Im innersten Grunde vollkommenste Weisheit

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Es gibt drei Weisen des Schweigens: die erste ist das Stillschweigen der Worte; die zweite das Schweigen des Begehrens und die dritte das Schweigen der Gedanken. Die erste ist vollkommen, vollkommener noch die zweite und am vollkommensten die dritte. Bei der ersten Weise, dem Schweigen der Worte, wird Tugend erlangt; bei der zweiten, dem Schweigen des Begehrens, erreicht man die Ruhe; bei der dritten Weise, dem Schweigen der Gedanken, kommt man zur inneren Sammlung. Nicht sprechend, nicht begehrend und nicht denkend gelangt man zum wahren und vollkommenen mystischen Schweigen, in welchem Gott mit der Seele spricht, sich ihr mitteilt und sie in ihrem innersten Grunde die vollkommenste und höchste Weisheit lehrt.

Miguel de Molinos (1628 -1696) in: Geistliches Weggeleit. 17. Kapitel: Vom inneren, mystischen Schweigen, Nr. 129. Freiburg Br. 2018, S. 126

Fähigkeit zu unterscheiden

Befassen wir uns jetzt mit dem traumlosen Schlaf. In welchem Zustand befindest du dich da? Kann das deine wahre Natur sein? Sicherlich nicht, du wirst doch nicht so töricht sein, dich mit dieser totalen Finsternis zu identifizieren, die dich daran hindert, den Zustand, in dem du dich gerade befindest, zu erkennen. Als denkender Mensch hast du die Fähigkeit, dich von allen Dingen, die dich umgeben, zu unterscheiden, wie kannst du dann gelten lassen, der Unwissenheit oder der Leere gleich zu sein? Wie soll das deine wahre Natur sein? Sie kann es nicht sein. Du weisst also, dass dieser Zustand dichter Finsternis deine wahre Natur verschleiert, wie kannst du dann das sein, was du als unwirklich erkannt und daher verworfen hast? Diese dunkle Unwissenheit des Tiefschlafes bist du also nicht. Etwas anderes bist DU.

Aus „Ellam Ondre“