Im Rauschen der Stille sprach Gott – Impuls zum Doing Nothing Sommer-Retreat Juli 2020

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Und siehe, der Herr ging vorüber, und es kam ein gewaltiger Sturm,
der die Berge stürzte und die Felsen zerbrach.

Aber Gott sprach nicht im Wind.

Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben,
und es wütete im ganzen Land.

Aber Gott sprach nicht im Erdbeben.

Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer,
das alles von Menschen Geschaffene verbrannte.

Aber Gott sprach nicht im Feuer.

Und nach dem Feuer kam Stille.
Und im Rauschen der Stille, da sprach Gott.

 

Martin Buber: Erstes Buch Könige 1,19

 

 

Doing Nothing.

Dazu mehr hier von Rani Kaluza selbst: doingnothing.de

 Retreat.

Das englische Wort für Rückzug, bezeichnet heute eine geplante spirituelle Ruhepause oder den Rückzug von der gewohnten Umgebung. Ein ganz wesentliches Merkmal: Entschleunigung.

In Zundert.

Dort, wo Vincenz van Gogh geboren wurde und seine Kindheit im Pfarrhaus verbracht hat. Viele Jahre nachdem er hier weg war, schrieb er noch an seine Mutter: „dass ich jahrelang immer noch mehr oder weniger wie ein Bauer aus Zundert:, Toon oder Piet aussehe…“

In einer Trappistenabtei: Maria Toevlucht

Mir geht es so, dass ich beim Namen dieses Ordens an den Trappisten Thomas Merton denke, jenen Mittler zwischen Christentum und Buddhismus. Und Merton hatte 1965 und 1966  – zwei Jahre vor seinem Tod – Briefkontakt zu einem ehemaligen Abt dieser Abtei Maria Toevlucht, Emmanuel Schuurmans. Es ging unter anderem um eremitisches Leben (http://merton.org/Research/Correspondence/y1.aspx?id=1801&fbclid=IwAR3qVTDZ-irReVPZhRUUjR2cScbntBnJLXe3sMSSoryNNVfId1zDiLXgLE0).

Die Trappisten gelten neben den Kartäusern als der strengste Orden in der katholischen Kirche und leben nach der Regel des heiligen Benedikt (ca. 480-547). Nach einer Zwischenphase der Zisterzienser gab es um 1600 Bestrebungen, zu den ursprünglichen Idealen zurückzukehren. Daraus entstand die so genannte „Observanz“-Bewegung mit einer strengeren Ordensregel in der Abtei La Trappe in der Normandie, westlich von Paris. Aus diesem Namen leitet sich Begriff „Trappisten“ ab. Schwerpunkte des Ordenslebens sind Gebet und Stillschweigen, Askese (z. B. vegetarisches Leben) und handwerkliche Tätigkeiten, hier z.B. das Brauen von Bier.

 

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Doch zurück zum Retreat, zum Innehalten, zur Entschleunigung.

Corona hat mit sich gebracht, dass wir quasi zwangsentschleunigt wurden. Viele Aktivitäten, Aktionen, Events, Feiern, Termine, wurden abgesagt, konnten gar nicht stattfinden oder nur in sehr reduzierter Form.

Hier sind wir jetzt ganz frei-willig, um uns selbstbestimmt zu entschleunigen, inne zu halten.

Pico Iyer, ein indischer Reiseschriftsteller und Essayist, hat in einem kleinen aber feinen Buch mit dem Titel „Die Kunst des Innehaltens“ ein „Plädoyer für die Entschleunigung“ formuliert, die er als „Reise nach Nirgendwo“ bezeichnet.

„Nur indem ich mich aus der Wirrniss und Zerstreuung herausziehe, kann ich etwas hören, was außerhalb meiner Hörweite ist, und mir ins Gedächtnis rufen, dass Lauschen weitaus erfrischender ist als all die Gedanken und Vorurteile zu äußern, die mir ohnehin vierundzwanzig Stunden am Tag Gesellschaft leisten. Und nur, indem ich nirgendwohin gehe – indem ich stillsitze oder meinen Geist entspanne -, entdecke ich, dass die Gedanken, die ungebeten zu mir kommen, weitaus frischer und pahntasiervoller sind als jene, die ich bewusst hervorbringe.“

Retreat, Rückzug, Innehalten, Einkehren.

Als ein Synonym für Retreat findet sich das Wort „Einkehrtag“. – Ich finde es sehr passend, auch wenn es wie aus einer fernen Welt klingt.

Hinter uns liegen – wie es im Ersten Buch Könige heißt – Stürme, Erdbeben und Feuer in ganz verschiedenen Ausdrucksformen.

Und dann, jetzt, die Stille.

Und die Einladung, sich nach innen zu kehren.

Hier nur der Hinweis auf zwei kurze Texte:

Geh nicht nach außen,
in dich selbst kehre zurück,
denn im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.
Und wenn du deine Natur als wandelbar empfindest,
übersteige dich selbst.

Augustinus (354 – 430)

 

Wenn ich ganz still bin
kann ich von meinem bett aus
das meer rauschen hören
es genügt aber nicht ganz still zu sein
ich muss auch meine gedanken vom land abziehen …

… während ich falle
und mir entsinke
höre ich auf
das meer zu suchen
weil das meer nun
von der küste heraufgekommen
und in mein zimmer getreten
um mich ist

Wenn ich ganz still bin

Dorothee Steffensky-Sölle (1929 – 2003)

 

Kehren wir uns also erst einmal nach innen – um danach gestärkt zurückkehren zu können in die Welt, zu Stürmen, Erdbeben und Feuern…

 

Impuls von Werner A. Krebber zu Beginn des Doing Nothing Sommer-Retreat „Feuer des Lichts“ von Rani Kaluza  vom 21. – 26. Juli 2020 in der Abtei Maria Toevlucht, Zundert /NL

In dein Herz einkehren

Weisheit ist, Weisheit zu kennen.
Kennst du dich selbst nicht,
wie ist da Weisheit möglich.

Hodscha, wenn du magst,
geh’ 100 mal auf Pilgerfahrt.
Besser ist es, einzukehren in dein Herz.

Yunus Emre (um 1240 – um 1321)

Zen und / oder Mystik?

Wenn von Zen oder von Mystik die Rede ist, wird oft nicht deutlich, wie sehr beide mit unserer konkreten Lebenspraxis zu tun haben können. Und dass es bei Zen oder Mystik nicht um falsche und sich widerstreitende Alternativen geht.

Doch was ist Zen eigentlich? „Zen lehrt, dass die Buddha-Natur, oder die Möglichkeit, Erleuchtung zu erreichen, in jedem innewohnt, aber aus Unwissenheit brachliegt…“. Erreicht wird die Erleuchtung „mit einem plötzlichen Durchbruch der Grenzen des gewöhnlichen, alltäglichen, logischen Denkens“, beschreibt die „New Encyclopaedia Britannica“ den Sinn des Zen.

Und was ist dann Mystik? „Durch die mystischen Berührungen wird der Mensch aus seinem verteilten, gewöhnlich-tag-täglichen Bewusstsein herausgeholt. Er wird ,eingekehrt‘ und spürt nun, dass in seinem ,Herzen‘ etwas geschieht,“ schreibt Paul Mommaers in seinem Buch „Was ist Mystik?“. Um einem Missverständnis vorzubeugen. Mystik und Zen sind selbstverständlich nicht identisch. Sie sind jedoch auch keine feindlichen Geschwister, weil es beiden, Zen wie Mystik, um die Rückbindung des Menschen an seine eigene göttliche Dimension geht.

Wenn ich Dienstags zu meiner Meditationsgruppe von Bruder Siegfried gekommen bin, sah ich immer wieder wie wenig sich der Goldkern spiritueller Weisheit von institutionalisiert religiösen, konfessionellen oder ideologischen Grenzen irritieren lässt. In gegenseitiger Achtung gingen und gehen diese Menschen miteinander um, die sich wöchentlich treffen. Zunächst reden sie über einen Text. Doch dann meditieren sie in der Stille miteinander. Den Menschen dort geht es gemeinsam darum, loszulassen. Das Aufgeben der Anhänglichkeit an Dinge, Geschöpfe oder Gewohnheiten beispielsweise. Und sie wollen gemeinsam etwas für sich entdecken. Den Blick der Einfachheit. Den Einklang mit Gott. Den Grund der eigenen Existenz und des eigenen Nichts – mit all seinen Facetten. Das Erkennen des eigenen Selbst, das Schweigen. Damit Gott die Chance hat, sprechen zu können. Zu ihnen, zu mir.

Zen, hilft ihnen/mir dabei. Und die Rückbindung an eine jahrhundertealte Mystik, wie sie von Meister Eckhart oder seinem Schüler Johannes Tauler überliefert und heute noch in ihren Kernaussagen bedeutsam ist. „Wir suchen auf verborgene Weise das Eine, das weit über Vernunft und Erkenntnis steht“, hatte bereits im fünften Jahrhundert der spätantike Philosoph Proklus geschrieben. Worte, die ebenfalls an Aktualität nichts verloren haben. Und die jenseits imaginärer Grenzen von Zen und Mystik stehen.

Werner Anahata Krebber

Die hin zur Kaaba pilgern gehn…

 

kaaba

Die hin zur Kaaba pilgern gehn,
Wenn nun an ihrem Ziel sie stehn,

In einem Thale ohne Saat
Ein altes Haus von Stein sie sehn.

Sie gingen hin, um Gott zu schaun;
Und nun ums Haus im Kreis sich drehn.

Wann sie sich lange so gedreht,
So hören sie die Stimme wehn:

Was, Thoren, ruft ihr an den Stein?
Wer wird vom Steine Brot erflehn?

Wenn ihr den Tempel Gottes sucht,
In eurem Herzen tragt ihr den.

Wohl dem, der bei sich selbst kehrt ein,
Statt pilgernd Wüsten durch zu gehn.

Jelal-ad-Din Rumi  (1207-1273) in der Übersetzung von Friedrich Rückert

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/rumi/rumi129.htm

Kleiner Schritt zum Frieden

RaumderStille_BT

Einen „Raum der Stille“ gibt es im Brandenburger Tor in Berlin. Auf der Homepage des Projektes heißt es:

Mit dem Raum der Stille werden zwei Ziele verfolgt: Er soll allen Vorbeikommenden, Gästen und Stadtbewohnern Gelegenheit bieten, einzukehren, eine Weile in Stille Platz zu nehmen, sei es, um zu entspannen, sei es, um an diesem geschichtsträchtigen Ort mit seinen düsteren, aber auch hoffnungsvollen Erinnerungen sich zu besinnen, zu meditieren, zu beten. Weil hier alle zum stillen und friedlichen Verweilen eingeladen sind, kommt dem Raum auch eine symbolische Bedeutung zu, und das ist das zweite Ziel: Der Raum der Stille soll eine ständige Aufforderung zu Geschwisterlichkeit und Toleranz unter den Menschen, zwischen den Nationalitäten und Weltanschauungen sein, eine ständige Mahnung gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit – ein kleiner Schritt hin zum Frieden, entsprechend dem Gebet der Vereinten Nationen:

„Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht mehr von Krieg gepeinigt, nicht mehr von Hunger und Furcht gequält, nicht sinnlos nach Rasse, Hautfarbe und Weltanschauung getrennt werden. Gib uns Mut und Kraft, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen ‚Mensch‘ tragen.“

 

Mehr dazu hier:

http://www.raum-der-stille-im-brandenburger-tor.de/index.htm

Kehr sanft in stillen Geist

Gott ist ein stiller Geist, der überall zugegen;
Drum, wer ihm nahen will, darf sich nicht viel bewegen;
Verlier, was bildlich ist, und brauch nicht viel Gewalt,
Kehr sanft in stillen Geist: Ich weiß, du findst ihn bald.

Gerhard Tersteegen (1697 – 1769)

Kehre ein in dein Herz

Ge- und Verbote haben uns als spirituelle Wesen nicht weitergebracht. Um konfessionelle Ge- und Verbote hinter uns zu lassen bedarf es der direkten, authentischen mystischen Erfahrung. Der „Nu“ – der gegenwärtige Augenblick ist die direkte Kontaktstelle zum Göttlichen. Hier und Jetzt ist Erfahrung möglich. Wenn wir diese Erfahrung denken, sind wir bereits getrennt.

Dies öffnet dem Menschen Raum und Zeit zur Gotteserfahrung in allem, was ihm begegnet. Gotteserfahrung wird möglich in allem, was wir tun und erleiden. Das Eigentliche liegt in der Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit, aus der heraus die Interpretation meiner Religiosität und die Gestaltung meines Lebens kommen muss. Somit ist Gott nicht nur in der Moschee oder in der Kirche zu finden, sondern allgegenwärtig.  Der Mystiker Junus Emre hat dies so formuliert: „Illim illim bilmektir . . . Weisheit ist, Weisheit zu kennen. Kennst du dich selbst nicht, wie ist da Weisheit möglich. Hodscha, wenn du magst. geh‘ 100 mal auf Pilgerfahrt. Besser ist es, einzukehren in dein Herz.“

Mag. Dr. Phil. Gerhard K. Tucek in seinem Vortrag: Islamische Mystik und Weltverantwortung heute

Mehr hier: http://www.religionen.at/irtucek.htm

Gefunden habe ich diesen Hinweis hier:
http://seelengrund.wordpress.com/2013/01/25/egozentrifugalkraft/

Stiller Geist

Gott ist ein stiller Geist, der überall zugegen;
Drum, wer ihm nahen will, darf sich nicht viel bewegen;
Verlier, was bildlich ist, und brauch nicht viel Gewalt,
Kehr sanft in stillen Geist: Ich weiß, du findst ihn bald.

Gerhard Tersteegen (1697 – 1769)