt.de/aktuelles/

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Meister Eckhart – Versuch einer Annäherung

Foto: © wak

Wie ein kleines Bekenntnis klingt diese Überschrift. Ja, ich bin einer, der Meister Eckhart sehr schätzt. Und ich sehe ihn als einen, der immer neu Brücken zum Hier und Jetzt ermöglicht. Aus ganz verschiedenen Gründen.

An ihn besonders beeindruckend erinnert wurde ich, als ich das Büchlein von Daisetz Taitaro Suzuki in die Finger bekam: „Der westliche und der östliche Weg – Essays über christliche und buddhistische Mystik.“ Suzuki schreibt da einleitend – und das hat mich gepackt: „Eckharts Christentum ist einzigartig und weist vielerlei Punkte auf, die uns zögern lassen, es entweder als ‚rationalistisch modern‘ oder als ‚konservativ traditionalistisch‘ zu klassifizieren. Eckhart steht auf seinen eigenen Erfahrungen, die einer reichen, tiefen, religiösen Natur entspringen. Er versucht sie mit dem geschichtlich überkommenen, aus Legenden und Mythen gewobenen Christentum in Einklang zu bringen. Er bemüht sich, den Legenden und Mythen einen esoterischen oder inneren Sinn zu geben – und indem er das tut, betritt er Gebiete, die von den meisten seiner historischen Vorgänger nicht gestreift worden sind.“

Wieder daran denken musste ich, als ich Zen-Meditation in Bottrop bei Bruder Siegfried Aufermann machte, der die montäglichen Sitzungen mit einem Zitat Eckharts beginnen ließ, bevor es in das Schweigen ging. In die konkrete Wirklichkeit des Hier und Jetzt.

Erneut wurde ich an ihn erinnert, als ich mich intensiver mit den Beginen, ihrer Wiederbegründung und ihrer spezifischen volkssprachlichen Mystik befasste.Foto: © wak

Was war Meister Eckhart für ein Mensch? Begleiten wir ihn ein paar Schritte seines Weges:

„Meister Eckhart (1260-1328). Mönch und Prior im Predigerkloster, bedeutender Vertreter der deutschen Mystik“. Kurz und schnörkellos ist der Hinweis auf ihn. Er liest ihn in einer Broschüre der Erfurter Touristeninformation. Viele hundert Jahre später. Was fanden die Menschen denn eigentlich so beeindruckend an ihm, dem Lesemeister, dem Magister? Apropos „Deutsche Mystik“. Welch gefährliche und falsche Zuschreibung. Anlass, mich und andere zu missbrauchen und in ein widerwärtiges Gedankengespinst zu integrieren. Nein, kein Mythus des 20. Jahrhunderts! – im ewigen Nu, im Hier und Jetzt bin ich da – zeitlos. Was haben die Menschen in seinen Schriften und Predigten gefunden, wenn es ihm selbst um den Seelengrund, den Seelenfunken ging? Eckhart begibt sich auf Spurensuche nach seiner Wirkung.

Ruhigen Schrittes bewegt sich Eckhart vom Altar aus auf die Tür der Erfurter Predigerkirche zu. Die Tür steht offen. Er tritt heraus und dreht sich nach rechts in die Predigerstraße. „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erreicht.“ Nach einer Predigt von ihm ist die Tür gestaltet, die zu seiner Erinnerung in Bronze gegossen wurde. Als man vor ein paar Jahren mal wieder an ihn gedacht hatte. An den Mystiker. Dabei war er auch Philosoph und Theologe – viele Schriften zeugen davon. Aber sie sind noch weit komplexer als meine Predigten und Traktate. Und die haben es ja schon in sich.

Eckhart kam jung zu den Erfurter Dominikanern, den Mönchen des Predigerordens. Nach Studien in Paris und Köln haben sie ihn dann in Erfurt zum Prior ernannt, wieder und wieder predigt er in Köln, in Straßburg und Paris vor Dominikanerinnen und den Beginen. Er predigte in der Sprache des Volkes, fern vom Kirchenlatein der Universitäten. Und er predigte um der Wahrheit willen. Das Schicksal von Marguerite Poréte, jener Begine, die mit ihrem „Spiegel der einfachen Seelen“ den kirchlichen Zorn auf sich zog, verurteilt und schließlich als Ketzerin verbrannt wurde, blieb ihm erspart. Doch letztlich helfen konnte es ihm nicht.

Denn waren es nicht ausgerechnet zwei Mitbrüder von ihm gewesen, die ihn beim Kölner Erzbischof denunziert hatten? War es erst eine Liste mit 49 Sätzen, erreichte ihn kurze Zeit später eine umfangreichere Liste mit 59 Sätzen aus seinen Predigten und Schriften, die beanstandet wurden. Er „wollte mehr wissen, als nötig war“. So hatte es Papst Johannes XXII. ihm 1329 in die Verdammung von 28 Sätzen geschrieben.

„Alles, was die Heilige Schrift über Christus sagt, das bewahrheitet sich völlig an jedem guten und göttlichen Menschen.“

„Gott liebt die Seelen, nicht das äußere Werk.“

„Gott ist weder gut noch besser noch vollkommen; wenn ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, als wenn ich das Weiße schwarz nennen würde.“

Foto: © wak

Nein, solche Sätze bedurften der Klarstellung dachte der Papst, bedurften einer Verurteilung. Einem Machtwort, das ihn auch nach seinem Tod mundtot machen sollte. Denn erlebt hat er diese Verurteilung nicht mehr, war er doch bereits ein Jahr zuvor verstorben – wahrscheinlich auf dem Weg zum Papst nach Avignon, um sich zu rechtfertigen und seine Lehren zu verteidigen.

Na, er hatte ja immerhin widerrufen – und damit seinen Kopf erst mal aus der Schlinge gezogen. Doch es tat ihm weh, zu sagen: „Ich, Meister Eckhart, Doktor der heiligen Theologie, erkläre, Gott zum Zeugen anrufend, vor allem, dass ich jeglichen Irrtum im Glauben und jede Abirrung im Lebenswandel immer, so viel es mir möglich war, verabscheut habe … das widerrufe ich hier öffentlich und vor Euch allen und jeglichem, die gegenwärtig hier versammelt sind, weil ich dieses von nun an als nicht gesagt oder geschrieben betrachtet haben will, besonders aber auch, weil ich vernehme, dass man mich übel verstanden hat: so, als hätte ich gepredigt, mein kleiner Finger habe alles geschaffen.“ Es schmerzte ihn, so reden zu müssen. Und eigentlich doch zu wissen, dass er so falsch nicht lag mit seinem Denken. Meister Eckhart weint. Es ist der Schmerz, der aus der Wahrheit geboren ist, durchlitten in einem Umfeld, das durch und durch andere Werte für sich anerkennt:

„Ich weise darauf hin, meine Reden und Werke sind allein guten und vollkommenen Menschen gewidmet. Die sollen erfahren, dass das Allerbeste und Alleredelste, wozu man in diesem Leben kommen kann, das ist, dass du schweigest und Gott allda wirken und sprechen lässest. Wo alle Kräfte von allen ihren Werken und Bildern abgezogen sind, da wird dies Wort gesprochen.“ Hatte er das nicht immer wieder gesagt? Doch die Verurteilung war eingeschlagen wie eine Bombe, hatte tiefe Narben hinterlassen in der Theologie des Predigerordens. Und nicht nur dort. Für lange Zeit.

Bevor er die Predigerkirche verlassen hatte, kam er an einer Stelle vorbei, die durch Absperrband getrennt war. Steine waren heruntergefallen. Die Kirche bröckelte. Welch ein Symbol. Es bröckelt in vielen Kirchen, Tempeln, Moscheen, Synagogen – bis heute. Das Dogma hat die Herrschaft über den Geist übernommen. Aus der Perspektive des Dogmas kann man nichts anfangen mit Sätzen wie: „Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat mich niemand vermisst, so entwird Gott.“ Der Spagat von Mystik und Dogmatik – nicht gangbar für einen Menschen wie mich.

Gedacht hätte ich es nicht, dass hunderte Jahre später Erich Fromm in „Haben oder Sein“ auf mich kommt oder dass Daisetz Taitaro Suzuki in „Der westliche und der Östliche Weg“ Brücken zum Zen-Buddhismus schlägt. Und dass ausgerechnet ein deutscher Anarchist wie Gustav Landauer zusammen mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber die „Mystischen Schriften Meister Eckharts“ neu übersetzt. In seinem Vorwort schreibt der Anarchist Landauer: „Mit der Freiheit, die Liebe und Verehrung gibt, habe ich in dieser Ausgabe der Mystischen Schriften Meister Eckharts alles weggelassen, was uns nichts sagt. Meister Eckhart ist zu gut für historische Würdigung; er muss als Lebendiger auferstehen.“ Jener Meister Eckhart, der, so Landauer „ein kühner Erschütter war, der Hirne wie der Herzen, einer, der um die Welterkenntnis gerungen hat und der, lebensfreudig und urkräftig, die Grenzen der Sprache als ein Wissender überschritt, um jenseits seines Ichbewusstseins und des Begriffsdenkens stark und innig in der unsagbaren Welt zu versinken.“

Papst Johannes XXII. ist lange tot, so tot wie viele seiner Nachfolger. Aber es gibt Menschen, die sagen, dass ich lebe. Ihnen und den vielen anderen gilt mein Satz: „Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.“

Werner Anahata Krebber

Impulsvortrag zum Seminar: „Meister Eckhart – Wahrheit aus dem Christusbewusstsein“ des “ Arbeitskreises für abendländische Weisheit“ in Kornelimünster am 25. März 2012

Nimm dich selber wahr, und wo du dich findest, da lass dich

Foto: © Friederike Hempel, Erfurt

Die Predigergemeinde in Erfurt hat gemeinsam mit Marc Oschmann ein Bodendenkmal zu den Erfurter Reden von Meister Eckhart geschaffen. Vor jener Kirche, in dessen Kloster Meister Eckhart einige Jahre gelebt, gearbeitet, gepredigt hat. Am Westportal der Predigerkirche begegnen Passanten und Passantinnen auf dem Grund vor dem Kirchenportal auf Metallbalken in den Sandstein eingelassene Zitate von Meister Eckhart aus seiner Erfurter Zeit.

Nimm dich selber wahr, und wo du dich findest, da lass dich.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-1.html

Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-2.html

Foto: © Friederike Hempel, Erfurt

Man kann Gott nicht besser finden als dort, wo man ihn lässt.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-3.html

Lerne mitten im Wirken innerlich ungebunden zu sein.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-4.html

Foto: © Friederike Hempel, Erfurt

Je freier wir von uns selbst sind, umso mehr gewinnen wir uns.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-5.html

Der Mensch ist der beste, der das entbehren kann, was ihm nicht nottut.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-6.html

Foto: © Friederike Hempel, Erfurt

Soweit du in Frieden bist, soweit bist du in Gott.
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal/zitat-7.html

[Wenn Sie die Links anklicken, kommen Sie jeweils zu einem kurzen Erläuterungstext des in den Boden eingelassenen Satzes].

Mehr Informationen zu dem Bodendenkmal am Predigerkloster in Erfurt gibt es hier: http://www.meister-eckhart-erfurt.de/predigerkloster/bodendenkmal.html

Mein ganz besonders herzlicher Dank gilt Frau Friederike Hempel aus Erfurt, die eigens für „Mystik aktuell“ die Fotos gemacht und kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

 

Pilgerweg um Meister Eckhart

Foto: © wak

Der Pfarrer der Erfurter Predigergemeinde, Holger Kaffka, gab den nachfolgenden HInweis von Pfarrer Ralf Kühlwetter-Uhle weiter, der sich für einen Pilgerweg um Meister Eckhart engagiert.

Lieber Herr Kaffka,

ich möchte mich nochmals sehr herzlich bedanken, dass wir den Kapitelsaal am
17.11.17 ab 15.30 Uhr für den Workshop zum Meister Eckhart – Pilgerwegprojekt
nutzen dürfen.

Im Workshop wird es um die Besonderheit des geplanten Meister-Eckhart-Weges als
Pilgerweg und um das Konzept der Präsentation von Texten von und über Eckhart – im
Sinne einer „Choreografie“ – gehen, das in Grundzügen erarbeitet werden soll. Ein
weiteres Thema für später ist die Gestaltung von im weitesten Sinn mystischen
Naturräumen am Weg, die mit Aufstellung von modernen Kunstwerken einhergehen soll.
Dazu gibt es eine Projektskizze.

Neben unseren verdienten Eckhart-Experten Prof. Löser, Prof. Mieth und Prof.
Vinzent, werden auch Prof. Kern (Rostock) und Prof. Schierz sowie Vertreter des
Tourismusmarketings in Thüringen am 17.11. beteiligt sein.

Erleuchtet wie Meister Eckhart

Eine „Spiritualität für postmoderne Mystikerinnen und Mystiker“ hat die Theologin Sabine Bobert im Mai 2017 in der Erfurter Predigergemeinde vorgestellt. Hier kann der Vortrag nachgehört werden:

 

Mehr Vorträge gibt es hier:
http://www.meister-eckhart-erfurt.de/index.php?id=220

Meisterworte Meister Eckharts

Foto: © wak

Im Zusammenhang mit dem Projekt „MeisterWorte“ bei den Zweiten Meister Eckhart Tagen in Erfurt wurde Ausschnitte aus den Reden der Unterweisung in Hochdeutsch und Mittelhochdeutsch aufgenommen und in verschiedenen Erfurter Geschäften abgespielt.

Online gestellt wurden sie von der Predigergemeinde in Erfurt

 

Abschnitt 3 (Von ungelassenen Leuten….) zweisprachig
Abschnitt 4 (Vom Nutzen des Lassens) in Mittelhochdeutsch.

Mehr hier:

http://www.meister-eckhart-erfurt.de/index.php?id=220

 

Nachlesen kann man die „Reden der Unterweisung“ von Meister Eckhart hier:

http://www.meister-eckhart-erfurt.de/en/meister-eckhart-in-erfurt/reden-der-unterweisung.html

Meister Eckhart zum Nachhören

Pfarrer Holger Kaffka von der Predigergemeinde in Erfurt weist auf ein hörenswertes Angebot hin:

Beim Kirchentag auf dem Weg im Mai 2017 haben Dietmar Mieth und Sabine Bobert drei
bemerkenswerte Vorträge in der Predigerkirche gehalten:

Dietmar Mieth: „Im Geist und in der Wahrheit“
Biblische Textarbeit zu Johannes 4.
Die Begegnung von Jesus mit der Samaritanerin am Brunnen — übersetzt und ausgelegt
von Meister Eckhart

Dietmar Mieth: Meister Eckhart und Luther

Sabine Bobert: „Erleuchtet wie Meister Eckhart“
Spiritualität für postmoderne Mystikerinnen und Mystiker

Als Audio-Dateien (MP3 können die Vorträge von der nachfolgenden Seite heruntergeladen werden:

http://www.meister-eckhart-erfurt.de/index.php?id=220

Oder hier zu hören:

Dietmar Mieth: „Im Geist und in der Wahrheit“

 

Dietmar Mieth: Meister Eckhart und Luther

 

Sabine Bobert: „Erleuchtet wie Meister Eckhart“