Gebet an den Engel oder Genius

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Du mein himmlischer Freund, mein Engel,
Der du mich zur Erde geleitet hast
Und mich geleiten wirst durch die Pforte des Todes
In die Geistesheimat der Menschenseele.

Du, der du die Wege kennst seit Jahrtausenden,
Lasse nicht ab, mich zu erhellen,
Mich zu durchkraften, mir zu raten,
Dass ich aus dem webenden Schicksalsfeuer
Als ein stärkeres Schicksalsgefäss hervorgehe
Und mich immer mehr erfüllen lasse
Mit dem Sinn der göttlichen Weltenziele.

Ernst Karl Plachner (1896-1982) / fälschlicherweise Rudolf Steiner zugeschrieben, der zu diesem Gedicht Gedanken verfasst hatte

Aller Dinge Grund und Anfang

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Ich bekenne Einen ewigen Gott, der da ist das ewige, unanfängliche, einige, gute Wesen, das da außer aller Natur und Kreatur in sich selber wohnet, und keines Orts noch Raumes bedarf, auch keiner Meßlichkeit, vielweniger einigem Begriff der Natur und Kreatur unterworfen ist. Und bekenne, dass dieser einige Gott dreifältig in Personen sei, in gleicher Allmacht und Kraft, als Vater, Sohn und heiliger Geist. Und bekenne, dass dieses dreieinige Wesen auf einmal zugleich alle Dinge erfülle, und auch aller Dinge Grund und Anfang sei gewesen, und noch sei. Mehr glaube und bekenne ich, dass die ewige Kraft, als das göttliche Hauchen oder Sprechen, sei ausgeflossen und sichtbar worden; in welchem ausgeflossenen Worte der innere Himmel und die sichtbare Welt stehet, samt allem kreatürlichen Wesen, dass Gott habe alle Dinge durch sein Wort gemacht.

Zitat von Jakob Böhme (1575 – 1624) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“ von Paul Hankamer

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Wie nun Gott in der Welt wohnet…

Wie nun Gott in der Welt wohnet,
und alles erfüllet, und doch nichts besitzet;
und das Feuer im Wasser wohnet und das nicht besitzt;
und wie das Licht in der Finsternis wohnet
und die Finsternis doch nicht besitzet;
der Tag in der Nacht und die Nacht im Tage;
die Zeit in der Ewigkeit und die Ewigkeit in der Zeit:
Also ist auch der Mensch geschaffen.

Er ist nach der äussern Menschheit die Zeit,
und in der Zeit;
und die Zeit ist die äussere Welt,
dasist auch der äussere Mensch.

Und der innere Mensch ist die Ewigkeit,
und die geistliche Zeit und Welt;
welche auch stehet in
Licht und Finsternis, als in Gottes Liebe,
nach dem ewigen Licht; und in Gottes Zorn,
nach der ewigen Finsternis:
welches in ihm offenbar ist,
darinnen wohnet sein Geist,
entweder in der Finsternis, oder im Lichte.

Jabob Böhme (1575 – 1624) in: Von der neuen Wiedergeburt

 

Uns mit seiner Fülle erfüllen

Thomas Merton | Bild: Archiv

Damit wir Gott zu erkennen und zu lieben vermögen, wie er ist, muss er auf eine neue Art in uns wohnen, nicht nur in seiner Schöpferkraft, sondern auch in seiner Erbarmung, nicht nur in seiner Größe, sondern auch in seiner Klarheit, durch die er sich leer macht und zu uns hinuntersteigt, um in unserer Leere leer zu sein und uns so mit seiner Fülle zu erfüllen. So überbrückt Gott den unendlichen Abstand zwischen sich und den Geistwesen, die geschaffen sind, ihn zu lieben, durch übernatürliche Mitteilung seines eigenen Lebens. Der Vater, der in der Tiefe aller Dinge und in meinen eigenen Tiefen wohnt, teilt mir sein Wort und seinen Geist mit, und in dieser Teilnahme werde ich in sein eigenes Leben einbezogen und erkenne Gott in seiner Liebe.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: Verheißungen der Stille. Luzern-Stuttgart 1963

 

Wahrheit sein

Inayat Khan  / Foto: Archiv

Es gibt zweierlei: Wissen und Sein.
Es ist leicht, die Wahrheit zu wissen,
aber sehr schwer, Wahrheit zu sein.
Nicht im Wissen der Wahrheit
erfüllt sich der Zweck des Lebens;
er erfüllt sich dadurch,
dass man Wahrheit ist.

Inayat Khan (1882 – 1927)

Alles beginnt mit der Sehnsucht

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Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres –
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf –
Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
Dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
Dich gefunden zu haben.

Nelly Sachs (1891 – 1970)

Der Zweck des Lebens

Inayat Khan / Foto: Archiv

 

Wenn das Studium von Religion und Mystik
nicht zu wahrer Freude führt,
dann kann es gerade so gut unterbleiben,
denn dann hilft es nicht,
den Zweck des Lebens zu erfüllen.

Inayat Khan (1882 – 1927) in: Die Schale von Saki

Mystik ist Geheimnis und kann nur als Erlebnis im Geheimnis erfahren werden

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Mystik ist Geheimnis und kann nur als Erlebnis im Geheimnis erfahren werden. Eine Schule der Mystik, wo man Unterricht bekommt, ist ein Widerspruch in sich selbst. Jeder Weise sagt zu seinem Schüler: Wenn du dich sehnst und das Wort hörst, wirst du sehen, dass alles, wovon du glaubst, dass es sich erfüllen wird, nur die eine Seite ist. Die andere, wirklich großartige Seite wirst du erst noch erfahren.

Friedrich Weinreb (1910 – 1988) in: Wort, Sprache und Sprechen. Verlag der Friedrich Weinreb Stiftung 2008, S. 298 ff.

In Einklang sein mit dem was in Erscheinung tritt

Sobald wir über etwas Bescheid zu wissen glauben, machen wir dadurch einen anderen Verlauf der Dinge unmöglich. Sobald wir nicht mehr aus dem Nichtwissen heraus leben, fixieren wir unsere Situation so,dass wir das unablässige In-Erscheinung-Treten der Dinge und Ereignisse nicht mehr zu erleben vermögen. Die Dinge geschehen aber und nichts bleibt so, wie es ist. Indem wir jedoch Vorstellungen darüber hegen, was unserer Meinung nach geschehen sollte, hindern wir uns daran zu sehen, was tatsächlich geschieht. Uns entrüstet, wenn unsere Erwartungen sich nicht erfüllen. Gelingt es uns hingegen, sie loszulassen, befinden wir uns im Einklang mit dem, was in Erscheinung tritt.

Bernard Glassman (1939 – 2018)

Liebe und Mut, stärken und heilen

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Wenn wir nun die Erzählung des krausen Beiwerks entkleiden, bleibt uns eine Gestalt übrgig, sehr menschlich, sehr ernst, leidenschaftlich, plötzlicher Zornesaufwallungen fähig; ein Mensch, der eine neue, einfache und tiefe Lehre predigt, nämlich die weltumfassende, liebende Vaterschaft Gottes und das künftige Königreich des Himmels auf Erden. Sicher war er ein Mann von starker suggestiver Persönlichkeit. Er zog Jünger an sich und erfüllte sie mit Liebe und Mut. Schwache und leidene Menschen wurden durch seine Gegenwart gestärkt und geheilt. Doch dürfte er selbst von zarter Konstitution gewesen sein…

H.G. Wells (1866 – 1946) im Vorwort des Buches „Über Gott und die Welt. Revolutionäre Texte aus dem Neuen Testament“. Zürich 1975, S. 12 – 13