Gelassenheit und wonnigliche Freude

Foto: © wak

Das Pferd macht den Mist in den Stall, und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat, so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Mühe auf das Feld; und daraus wächst der edle schöne Weizen und der edle süße Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da. Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst; die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Streue deinen Mist auf dieses edle Feld; daraus sprießt ohne allen Zweifel in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht auf.

In: Emmanuel Jungclaussen, Der Meister in dir. Entdeckung der inneren Welt nach Johannes Tauler, Verlag Herder, Freiburg-Basel-Wien 1975

Mehr zu Johannes Tauler am 6. Januar hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2018/12/03/seine-sprache-ist-wie-ein-bergquell-johannes-tauler-im-mystikkreis-am-6-januar-2019/

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Verwirklichung des eigenen Nichts

In seinem Grund findet der Mensch den inneren Meister als das „Ziehen“ und „Sich-Wenden“ zu Gott, als Heiligen Geist (den Tauler viel ausdrücklicher nennt als Eckhart und Seuse). Dieser überformt den Menschen und vergottet ihn, zurück in den Ursprung, wo der Mensch von Ewigkeit „Gott in Gott“ war.

Was dabei als „Lauterkeit“ , „Bildlosigkeit“ , „Weiselosigkeit“ usw. beschrieben wird, weist übrigens in die Nähe jener „Leerheit“ , wie sie im Mahayana- Buddhismus, auf dessen Hintergrund sich auch die Zen-Erfahrung ausspricht, als Kennzeichnung des Absoluten verstanden wird, d.h. „ bar jeder Bestimmung“ . Die von Tauler dabei aufgezeigte eigentümliche Rolle der Verwirklichung des eigenen Nichts – im Nichts Gottes – ist für Tauler das wichtigste Moment auf dem Wege der Entdeckung der inneren Welt!

aus: Altabt Emmanuel Junglaussen OSB, Die Bedeutung des Nichts für den Mystischen Weg bei Johannes Tauler. Ein Beitrag zum interreligiösen Dialog. In: Die beiden Türme 41(2005), Nr. 87,S. 22-30