Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt… ~ Die unbekannte mystische Quelle des Richard Beauvais

Screenshot der nur noch im Internet-Archive zugänglichen ehemaligen Homepage von Daytop (web.archive.org/web/20160122104012/http://www.daytop.org/philosophy.html)

„Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt…“ – So beginnt ein Text, der mich seit vielen Jahren begleitet. Zuerst fand ich ihn auf der Seite einer psychosomatischen Klinik: (www.dr-reisach-kliniken.de/leitbild.html). Als Autor wurde und wird Richard Beauvais (1938 – 2019) genannt.

Später erst fand ich den Text mit Ergänzungen, mit einem Vorspann und einem Zwischentext. Zugeschrieben werden sie – fälschlicherweise (siehe Nachtrag) – der Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Und so entsteht ein spirituelles Mixtum Compositum, das es in sich hat:

Wir müssen auf unsere Seele hören, wenn wir gesund werden wollen. / (HvB zugeschrieben)

Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt.
Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht.
Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit.
Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen – er wird allein sein. / HvB fälschlich zugeschrieben +RB

Alles ist mit Allem verbunden / HvB zugeschrieben

Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten?
Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der – Teil eines Ganzen – zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet.
In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein – wie im Tod – sondern lebendig als Mensch unter Menschen. / RB

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Richard Beauvais hat den Text 1964 geschrieben, als er bei „Daytop“ gearbeitet hat, einer Einrichtung für Drogenabhängige, die das Modell der „therapeutischen Gemeinschaft“ entwickelt hat. Begründet worden war die Organisation u.a. von Dan Casriel, einem Psychiater, dessen therapeutische Praxis des „Bonding“ auch in der Klinik Herrenalb übernommen worden war. Der Name von Walter H. Lechler ist dabei für Herrenalb ebenso wichtig wie – exemplarisch –  der von Ingo Gerstenberg, der später in der Hirsenmühle gearbeitet hat. Das Klinikkonzept von therapeutischer Gemeinschaft hat Georg Reisach, ein ehemaliger Benediktinerpater,  später auch auf seine Kliniken Adula und Hochgrat übertragen.

Kleine Anmerkung am Rande: Mal wird der Text übrigens mit „Ich bin hier…“ begonnen, mal mit „Wir sind hier…“ – was dem Konzept therapeutischer Gemeinschaft sicher eher nahekommt.

Ende 2015 fusionierte Daytop Village mit Samaritan Village und änderte ihren Namen in Samaritan Daytop Village.

Schon viele Jahre früher, 1977,  gründete Beauvais zusammen mit seiner Frau Phyllis  in Bethlehem, Connecticut, eine andere therapeutische Einrichtung, „Wellspring“, in der sie einen hochstrukturierten, aber intimen Behandlungsansatz für Menschen mit schweren emotionalen, psychiatrischen und verhaltensbezogenen Problemen schaffen wollten.

Dem Nachruf von Wellspring für Richard Beauvais ist zu entnehmen, dass er nicht nur ein gläubiger Katholik gewesen sei, sondern als Benediktineroblate auch eng verbunden mit der dortigen Abtei Regina Laudis im amerikanischen Bethlehem. (wellspring.org/wellspring-co-founder-richard-beauvais-july-31-1938-january-19-2019/)

Und so schließt sich ein Kreis – zumindest für mich -, auch wenn ich die Quelle des Hildegard-Textes zunächst nicht habe ausfindig machen können. Inzwischen ist deutlich, dass der erste Teil definitiv nicht von der Benediktinerin stammt. Der Benediktineroblate Beauvais wird die ihr zugeschriebene Textstelle  allerdings vielleicht ebenso gekannt haben wie der ehemalige Benediktiner Reisach, auf dessen Klinik-Seite ich das Zitat mit den Gedanken von Hildegard von Bingen und Richard Beauvais gefunden habe.

Werner Anahata Krebber

Nachtrag:

„… Das sind keine Gedanken und Worte von Hildegard. Wortwörtlich kommt bei ihr dieser Text überhaupt nicht vor und ich könnte schwierig eine Textstelle nennen, als deren Paraphrase dieses Zitat gelten könnte. Diese Gedanken sind eindeutig untypisch für Hildegard.“

Sr. Dr. Maura Zátonyi OSB,  Vorsitzende St. Hildegard-Akademie Eibingen e.V. / Mail vom 22. 12. 2020

Hier eine aktualisierte synoptische Darstellung der Textelemente:

Nach dem Draufklicken auf die Synopse ist der Text besser lesbar…

Kann die Filmkunst zur Menschwerdung beitragen?

„Das Geistige im Film ist ein noch unentdeckter Kontinent, ein Kapitel der Filmgeschichte, das noch nicht wirklich aufgeschlagen wurde. Es sollte uns nicht genügen, immer wieder die gleiche Form des Kinos zu reproduzieren. Um etwas in unserem Leben wahr werden zu lassen, müssen wir es vorher gesehen haben. Es wäre verfehlt und unrealistisch, das derzeitige Filmsystem angreifen oder gar abschaffen zu wollen, aber es bedarf dringend der Ergänzung und des Ausgleichs. Was den meisten Filmen fehlt, ist nicht das technische Vermögen, sondern der emotionale und geistige Reichtum. Im Grunde wäre das Fernsehen ein ideales Medium, den Zuschauer Erfahrungen mit neuen Formen machen zu lassen, ihre Wahrnehmungsmöglichkeiten zu erweitern. Bei einer so großen Anzahl von Fernsehkanälen sollte es sich unsere Gesellschaft zur Aufgabe stellen, zumindest einen „Leuchtturm“ zum Brennen zu bringen. Wenigstens einen Fernsehkanal zur Schutzzone zu erklären, auf dem sich der Zuschauer sicher fühlen könnte, weil der Fernsehdirektor und die Gremien bei der Auswahl des Programms die Verantwortung für die Seelen ihrer Zuschauer im Blick hätten. Keine Zerstreuung, sondern Sammlung. Gerade in Anbetracht der kollektiv erbrachten Rundfunkgebühren sollte ein solches Vorhaben umgesetzt werden. Lebendi­ges Leben eingebettet in einem zeitlos, geistigen Organismus.

Dort könnten die europäischen Pioniere Robert Bresson, Ingmar Bergman, Luis Buñuel geehrt werden, Pier Paolo Pasolinis „Das Evangelium nach Matthäus“ (1964) und Carl Theodor Dreyers „Das Wort“ (1955), „Der Himmel über Berlin“ (1987) von Wim Wenders oder der amerikanische Filmklassiker „Lost Horizon“ (1937) von Frank Capra gezeigt werden. Und aus dem asiatischen Kino bieten sich die Filmwerke von Akira Kurosawa und Yasujiro Ozu. In „Rashomon“ (1954), einem Klassiker des japanischen Kinos, stellt sich das Erleben eines scheinbar für alle Beteiligten gleichen Geschehens als subjektiv sehr verschieden dar und zieht da­mit die objektive ethische Urteilsfähigkeit des Menschen in Zweifel. Ebenso ist der Film „Warum Bodhi Dharma in den Orient aufbrach“(1989) von Young-kyon Bae zu erwähnen. Und es sollten auf jeden Fall auch Filme aus der Bildenden Kunst gezeigt werden wie „Variations Of A Cellophane Wrapper“ (1970) von David Rimmer, „Pas des Deux“ (1968) von Norman McLaren und „Lapis“ (1966) von James Whit­ney, nicht zu vergessen die Arbeiten von Maya Deren und Jordan Belson.

… Filmkunst als Ausdruck und Weg unseres geistigen und seelischen Erwachens. Und als Mittel und Medium unserer Selbstgestaltung.“

Gefunden habe ich dieses Zitat Hier: http://www.organisationzurumwandlungdeskinos.de/ Er erschien unter dem Titel „Kann die Filmkunst zur Menschwerdung beitragen?“ im ersten Heft der neu aufgelegten „Magischen Blätter“, Ronnenberg, Frühjahr 2020

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatszeitschrift

Mitgefühl und emotionale Reife

Foto: © wak

 

Mitgefühl
ist der höchste und bedeutsamste Ausdruck
emotionaler Reife.

Auf seiner Suche
nach Erfüllung und Selbstverwirklichung
erfährt der Mensch
seine höchsten Höhen
und tiefsten Tiefen
durch Mitgefühl.

Arthur T. Jersild (1902–1994)

Mitgefühl

Mitgefühl
ist der höchste und bedeutsamste Ausdruck
emotionaler Reife.

Auf seiner Suche
nach Erfüllung und Selbstverwirklichung
erfährt der Mensch
seine höchsten Höhen
und tiefsten Tiefen
durch Mitgefühl.

Arthur T. Jersild (1902–1994)